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USA:Die Welt schaut auf Hillary Clinton

Sie will die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Aber kann die Demokratin Clinton Donald Trump verhindern? Kompetent ist sie wohl, ihr Problem ist nur: Das klingt nicht sehr aufregend.

In amerikanischen Wahlkämpfen geht es manchmal zu wie beim Autohändler: Ab und zu haben die Leute Lust auf ein neues Modell. "Sie wollen den fabrikneuen Geruch", hat US-Präsident Barack Obama einmal gesagt. Für die Demokratin Hillary Clinton, die sich im Herbst für das Weiße Haus bewirbt, ist das ein Problem: Sie ist zu lange im Geschäft, um als fabrikneu durchzugehen. Beim Parteitag der Demokraten kommende Woche in Philadelphia wird sie also dafür werben müssen, dass das Solide und Bewährte manchmal einfach am besten ist. Und sie dürfte eindringlich warnen vor dem feuerroten Cabrio, das ihr republikanischer Rivale Donald Trump den Wählern anpreist - dieses Cabrio besitzt bei genauem Hinsehen nämlich nur drei Räder und kann jederzeit durch die Leitplanke rauschen.

Trump hat die USA in seiner Rede beim republikanischen Parteitag am Donnerstag als Chaoszone beschrieben, durchsetzt von Gewaltverbrechern, belagert von Terroristen, geplündert von China. Trump, der im gesamten Vorwahlkampf auf Beleidigungen und düstere Drohungen gesetzt hatte, stilisierte sich zum Erlöser. Das Land brauche dringend Wandel, und er, nur er, könne dafür sorgen. Trump suggerierte, dass seine Stärke ausreiche, um Amerika zu retten. Er nannte allerdings keinerlei Einzelheiten.

Das Kontrastprogramm folgt nun in der kommenden Woche: Die Demokraten werden Clinton zur Kandidatin ausrufen und voraussichtlich drei Unterschiede zu Trump herausarbeiten. Erstens werden sie darauf hinweisen, dass es Amerika viel besser gehe, als es Trump behauptet. Zweitens werden sie dafür plädieren, dass unruhige Zeiten wie diese nach Kompetenz und Ernsthaftigkeit verlangten, über die Hillary im Gegensatz zu Trump verfüge. Und drittens dürfte Clinton darauf hinweisen, wie lange sie sich schon in diversen Ämtern für das Wohl ihrer Landsleute einsetze, während Trump immer nur an seinen eigenen Vorteil gedacht habe.

Clintons Problem ist es, dass all dies zwar stimmen mag, leider aber nicht sehr aufregend klingt. Die Geschichte des Jahres hat Donald Trump geschrieben: Er hat als Außenseiter die republikanische Partei erobert und einen neuen politischen Stil geprägt. Natürlich verkörpert auch Clinton etwas Neues: Sie ist die erste Frau, die von einer der großen Parteien nominiert wird, und könnte die erste Präsidentin werden. Aber dieses Neuartige verblasst oft, weil Clinton eben schon so lange im Geschäft ist. Sie hat die politische Bühne nicht verlassen, seit sie Anfang der Neunzigerjahre First Lady wurde. Sie kann nicht einmal Wandel im Weißen Haus versprechen: Die Politik Obamas will sie weitgehend fortsetzen, allenfalls in der Außenpolitik ist sie ein bisschen interventionistischer als er. Sie wird über Obama schon deshalb kein böses Wort verlieren, weil sie seine Koalition aus Jungen, Frauen, Schwarzen und Latinos braucht.

Clinton muss also darauf hoffen, dass die Wähler in diesem Jahr auf das neue Auto verzichten und sich für eine weitere Amtszeit mit dem alten begnügen. Das Land ist in einem ordentlichen Zustand, die Arbeitslosigkeit liegt bei fünf Prozent, das Benzin ist billig, und die USA sind in keinen größeren Krieg verwickelt. Obama wünscht sich Clinton ausdrücklich als seine Nachfolgerin, weil sie sein politisches Erbe bewahren wird; am Mittwoch wird er auf dem Parteitag sprechen, er hat Clinton bereits als die qualifizierteste Person gelobt, die sich je für das Weiße Haus beworben hat.

Aber Clinton hat auch deutliche Schwächen, die Mehrheit der Amerikaner hält sie nicht für vertrauenswürdig. Die Bundespolizei FBI hat sie jüngst scharf dafür gerügt, dass sie ihre dienstlichen E-Mails als Ministerin auf einem Privatserver speicherte. Clinton ist auch keine besonders begabte Wahlkämpferin, anders als ihrem Mann Bill fällt es ihr schwer, sich als natürlich und charmant zu vermarkten. Wo Trump den öffentlichen Auftritt als Chance begreift, sieht ihn Clinton als Risiko. Schließlich hat ihr Parteirivale Bernie Sanders, der am Montag reden wird, die Stimmung an weiten Teilen der Basis besser erkannt als sie: Mit seiner zornigen Kritik an der Korruptheit des politischen Systems und des globalisierten Freihandels und der Verheißung eines "demokratischen Sozialismus" begeisterte er junge Wähler, und es ist unklar, ob diese Wähler am Ende Clinton ihre Stimme geben werden.

Hillary Clinton begeistert nicht gerade viele Amerikaner, aber ihre große Chance liegt darin, dass Donald Trump ihr Rivale ist. Immerhin haben die Amerikaner eine klare Wahl dazwischen, ob sie eher beruhigt oder aufgepeitscht werden möchten. Im November wird sich zeigen, ob sie noch einmal in Obamas bewährtes Coupé mit dem stumpfen Lack einsteigen, diesmal mit Hillary am Steuer, oder aber in Trumps blitzblankes Cabrio mit dem fehlenden Rad.

© SZ vom 23.07.2016

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