USA Die USA haben ihren moralischen Führungsanspruch verspielt

US-Präsident Trump bei seiner Rede vor der UN-Generalversammlung am 19. September 2017.

(Foto: REUTERS)

Trumps pubertäre Rede vor den Vereinten Nationen liefert den Beleg: Wenn ein US-Präsident glaubt, seine Autorität durch Kriegsgeschrei zeigen zu müssen, hat er sie verloren.

Kommentar von Hubert Wetzel

Das Weiße Haus hatte der Welt eine "zutiefst philosophische" Rede versprochen: Donald Trump, der neue US-Präsident, der zum ersten Mal vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen auftritt und erklärt, was künftig Amerikas Rolle in der Welt ist. Abgeliefert hat Trump dann freilich eine pubertäre Rede, die mehr Filosofie als Philosophie war - ein Mischmasch aus Allgemeinplätzen, Versatzstücken und halbstarker Angeberei, die in der Ankündigung gipfelte, Amerika werde Nordkorea "total zerstören", wenn der "Rocket Man" Kim Jong-un und seine "kriminelle Bande" nicht aufhörten, die Vereinigten Staaten zu bedrohen.

Einmal abgesehen davon, dass es wohl völkerrechts-, bestimmt aber sittenwidrig ist, einem ganzen Land und dessen Bevölkerung mit völliger Vernichtung zu drohen, weil man mit der Regierung dieses Staates überkreuz liegt, zeigte diese Passage recht gut, was Trumps Problem ist: Der Präsident ist stets so versessen darauf, den starken Mann zu markieren, dass sein Gepoltere zunehmend bizarr klingt.

Die USA mögen eine Weltmacht sein, als Vorbild taugen sie nicht mehr

Denn natürlich wussten am Dienstag alle Zuhörer im Saal, dass ein Krieg zwischen den USA und Nordkorea zuallererst die "totale Zerstörung" Südkoreas zur Folge hätte. Wie ernst kann diese Drohung also gemeint sein? Es ist denkbar, dass Trump mit dem wüsten Gerede ein Ziel verfolgt. Welches das sein soll und ob er ihm mit seinem Gerede über Vernichtung tatsächlich näher kommt, ist freilich offen. Statt dessen könnte Trump sich bald in einer Situation wiederfinden, in der er entweder gegenüber dem Raketenmann in Pjöngjang nachgeben und - wie die meisten seine Vorgänger - in der einen oder anderen Form mit ihm verhandeln muss; oder in der er sich aus dem denkbar schlechtesten aller Gründe selbst dazu zwingt, einen Krieg zu beginnen: um zu beweisen, dass man ihn ernst nehmen sollte.

Ein amerikanischer Präsident jedoch, der erst beweisen muss, dass die Welt ihn ernst nehmen sollte, hat einen wichtigen Test bereits verpatzt. Normalerweise verleiht das Amt von sich aus genügend Ansehen, Autorität und Einfluss. Wenn ein Präsident glaubt, diese Autorität durch Krieggeschrei herstellen zu müssen, bedeutet das, dass er sie zuvor verspielt hat.

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Egal, was andere Länder machen, solange Amerika seinen Schnitt macht

Man konnte in der Rede sehr genau die Teile identifizieren, die jene altgedienten Generäle beigesteuert hatten, die Trumps außenpolitische Beratermannschaft dominieren. In diesen Passagen war von Amerikas historischer Verantwortung für die Welt die Rede. Und von der Zusammenarbeit mit Verbündeten.

Im Gegensatz dazu standen jene Teile der Rede, die von den Leuten aus dem Lager der Nationalisten stammten, das seit dem Abgang des Chefstrategen Stephen Bannon zwar geschwächt, aber längst nicht besiegt ist. Vor allem deswegen nicht, weil Trump selbst zu diesem Lager zählt. Das waren die Leute, die 21 Mal die Wörter "souverän" und "Souveränität" in das Manuskript geschrieben haben. Und zwar nicht als Bestätigung eines bewährten Prinzips, das zum Beispiel autokratischen Kriegstreibern wie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verbieten sollte, sein Nachbarland Ukraine zu filetieren; sondern als strategisches Fundament für die künftige US-Außenpolitik.

Übersetzt: Trump ist es egal, was andere Länder machen, wie andere Regierungen ihre Bürger behandeln, wie sie herrschen - solange Amerika seinen Schnitt macht. Demokratie, Bürger- und Menschenrechte, Regeln und Verträge - alles einerlei. Nach dieser Rede, gehalten vor dem prominentesten Forum der internationalen Politik, ist deshalb eines klar: Militärisch und wirtschaftlich bleiben die Vereinigten Staaten Weltmacht. Amerikas moralischen Führungsanspruch jedoch hat Donald Trump am Dienstag endgültig aufgegeben.

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