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US-Republikaner John Kasich:Von Fox News zu Lehman Brothers

Oft unterscheidet er sich bewusst von den Hardlinern in seiner Partei. Er befürwortet es, "illegalen" Einwanderern ein Bleiberecht zu geben, weil viele von ihnen zu den "fleißigsten und gläubigsten Menschen gehören, die einem je begegnen werden". Er sagt, dass er als altmodischer Kerl die Homo-Ehe eigentlich ablehne, aber die Hochzeit eines schwulen Freundes besucht habe. Er befürwortet einen Schuldenerlass für arme Länder. "Wir müssen das nette Gesicht Amerikas zeigen, wenn wir globalen Einfluss haben wollen", sagt er.

Diese Rolle des erfahrenen, mitfühlenden Konservativen schien eigentlich Jeb Bush vorbehalten zu sein. Aber Bush ist es nicht gelungen, seine Partei zu begeistern. Außerdem leidet er unter dem Argwohn gegen das "Establishment", dem er als Sohn und Bruder früherer US-Präsidenten angehört. In mancher Hinsicht ist das auch für Kasich ein Problem: Er war 18 Jahre US-Abgeordneter und wechselte nach einer Zeit als TV-Moderator bei Fox News ausgerechnet zu der Investmentbank Lehman Brothers, bis die Firma 2008 pleite ging.

"Sie können mir jetzt höflich Applaus spendieren"

Was Kasich aber von Bush unterscheidet, ist zum einen sein Temperament, zum anderen die Herkunft. Kasich wirkt energiegeladener und hemdsärmeliger als Bush, manche nennen ihn einen Hybriden aus Bush und dem Poltergouverneur Chris Christie. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie, in der immer alle nur die Demokraten gewählt haben, sein Vater war Briefträger.

Im Arbeiterstaat Ohio ist Kasich im Herbst 2014 mit 64 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden, und für einen Republikaner schnitt er dabei auch bei Schwarzen, Gewerkschaftern und Frauen sehr gut ab. Ohio ist ein Staat der Wechselwähler, und in der Regel wird niemand US-Präsident, der nicht in Ohio gewinnt.

Kasich ist, anders als viele Republikaner, zur Selbstironie fähig. "Sie können mir jetzt höflich Applaus spendieren", sagt er, als er in Derry seine Rede beendet. Halb ironisch, halb verzweifelt hatte er zuvor auch sein größtes Problem beschrieben: "Zu den Dingen, die mich wirklich frustrieren, gehört, dass ihr mich nicht gut genug kennt."

© SZ vom 31.08.2015/fued
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