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US-Republikaner John Kasich:Der mitfühlende Konservative

Republican presidential candidate and Governor of Ohio John Kasich grills pork burgers at the Iowa State Fair in Des Moines

Hemdsärmelig, energiegeladen: John Kasich, Gouverneur des US-Staats Ohio, beim Burger-Grillen.

(Foto: Joshua Lott/Reuters)
  • Bis vor Kurzem kannte ihn kaum jemand, inzwischen gilt der Republikaner John Kasich als ernsthafter Anwärter auf das Weiße Haus.
  • Er überzeugt viele Beobachter mit seiner sachlichen und doch verbindlichen, zuweilen herzlichen Art.
  • Kasichs Problem könnte sein, dass er sich nicht glaubhaft vom "Establishment" abgrenzen kann - er arbeitete ausgerechnet für Lehman Brothers.

Von Nicolas Richter, Derry

Das Weiße Haus hat John Kasich schon im Alter von 18 Jahren erobert, allerdings nur für eine halbe Stunde. Der damalige Student schrieb dem US-Präsidenten, wie gern er ihn doch besuchen würde. "Meine Noten würden nicht darunter leiden", versicherte Kasich. Präsident Richard Nixon empfing ihn dann tatsächlich zum Gespräch, und weil Kasich nicht aufhörte zu reden, verlängerte er die Audienz von geplanten fünf auf zwanzig Minuten.

Heute ist der Republikaner Kasich, 63, Gouverneur von Ohio und einer von anderthalb Dutzend republikanischen Bewerbern um das Weiße Haus. Als er kürzlich im US-Staat New Hampshire in einem völlig überfüllten Vereinsheim für Veteranen auftrat, erzählte er die Nixon-Geschichte, eine Parabel dafür, dass man die unglaublichsten Dinge erreichen kann, wenn man nur daran glaubt. "Verkaufe dich nicht unter Wert", ruft er, "lebe deine Träume."

Die "eigentliche Gefahr für Hillary Clinton"

"Träum weiter vom Weißen Haus", dürften sich manche seiner Rivalen denken. Kasich hat sich spät beworben und ist landesweit kaum bekannt, in nationalen Umfragen liegt er bei vier Prozent. Die meisten Amerikaner dürften ihn Anfang August zum ersten Mal gesehen haben, als er es gerade noch in die TV-Debatte der zehn bestplatzierten Kandidaten geschafft hatte. Aber Kasich überzeugte damals viele Beobachter mit seiner sachlichen und doch verbindlichen, zuweilen herzlichen Art.

In New Hampshire, wo im Februar 2016 die zweite republikanische Vorwahl stattfindet, liegt er im Schnitt mehrerer Umfragen mit 12,7 Prozent schon an zweiter Stelle hinter Donald Trump (28,3 Prozent); er hat damit den ursprünglichen Favoriten Jeb Bush (9 Prozent) überholt. Sollte der Populist Trump irgendwann einbrechen und Bush auch weiterhin nicht begeistern, hätte Kasich eine realistische Chance. Die New York Times hat ihn gerade zur "eigentlichen Gefahr für Hillary Clinton" erklärt, also für die mutmaßliche Kandidatin der Demokraten in der Hauptwahl.

Wer als Republikaner in das Weiße Haus einziehen möchte, muss einen Spagat bewältigen: Er muss in den Vorwahlen als strammer Rechter die konservative Basis überzeugen, in der Hauptwahl mit Mäßigung und Empathie die Wechselwähler in der Mitte. Kasich erinnert also daran, dass er in den Neunzigern als US-Abgeordneter und Chef des Haushaltsausschusses im Kongress einen ausgeglichenen Staatsetat verantwortet und später, in seiner Zeit als Gouverneur von Ohio, die Ausgaben gekürzt und die Steuern gesenkt hat. Diese erwiesene Haushaltsdisziplin ist für viele Republikaner ein echter und relevanter Leistungsnachweis.

Kasich aber benimmt sich nicht einfach wie ein kaltherziger Sparkommissar - anders als manche seiner Rivalen. Er erinnert in seinen Reden oft an jene, die "im Schatten leben", Menschen mit psychischen Krankheiten etwa. Anders als viele Republikaner hat er, wie von US-Präsident Barack Obama gewünscht, als Gouverneur die Krankenversicherung für die Ärmsten ausgeweitet. "Wie meine Mutter sagte: Es ist eine Sünde, den Hilfsbedürftigen nicht zu helfen. Es ist ebenfalls eine Sünde, jenen zu helfen, die lernen müssen, sich um sich selbst zu kümmern", sagt Kasich.

Von Fox News zu Lehman Brothers

Oft unterscheidet er sich bewusst von den Hardlinern in seiner Partei. Er befürwortet es, "illegalen" Einwanderern ein Bleiberecht zu geben, weil viele von ihnen zu den "fleißigsten und gläubigsten Menschen gehören, die einem je begegnen werden". Er sagt, dass er als altmodischer Kerl die Homo-Ehe eigentlich ablehne, aber die Hochzeit eines schwulen Freundes besucht habe. Er befürwortet einen Schuldenerlass für arme Länder. "Wir müssen das nette Gesicht Amerikas zeigen, wenn wir globalen Einfluss haben wollen", sagt er.

Diese Rolle des erfahrenen, mitfühlenden Konservativen schien eigentlich Jeb Bush vorbehalten zu sein. Aber Bush ist es nicht gelungen, seine Partei zu begeistern. Außerdem leidet er unter dem Argwohn gegen das "Establishment", dem er als Sohn und Bruder früherer US-Präsidenten angehört. In mancher Hinsicht ist das auch für Kasich ein Problem: Er war 18 Jahre US-Abgeordneter und wechselte nach einer Zeit als TV-Moderator bei Fox News ausgerechnet zu der Investmentbank Lehman Brothers, bis die Firma 2008 pleite ging.

"Sie können mir jetzt höflich Applaus spendieren"

Was Kasich aber von Bush unterscheidet, ist zum einen sein Temperament, zum anderen die Herkunft. Kasich wirkt energiegeladener und hemdsärmeliger als Bush, manche nennen ihn einen Hybriden aus Bush und dem Poltergouverneur Chris Christie. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie, in der immer alle nur die Demokraten gewählt haben, sein Vater war Briefträger.

Im Arbeiterstaat Ohio ist Kasich im Herbst 2014 mit 64 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden, und für einen Republikaner schnitt er dabei auch bei Schwarzen, Gewerkschaftern und Frauen sehr gut ab. Ohio ist ein Staat der Wechselwähler, und in der Regel wird niemand US-Präsident, der nicht in Ohio gewinnt.

Kasich ist, anders als viele Republikaner, zur Selbstironie fähig. "Sie können mir jetzt höflich Applaus spendieren", sagt er, als er in Derry seine Rede beendet. Halb ironisch, halb verzweifelt hatte er zuvor auch sein größtes Problem beschrieben: "Zu den Dingen, die mich wirklich frustrieren, gehört, dass ihr mich nicht gut genug kennt."

© SZ vom 31.08.2015/fued
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