USA im Zweiten Weltkrieg Der andere Krieg

US-Soldaten 1944 in Belgien

(Foto: SZ Photo)

Auch wenn der Zweite Weltkrieg grausam war - für die USA bleibt er Vorbild für einen moralisch "guten Krieg". An der Berechtigung, ihn zu führen, hat es für die meisten Amerikaner nie ernsthafte Zweifel gegeben.

Von Reymer Klüver

Dieser Krieg ist anders. Von Anfang an anders gewesen. Anders als die meisten der vielen Kriege, die Amerika ausgefochten hat, vorher und nachher. Wie jeder Krieg war er grausam, eine elende Menschenschinderei. Aber an der Berechtigung, ihn zu führen, hat es für die (allermeisten) Amerikaner nie ernsthafte Zweifel gegeben.

"Wie sehr auch Amerikas Politik im 20. Jahrhundert in die Kritik geraten ist, die Teilnahme der Vereinigten Staaten am Zweiten Weltkrieg ist davon völlig ausgenommen, geradezu sakrosankt", schreibt der Politikwissenschaftler Bruce Russett, einer der angesehensten seines Faches in den USA. "In der Mythologie unserer Nation war das ein guter Krieg."

US-Präsident Barack Obama am 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie

(Foto: dpa)

Kein amerikanischer Präsident nach 1945 hat es versäumt, das Erbe der greatest generation (der größten Generation) zu beschwören, also der Jahrgänge, die diesen Krieg haben ausfechten müssen. Zuletzt tat dies Barack Obama im Sommer 2014, zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie. "Wenn die Welt Sie einmal wieder auf zynische Gedanken kommen lässt, halten Sie ein und denken Sie an diese Männer", sagte Obama unter Verweis auf die Opfer der Weltkriegsgeneration und im Kammerton des Patriotismus, auf den er sich so gut versteht, "wenn Sie alle Hoffnung verlieren, denken Sie an diese Männer."

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Tatsächlich hat die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg all die schrecklichen Selbstzweifel überdauert, die Amerika nach den traumatischen Jahren in Vietnam bis 1975 und wieder nach dem Endlos-Debakel im Irak von 2003 an befallen haben. Die Wunden, die diese Kriege bei den Veteranen und in der Seele der Nation hinterlassen haben (von den Opfern in Indochina und im Zweistromland ganz zu schweigen), sind längst nicht verheilt.

Die Skrupel, ja, die Schuldgefühle, die viele Amerikaner - und nicht nur die linken - nach diesen beiden so fürchterlich gescheiterten Feldzügen erfasst haben, waren beim Zweiten Weltkrieg nie wirklich aufgetaucht. Selbst im Rückblick nicht und mit historischem Abstand.

Der Krieg wurde als Akt des Heroismus gesehen

Gewiss hat Kurt Vonnegut 1969 seinen Roman "Schlachthof 5" über das Flächenbombardement von Dresden veröffentlicht und, auf der Höhe des Vietnamkriegs, heftige Kontroversen über die US-Kriegsführung ausgelöst (das Buch steht auf der Liste der 100 besten Bücher des vergangenen Jahrhunderts des Time Magazine).

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Und das Entsetzen über die Entfesselung der nuklearen Feuerstürme in Hiroshima und Nagasaki setzte ohnehin bereits kurz nach dem Krieg ein. "Als amerikanische Christen bereuen wir zutiefst den unverantwortlichen Einsatz der Atombombe", schrieb der damals sehr einflussreiche ökumenische Kirchenrat "Federal Council of Churches" schon 1946. "Wir sind darin übereingekommen, dass, wie immer man den Krieg als solchen bewertet, die Überraschungsangriffe auf Hiroshima und Nagasaki moralisch nicht zu rechtfertigen sind."

Diese Sicht der Dinge hat sich nicht durchgesetzt. Die Enola Gay, der B-29-Bomber, der Zehntausenden in Hiroshima den Tod brachte, wird mittlerweile, blank gewienert, als Ausstellungsstück an zentraler Stelle in der Flugzeughalle des Air&Space Museums in Washington gezeigt.

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Denn die generelle Wahrnehmung des Zweiten Weltkrieges in Amerika ist keineswegs von Scham und Schande geprägt. Im Gegenteil. Der Krieg wurde als ein Akt des Heroismus gesehen, im Großen wie im Kleinen. Als Kraftakt der Nation, die sich der Barbarei in den Weg stellt, und als die Summe selbstloser Heldentaten unzähliger Männer und Frauen, von denen sich nicht wenige beim Kriegseintritt der USA freiwillig gemeldet hatten.

"Der längste Tag", das Hollywood-Epos von der Landung in der Normandie, hatte diese Grundeinstellung 1962 meisterhaft eingefangen, mit dem knarzigen John Wayne in der Rolle eines Fallschirmjäger-Kommandeurs und einem Dutzend anderer Superstars jener Jahre. Noch 1998, Film-Generationen später, hallte das Echo dieser heroischen Selbstwahrnehmung Amerikas durch Hollywood und machte Steven Spielbergs Kriegsfilm "Der Soldat James Ryan" zum Kassenhit (und nicht zufällig fällt auch hier die Handlung in die Tage nach der wagemutigen Landung in der Normandie).

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Tatsächlich war es leicht, diesen Krieg immer als gerechten, eben als guten Krieg zu sehen. Hatte nicht die kaiserliche japanische Armee einen brutalen Eroberungskrieg in Ostasien geführt, dem 30 Millionen Menschen von der Mandschurei bis nach Malaysia zum Opfer gefallen waren? Nazi-Deutschland hatte ganz Europa ausgeplündert und ebenfalls Millionen ermordet. Allerspätestens nach den Bildern der Leichenberge und ausgemergelten Überlebenden aus den befreiten Konzentrationslagern konnte es keinen Zweifel daran geben, auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden zu haben.

Dieses Bewusstsein ist den Amerikanern geblieben - und auch der Anspruch, den Einsatz militärischer Mittel nicht machtpolitisch, sondern moralisch zu rechtfertigen. Ohne Zweifel hatte Obama diese Tradition im Sinn, als er 2011 die (begrenzte) Intervention der US-Luftstreitkräfte in den libyschen Bürgerkrieg rechtfertigte: "Wenn man Amerikas Verantwortung als Weltmacht beiseite schieben würde und - noch wichtiger - unsere Verantwortung für unsere Mitmenschen unter solch (bedrängten) Umständen", sagte er damals, "wäre das ein Betrug an allem, was wir sind."