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USA:Gefährlicher Seeweg um die Tortilla-Mauer

"Es gibt kein Boot mehr": An der Küste vor San Diego werden nur noch Trümmer angespült.

(Foto: -/AFP)

Ein Schlepperboot verunglückt vor San Diego, vier Menschen kommen ums Leben. Der Vorfall zeigt, wie riskant es ist, die Grenze zwischen Mexiko und den USA auf dem Meer zu überqueren.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Die "Tortilla Wall", so wird der 22 Kilometer lange Abschnitt der Mauer an der mexikanisch-amerikanischen Grenze zwischen Tijuana und San Diego genannt, führt auch in den Pazifischen Ozean hinein. Denn viele Menschen versuchen, auf einem anderen Weg in die USA zu gelangen, als über die Grenzbefestigung zu klettern oder einen Tunnel darunter zu graben. Sie schwimmen um die Tortilla-herum oder besteigen ein kleines Boot.

Eines dieser Schlepperboote ist am Sonntag in der Nähe von Point Loma, also bereits in US-Hoheitsgebiet, auf einen Felsen gelaufen und dabei zerstört worden. Vier Menschen sind ums Leben gekommen; 25 wurden verletzt, einer davon lebensgefährlich. Es wird noch nach weiteren möglichen Insassen gesucht.

"Es zeigt, wie diese Schlepper vorgehen: Sie kümmern sich ausschließlich um den Profit; die Menschen auf den Booten sind Ware für sie", sagte der Grenzbeamte Jeff Stephenson bei einer Pressekonferenz. Die Wellen seien zum Zeitpunkt des Unglücks mehr als zwei Meter hoch gewesen, Wind und Strömung wie immer dort kräftig. Das Boot sei beim Aufprall zerschellt, die bislang bekannten 29 Insassen ins 15 Grad kalte Wasser gestürzt. Einige von ihnen seien an Land geschwommen oder hätten Felsen erklommen; mindestens sieben seien unterkühlt aus dem Ozean gerettet worden.

"Der Pazifik ist an dieser Stelle und um diese Jahreszeit extrem gefährlich. Das wissen die Schlepper aber", sagte Stephenson. Das 13 Meter lange Kajütboot, das offenbar so aussehen sollte wie eines der Boote, mit dem Amerikaner an Wochenenden ausfahren, sei zudem hoffnungslos überfüllt gewesen: "Es sind lediglich Trümmer übrig, es gibt kein Boot mehr."

"Es ist ein dramatischer Anstieg"

Der Vorfall wirft grelles Licht auf diese gefährliche Variante, die Grenze illegal zu überqueren. Zwischen Oktober 2019 und September 2020 wurden laut US-Grenzbörde mehr als 1800 Leute aufgegriffen, fast doppelt so viele wie in den zwölf Monaten davor. "Es ist ein dramatischer Anstieg", sagte Stephenson. Erst am Donnerstag stoppten Beamte ein Holzboot mit 21 Insassen etwa 18 Kilometer westlich von Point Loma. Die kalifornische Grenzbehörde habe versucht, den Aufgriff auch in mexikanischen Medien zu veröffentlichen, um die Schlepper abzuschrecken - offenbar ohne Erfolg.

Die Aufgriffe im Pazifik sind gering im Vergleich zur Gesamtzahl. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres haben US-Behörden mehr als 350 000 Leute an der Südgrenze festgesetzt. Eine so hohe Zahl hat es seit 20 Jahren nicht mehr gegeben. Donald Trump hatte während seiner Zeit als US-Präsident versucht, mit teils brachialen Mitteln dagegen vorzugehen, zu Beginn der Coronavirus-Pandemie im Frühling 2020 hat er die Grenze praktisch dichtgemacht.

Nachfolger Joe Biden hat einige Maßnahmen gelockert, seitdem sind es jeweils mehr als doppelt so viele Menschen wie im Vorjahresmonat, die versuchen, aus dem Süden vor Armut, Korruption und Gewalt in die USA zu fliehen - im März waren es fünf Mal so viele wie im März 2020. Die ganz Verzweifelten, so hieß es immer, würden versuchen, um die Tortilla Wall zu schwimmen oder auf dem Surfboard zu paddeln - nun gibt es außerdem den Anstieg der Fluchtversuche per Boot.

Die Reise beginnt meist in der mexikanischen Strandstadt Rosarito, etwa 20 Kilometer von der Grenze entfernt. Die Schlepper nutzen entweder kleine Holzboote, "Panga" genannt, um über den Weg möglichst nahe an der Küste in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Der Versuch, weiter hinauszufahren und sich als US-Urlaubsboot zu tarnen, gilt als teurer und riskanter.

Es gibt keine Statistiken, wie erfolgreich die Versuche sind - es werden nur die Aufgriffe erfasst -, bekannt ist allerdings, dass die kalifornischen Grenzbehörden ihre Maßnahmen in den vergangenen Wochen erheblich verschärft haben. "Die Einwohner dürften bemerken, dass wir im Ozean und am Strand präsenter sein werden, und dass es mehr Einsätze von Helikoptern und Flugzeugen geben wird", hieß es in einer Mitteilung.

"Die Schlepper suchen nach jeder verwundbaren Stelle", sagte Stephenson. Aufgrund der Infrastruktur an Land - verbesserte Grenzzäune, mehr Beamte, mehr Technologie - würden es nun eben mehr Menschen über den Ozean probieren, weil sie hoffen, dort unentdeckt zu bleiben. Die Tortilla Wall könne nun mal nicht weiter verlängert werden. Stephenson gab zu, dass die US-Behörden bislang nicht mit Kajütbooten gerechnet hätten. Das dürfte sich nun ändern.

© SZ/segi
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