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USA:"Hey, John, worum geht's hier?"

Die beiden "Washington Post"-Journalisten Carol Leonnig und Philip Rucker zeichnen ein erhellend-erschreckendes Porträt von Donald Trump - und kommen zu einem eindeutigen Urteil.

Der Tag, an dem "A Very Stable Genius" erstmals in den US-amerikanischen Buchläden auslag, war einer für die Geschichtsbücher. Am Dienstag vergangener Woche beschlossen die 100 Senatoren jene Verfahrensregeln, um im Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zu einem Urteil zu kommen. Für Carol Leonnig und Philip Rucker, zwei preisgekrönte Reporter der Washington Post, ist das Impeachment eine zwiespältige Sache: Ihr Buch war fast fertig, als Trump das umstrittene Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij führte. Das Verfahren kommt also nur im Nachwort vor. Andererseits macht ihr Werk, für das sie Interviews mit etwa 200 Insidern geführt haben, klar, wie Trump immer mehr Grenzen verschiebt, sich fast allen Ratschlägen widersetzt und eine Tugend einfordert: "Loyalität, die nicht dem Land, sondern dem Präsidenten selbst galt."

Dies erklärt auch, wieso Trumps Anwaltsteam im Amtsenthebungsverfahren nun äußerst aggressiv vorgeht, denn dies ist das, was der Boss will. Leonnig und Rucker beschreiben, wie Pat Cipollone und Jay Sekulow in ihren Schlüsselpositionen landeten: Sie sind Experten für das Exekutivprivileg, das US-Präsidenten viel Spielraum gibt und ihrer Ansicht nach nicht zur Herausgabe von Dokumenten zwingt.

Wie weit ist China von Indien entfernt? Pearl Harbour - was war da gleich...?

Leonnig und Rucker profitieren davon, dass sie bereits bestens mit Washingtons Politszene, dem US-Militär und Geheimdienstlern vernetzt waren, als sie 2016 begannen, über Trump zu berichten. So können sie eine Vielzahl an kleinen und auch größeren Details und Enthüllungen ausbreiten. Im November 2017 mokierte sich Trump im Gespräch mit Narendra Modi darüber, dass Indiens Premier über das aggressive Verhalten Pekings klagte: "Es ist ja nicht so, als würde China direkt vor Ihrer Grenze stehen." Modi entglitten die Gesichtszüge angesichts dieser Unkenntnis von Geografie und Sicherheitspolitik (die Nachbarn Indien und China streiten seit 1947 um Kaschmir) - ihm fehlt anders als Trumps Ministern die Übung, dessen Ignoranz mit stoischer Miene zu ertragen

"Wenn ich will, kann ich einen Krieg anfangen." Anti-Trump-Demonstrant vor dem Capitol.

(Foto: Jim Watson/AFP)

Das Bild eines US-Präsidenten, der seinem Instinkt folgt und dessen Konzentration nur für zwei Minuten oder eine halbe Seite ausreicht, haben bereits Michael Wolff und Bob Woodward beschrieben, doch so nah dran war noch niemand. Jedes der 25 Kapitel ruft die unbequeme Erkenntnis hervor: Normal ist das alles nicht. Der Originaltitel ist klug gewählt, denn Rucker und Leonnig messen Trump an dessen Selbstcharakterisierung und belegen eindrucksvoll, wie sehr es ihm an Stabilität fehlt und seine Genialität vor allem darin besteht, durch Improvisieren die eigene Basis glücklich zu machen. "Hey, John, worum geht's hier? Was besichtigen wir gerade?" soll Trump seinen Stabschef John Kelly gefragt haben, als sie Ende 2017 auf Hawaii das USS-Arizona-Memorial besuchten. Als Begriff hatte Trump schon von Pearl Harbour gehört, doch dass der Luftangriff der Japaner 1941 zum Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg sowie zum Einsatz der ersten Atombomben führte, war dem früheren Reality-TV-Star neu.

Der Pearl-Harbour-Episode war der umfassendste Versuch vorangegangen, Trump etwas beizubringen. Wirtschaftsberater Gary Cohn hatte mit Verteidigungsminister Jim Mattis eine Sitzung im "Tank" organisiert, wo sonst der US-Generalstab tagt. Dieser Raum im Pentagon sollte ihn ebenso beeindrucken wie Landkarten und "Killergrafiken", mit denen Mike Pompeo arbeitete. Sie setzten auf ein weiteres Mittel: "Um Trumps Aufmerksamkeit zu wecken, brauchte man nur seinen Namen irgendwo in den Text zu schreiben." Der Versuch, Trump nahezubringen, dass die USA von der Mitgliedschaft in der Nato sowie den Militärbasen in der ganzen Welt profitiert, misslingt völlig: Dieser Oberbefehlshaber will Verbündete für Schutz zahlen lassen. 20 Seiten umfasst die Schilderung des Treffens, das darin gipfelt, dass der Präsident dem Spitzenpersonal der US-Streitkräfte zuruft: "Mit solchen wie Ihnen würde ich mich auf keinen Krieg einlassen. Ihr seid nichts als ein Haufen Weicheier und Babys." Widerspruch kommt nicht von Vize Mike Pence, dessen Sohn Kampfpilot ist, oder von Mattis, sondern von Außenminister Rex Tillerson: "Die Männer und Frauen, die sich entscheiden, Soldaten zu werden, tun dies nicht, um Söldner zu werden. Sie tun das, um unsere Freiheit zu verteidigen." Kurz darauf sagte er zu seinen Beratern, Trump sei "ein verdammter Idiot". Tillersons späterer Rauswurf lag auch daran, dass er Trump die Stirn bot.

Die beiden Journalisten glauben: Niemand hält Trump auf

Erhellend sind die Kapitel über die Arbeit von Sonderermittler Robert Mueller, der viel zu bürokratisch agierte und es etwa ablehnte, die Zusammenfassung seines Berichts vor der Veröffentlichung zu lesen. So konnte Justizminister William Barr Trump für nahezu unschuldig erklären. Ständig tauchen Beschwerden über "the kids" auf: Tochter Ivanka und Ehemann Jared Kushner haben stets Zugang zum Präsidenten und sind mit ihrer Rolle als Berater überfordert. Dass Kushner, dessen Nahost-Friedensplan in dieser Woche präsentiert wird, wegen seiner Vergangenheit als Immobilien-Investor nie Zugriff auf höchst geheime Dokumente haben sollte, wird detailliert beschrieben - doch dieser Präsident erteilt trotzdem die Genehmigung.

Carol Leonnig, Philip Rucker: Trump gegen die Demokratie - A Very Stable Genius. Aus dem Englischen von M. Bayer, K.Dürr, H.-P. Remmler, W. Roller, K. Schuler und V. Topalova. S.-Fischer-Verlage, Berlin 2020. 560 Seiten, 22 Euro.

Erst im Schlusswort deuten die exzellenten Rechercheure an, wo sie stehen: Trump sei "ein Präsident, den niemand aufhält". Leonnig und Rucker verweisen auf Alexander Hamilton, der die Impeachment-Artikel mitverfasst hat: Sie seien vorgesehen für Präsidenten, "wie Trump einer ist: ein populistischer Demagoge, der vor Wut schäumt, vorurteilshaft regiert, von chaotischen Verhältnissen profitiert und das amerikanische Volk durch die Anhäufung von Macht verrät". In der Verantwortung stehen nun die republikanischen Senatoren, die abwägen müssen, ob ihnen die Angst vor Trumps Rache mit verletzenden Tweets wichtiger ist als die Verantwortung vor der Geschichte. Dieses Buch dokumentiert, was eigentlich jeder weiß: Für Trump zählt nur der eigene Vorteil. Insofern erscheint es zur richtigen Zeit.

© SZ vom 27.01.2020
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