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USA:Ein Häuschen für Oma

Corona befeuert die Suche nach neuen Wohnformen für Senioren.

Von Claus Hulverscheidt

Unter den vielen traurigen Geschichten, die von der Corona-Pandemie bleiben werden, ist die der Seniorenheime vielleicht die traurigste. Schon in Zeiten, in denen Viren allenfalls in Kinofilmen ihr übles Spiel mit der Menschheit trieben, erschienen die Tage in einer Pflegeeinrichtung oft öd und leer. Nun aber, da aus der Fantasie der Filmemacher tödlicher Ernst geworden ist, zahlt niemand einen so hohen Preis wie die Rentnerinnen und Rentner in den Seniorenstiften: eingesperrt im Heim, abgeschottet von Kindern und Enkeln, dazu der Tod, der beständig an der Türklinke, im Essenssaal oder in der Atemluft des Krankenpflegers lauert. Von den bisher 130 000 Menschen, die allein in den USA ihr Leben an Corona verloren haben, wohnten - oder arbeiteten - rund 55 000 in Altenheimen. Das sind deutlich mehr als 40 Prozent.

Immerhin: Die unwürdigen Umstände, die viele Ruheständler in den vergangenen Monaten ertragen mussten, haben in den Vereinigten Staaten die Debatte darüber befeuert, ob es überhaupt nötig ist, dass so viele Menschen in Pflegeeinrichtungen leben. Eine Alternative etwa, die viele Experten sehen, sind An- und Zusatzbauten auf dem Grundstück der Kinder oder Enkel, oft liebevoll granny flats genannt. Dort, wo es solche "Omi-Wohnungen" bereits gibt, sind es entweder kleine Gartenhäuser aus Holz oder Stein, Anbauten ans Wohnhaus oder Aufbauten auf die Garage. Im texanischen Austin etwa beschloss der Stadtrat schon kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie im April, zinsgünstige Kredite an interessierte Bürger zu vergeben und unbürokratisch Baugenehmigungen für Granny Flats zu erteilen. Die Idee ist in den USA leichter umsetzbar als in manch anderem Staat, da zwei von drei Amerikanern im eigenen Haus leben - meist mit Garten oder Hinterhof. In Deutschland etwa liegt die Quote bei unter 50 Prozent.

Ein zweiter Trend sind Alten-Wohngemeinschaften - eine Idee, die Erinnerungen an die wunderbaren "Golden Girls" wachruft, jene vier Damen gesetzten Alters, die sich in der gleichnamigen Sitcom mit ihren Marotten regelmäßig gegenseitig in den Wahnsinn trieben. Angesichts der Einsamkeit, mit der viele Senioren gerade in letzter Zeit zu kämpfen hätten, sei es nur logisch, dass Alten-WGs populärer würden, sagt Danielle Arigoni vom Verband AARP, der sich für die Interessen von Ruheständlern einsetzt. Solange das Virus noch aktiv sei, hätten WGs allerdings auch eine Kehrseite: "Manche Menschen haben vielleicht mehr Angst, wenn sie jetzt einen Mitbewohner haben", so Arigoni im Online-Nachrichtendienst Axios.

Die Debatte darüber, wo und wie Senioren ihren Lebensabend verbringen, ist auch deshalb so bedeutsam, weil die Zahl der US-Haushalte, in denen 75- bis 79-Jährige leben, laut Harvard-Universität bis 2028 um 50 Prozent steigen wird. "Wenn die Menschen im Alter in ihrer vertrauten Umgebung bleiben wollen", so Harvard-Dozentin Jennifer Molinsky, "brauchen wir dringend neue Wohnungsoptionen." In Australien, wo die Bevölkerung ebenfalls altert, ist man in dem Punkt schon weiter: Hier gibt es ab Preisen von umgerechnet gerade einmal ein paar Tausend Euro Granny Flats zur Selbstmontage zu kaufen - Onlinezugang zum Aufbauvideo inklusive.

© SZ vom 08.07.2020

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