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USA:Duell um die zweite Wahl

Wie erwartet, stimmen die meisten Briefwähler für die Demokraten. Trump muss deshalb am Wahltag deutlich mehr Amerikaner an die Urnen bringen.

Von Alan Cassidy, Washington

Bis zum Tag der Entscheidung dauert es noch eine Woche - eine Woche Wahlkampf, Umfragen und Spekulationen. Dabei hat ein großer Teil der Amerikanerinnen und Amerikaner längst gewählt: Knapp 60 Millionen haben ihre Stimme vorzeitig abgegeben, das sind viel mehr als zum gleichen Zeitpunkt vor vier Jahren. Analysten rechnen damit, dass letztlich zwischen 140 und 160 Millionen Amerikaner wählen gehen werden. Das wäre ein Rekord. Vor vier Jahren waren es 138 Millionen Wähler gewesen.

SZ-Illustration: Jessy Asmus

Noch lässt sich nicht sagen, womit sich der frühe und außergewöhnlich große Ansturm auf die Urnen erklären lässt. Vermutlich ist es eine Mischung: Wegen der Corona-Pandemie haben die meisten Bundesstaaten das sogenannte Early Voting erleichtert. Es ist für die Wähler zum einen vielerorts einfacher geworden, briefliche Wahlunterlagen anzufordern, für die es bislang eine Begründung brauchte. In einigen Bundesstaaten erhalten sie diese sogar automatisch zugeschickt. Zugleich haben die lokalen Wahlbehörden vielerorts dafür gesorgt, dass es mehr Möglichkeiten für die vorzeitige persönliche Stimmabgabe im Wahllokal gibt. Damit sollen inmitten der Pandemie große Menschenmassen am Wahltag vermieden werden.

Ein beachtlicher Teil der bislang abgegebenen Stimmen stammt von Erstwählern

Die neuen Möglichkeiten sind also ein Grund - Donald Trump der andere. Es gibt in den Daten Anzeichen dafür, dass der Kampf um die Präsidentschaft Leute an die Urne bringt, die das erste Mal überhaupt wählen oder das erste Mal seit langer Zeit. Laut der Nachrichtenagentur AP, die sich auf Daten der Wahlforschungsfirma L2 beruft, stammt ein Viertel der bis jetzt abgegebenen Stimmen von neuen oder unregelmäßigen Wählern.

Ob ihre Stimmen an den Republikaner Donald Trump gehen oder an den Demokraten Joe Biden, kann heute aber niemand sagen - so wie man auch von den übrigen Frühwählern nicht weiß, für wen sie gestimmt haben. Resultate werden erst am Wahltag veröffentlicht. Einige Tendenzen lassen sich trotzdem schon erkennen. Nach einer Zählung von AP entfallen bis jetzt 51 Prozent der vorzeitig eingegangenen Stimmen auf Wähler, die als Demokraten registriert sind, nur 31 Prozent stammen von Wählern der Republikaner. Beim Rest handelt es sich um Wähler, die keine Parteibindung haben. Diese Verteilung ist nicht überraschend. Die Demokraten rufen ihre Anhänger seit Monaten dazu auf, ihre Stimmen möglichst früh abzugeben. Die Anhänger der Republikaner hörten vor allem die Behauptungen Trumps, wonach der Briefwahl nicht zu trauen sei, weil dabei massiv betrogen werde. Man könnte deshalb auch von zwei Wahlen sprechen: eine vor dem 3. November, bei der die meisten Stimmen von den Demokraten kommen werden. Und einer am 3. November selbst, bei der eine Mehrheit der Wähler Republikaner sein wird.

Wer sich letztlich durchsetzt, hängt von den Margen ab. Und die sind in den entscheidenden Bundesstaaten in der Regel knapp. In Florida zum Beispiel, dem größten Swing State, wurden nach einer Zusammenstellung des Politologen Michael McDonald bisher 5,7 Millionen Stimmen abgegeben. Davon entfallen knapp 43 Prozent auf die Demokraten, 36 Prozent auf die Republikaner. Um diesen Rückstand wettzumachen, muss Trumps Partei am 3. November also deutlich mehr Leute an die Urne bringen als die Demokraten. Das haben die Republikaner bei früheren Wahlen durchaus geschafft. Auch Hillary Clinton hatte 2016 einen Vorsprung bei den Stimmen des Early Voting gehabt und diesen dann am Wahltag doch noch verloren.

Es gibt aber einige Unterschiede zu damals. Trump verdankt seinen Sieg vor vier Jahren auch einer recht großen Zahl von unentschiedenen Wählern, die sich in letzter Minute für ihn entschieden - oder für einen Kandidaten einer Drittpartei, die 2016 landesweit gut sechs Millionen Stimmen erhielten. Heute zeigen die Umfragen dagegen nur noch wenige unentschiedene Wähler, und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass Drittparteien in diesem Jahr eine entscheidende Rolle spielen werden. Hinzu kommt: Wer wie Trump darauf angewiesen ist, dass er einen Großteil der Stimmen am Wahltag nächste Woche erhält, ist stärker abhängig von anderen Faktoren. Er muss hoffen, dass kein Hurrikan oder Schneesturm die Wähler vom Gang ins Wahllokal abhält. Und dann ist da noch die Corona-Pandemie: In den USA haben die Neuansteckungen mit mehr als 80 000 pro Tag eine neue Spitze erreicht, auch die Zahl der Menschen, die mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, steigt mancherorts rapide an. Gut möglich, dass diese Lage einige Wähler davon abhält, sich am 3. November für Stunden vor ein Wahllokal zu stellen. Weil sie selbst erkrankt sind - oder Angst haben, krank zu werden.

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