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USA: Demokraten und Republikaner im Schuldenstreit:Die verfeindeten Staaten von Amerika

Sie wollen "die da in Washington" aufmischen, Obamas "Marsch in den Sozialismus" stoppen - sie wollen weniger Staat, weniger Steuern, weniger Schulden. Der ungekannt erbitterte Kampf konservativer Hardliner gegen das linksliberale Lager des Präsidenten dreht sich um mehr als ein Kreditlimit, er macht endgültig klar: Das Land ist tief gespalten.

Diane Black weiß genau, wer schuld ist an dem Schlamassel. "Der Präsident hat keinen Plan, er führt nicht", beklagt die republikanische Kongressabgeordnete in jenem süßlichen Singsang, der typisch ist für die Melodie von Amerikas Süden.

Capitol Hill

US-Kongress: Erbitterter Kampf

(Foto: dpa)

Diane Black, eine 60-jährige Großmutter aus Gallatin, einem Vorort von Nashville in Tennessee, muss nach Luft ringen, wann immer sie auf Barack Obama zu sprechen kommt: "Das einzige, was wir von ihm hören ist, dass er die Steuern erhöhen will", empört sich die pummelige Frau im feuerroten Kostüm. Es sei "eine Schande", wie das Staatsoberhaupt die nahende Staatspleite an die Wand male und unschuldige Rentner verängstige: "Er will uns einschüchtern", poltert Black bei Fox-TV, dem Leitmedium der US-Rechten, "aber an wem läge es denn, falls die Schecks ausblieben? Am Präsidenten!"

Ja, dieser Obama ist ein Unglück für die Nation. Davon ist Diane Black, die Tea-Party-Aktivistin, überzeugt. Daheim in Tennessee genießt sie Respekt, als Krankenschwester und als Gattin eines Unternehmers, der es mit forensischer Hochtechnologie zum Multimillionär brachte. In Washington jedoch ist die Frau mit den blondierten Locken und der steten Perlenkette um den Hals ein neues Gesicht: Black gehört zu jenen 87 republikanischen Frischlingen, die bei der Kongresswahl im vergangenen November von der Welle der Anti-Obama-Proteste ins Parlament getragen wurden.

"Zu viele und zu faule Kompromisse" mit den Demokraten

Dort hat sie sich dem Tea-Party-Caucus angeschlossenen, einem Club erzkonservativer Hardliner, die "die da in Washington" aufmischen wollen: Obamas angeblichen "Marsch in den Sozialismus" wollen sie stoppen und dem eigenen Establishment die Neigung austreiben, "zu viele und zu faule Kompromisse" mit den Demokraten zu machen.

Diane Black verkörpert den Trend - den schrillen Rechtsruck in Washington, aber ebenso den leisen, steten Umbruch draußen im Land. Denn es ist kein Zufall, dass diese Republikanerin Tennessees Wahlkreis Nummer 6 eroberte: Ihr Distrikt umfasst all die neuen, boomenden Suburbs im Norden und Westen von Nashville, wohin in den vergangenen 15 bis 20 Jahren die Besserverdienenden aus Nashville zogen, wo die Besser-Gebildeten ihre Reihenhäuser und Bungalows bauten, wo neun von zehn Nachbarn Weiße sind, die ihre Kinder auf bessere Schulen schicken und häufiger als anderswo zur Kirche gehen. Früher wählte man hier demokratisch, aber das hat sich geändert: Bei der Präsidentschaftswahl 2000 lagen Links und Rechts erstmals gleichauf (mit jeweils 49 Prozent), 2004 gewann George W. Bush dann bereits mit 20 Prozentpunkten Vorsprung, und selbst bei der Obama-Wahl 2008 legten die Republikaner noch zu (62 Prozent).

Amerika sortiert sich. Die Nation verkommt immer mehr zu einem Flickenteppich, in dem Gleichgesinnte unter sich bleiben und der politisch jeweils Andersdenkende in fremden, kilometerweit entfernten Vierteln und Subkulturen lebt. "Die Vereinigten Staaten entwickeln sich zu einem Land politischer Segregation", schreibt der Sozialwissenschaftler Bill Bishop, "wir werden zu einem Land von politischen Stämmen, die sich immer weniger begegnen und deshalb immer hemmungsloser bekämpfen."

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