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USA: Heimat für Nazi-Täter:"Wir brauchen jeden Schweinehund"

Mit diesem Argument warb bei seiner Vernehmung der Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen für sich, bisher Leiter des Abwehrdienstes "Fremde Heere Ost", und bot sich den Amerikanern als der Ost-Experte an, den sie selber nicht hatten. So lieb wurde er seinen neuen Freunden, dass sie ihn 1951 sogar ins Yankee Stadium einluden, zum Abschiedsspiel von Joe DiMaggio. Angeleitet von der CIA, baute Gehlen eine Organisation auf, die 1956 als Bundesnachrichtendienst (BND) von der Bundesrepublik übernommen wurde. Unweigerlich war dieser Geheimdienst mit zahlreichen NSDAP- und SS-Angehörigen bestückt, die möglicherweise an Verbrechen beteiligt waren, sich aber - und das war viel wichtiger - in jedem Fall als stramme Antikommunisten bewiesen hatten.

Die Rechnung damals war einfach: Im Kampf gegen die rote Gefahr ist ein Demokrat zusammen mit einem Alt-Nazi stärker als ohne ihn. Verbrecher können nützlich sein, auch für freiheitliche, demokratische Staaten. Der CIA-Experte Harry Rositzke sagte einmal: "Es war unbedingt notwendig, dass wir jeden Schweinehund verwendeten. Hauptsache, er war Antikommunist." Ähnlich äußerte sich der amerikanische Präsident Harry Truman, als er sagte: "Mich interessiert nicht, ob er mit Ziegen fickt. Wenn er uns hilft, benutzen wir ihn."

Das späte Interesse an Hitlers Helfern

Kaum weniger großzügig verhielten sich die Amerikaner bei den sogenannten Raketen-Experten um Wernher von Braun und Walter Dornberger. Dass sie für den Bau der V-2 Zwangsarbeiter eingesetzt hatten, von denen viele starben, wog gering - gemessen an ihren erwiesenen Fähigkeiten in modernster Raketentechnik. Braun wurde erst nach seiner Vergangenheit befragt, als er 1969 John F. Kennedys Versprechen eingelöst hatte, den ersten Amerikaner auf den Mond zu bringen. Eine strafrechtliche Verfolgung des ehemaligen SS-Sturmbannführers kam für die Amerikaner nicht in Frage. Er starb 1977.

Bei so viel Pragmatismus dauerte es tatsächlich bis Ende der siebziger Jahre, bis die USA systematisch zu untersuchen begannen, wen sie alles ins Land gelassen hatten. Das langjährige Desinteresse endete abrupt wegen Hermine Braunsteiner-Ryan. Die New York Times machte deren Geschichte publik unter der Schlagzeile: "Frühere Aufseherin in Nazi-Lager lebt als Hausfrau in Queens".

Die Zeitung hatte den Tipp offenbar von Nazi-Jäger Simon Wiesenthal bekommen. Es folgte ein Gerichtsverfahren gegen die Frau, sie hatte bei ihrer Einreise verschwiegen, dass sie wegen einiger Taten in Österreich verurteilt worden war. Der Prozess endete mit ihrer Ausbürgerung und Ausweisung, und er offenbarte schwere Fehler und Vertuschungsversuche der Einwanderungsbehörde INS im Umgang mit Hitlers früheren Helfern. Bald interessierte sich auch das Parlament für die Vergangenheit eingebürgerter Amerikaner. Gleichzeitig weckte die US-Fernsehserie Holocaust neues öffentliches Interesse an der Geschichte.

Verspätet wurde Besuchern der USA auf ihrem Visum-Antrag die Frage vorgelegt, ob sie an Nazi-Verbrechen beteiligt gewesen seien; da waren bereits an die zehntausend Mittäter ins Land gelangt, oft genug mit Wissen der Behörden. Die Aufgabe des Office of Special Investigations war es fortan, jene, die zu Unrecht in Amerika Zuflucht gefunden hatten, wieder loszuwerden. Sie waren zumeist nicht (oder nicht mehr) nützlich und zudem eine politische Belastung. Ihr Reiseziel konnte aus Washingtoner Sicht eigentlich nur ein Land sein: die Bundesrepublik. Wer sonst musste sich die Verbrechen der Nazis zurechnen lassen?

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