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USA:Das Trudeln der Weltmacht

Eine Studie zeigt: Die Amerikaner haben in der Corona-Krise an Dominanz verloren. China hingegen halten die Befragten für immer einflussreicher.

Lange waren die USA das einflussreichste Land auf Erden, militärisch sowie wirtschaftlich und kulturell. Dann kam die Corona-Krise, und in wenigen Monaten ist alles ein bisschen anders. Die Vereinigten Staaten werden immer noch als wichtigste und mächtigste Nation wahrgenommen, doch ihr Einfluss sinkt - und parallel dazu wird China wichtiger.

Zu diesem Ergebnis kommt die jährliche Befragung "Transatlantic Trends", die diesmal in zwei Durchgängen, jeweils in Januar und Mai, durchgeführt wurde. Das Fazit: die Ausbreitung des Coronavirus hat nicht nur unsere Sicht auf die Großmächte, sondern auf die ganze Welt verändert. Der wahrgenommene Einfluss der Europäischen Union sinkt leicht, gleichzeitig gewinnt Deutschland auf europäischer Ebene immer mehr an Bedeutung. Und die USA sind nicht das einzige Land, das bei der Krise schlecht wegkommt: auch Russland rückt zunehmend in den Hintergrund. Für die Studie, die vom German Marshall Fund, dem Institut Montaigne und der Bertelsmann Foundation in Auftrag gegeben wurde, sind insgesamt 6000 Personen in Deutschland, Frankreich und den USA befragt worden.

Vereinigte Staaten: Die Studie kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem die USA immer noch mit der Ausbreitung des Coronavirus hart zu kämpfen haben. Präsident Donald Trump hat die Pandemie zunächst kleingeredet; mit 2,5 Millionen Fallzahlen und über 125 000 Toten sind nun die USA, zumindest in absoluten Zahlen, das weltweit am meisten betroffene Land - einige Gouverneure sahen sich deshalb dazu gezwungen, die Lockerungen vorerst zu stoppen. Das hinterlässt Spuren, auch in der Wahrnehmung der Menschen: Während 76 Prozent der US-Amerikaner ihr Land als die führende Weltmacht betrachten, tun dies nur 55 Prozent der Franzosen und 54 Prozent der Deutschen - Tendenz sinkend.

Laut Martin Quencez, Vize-Direktor beim German Marshall Fund in Paris, handelt es sich bei dem sinkenden Einfluss der USA um einen Prozess, der schon in den letzten Jahren der Obama-Amtszeit begonnen und sich dann unter Trump fortgesetzt hat, aber der insbesondere seit dem Ausbruch des Coronavirus an Geschwindigkeit gewonnen hat. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Trend sich nach der Krise fortsetzen wird, zumindest mittelfristig", betont Quencez.

China: Parallel zum sinkenden Einfluss der USA steigt die Bedeutung Chinas. Seit Beginn der Pandemie denken immer mehr Menschen, dass die asiatische Großmacht das einflussreichste Land der Welt ist - insbesondere in Frankreich, wo dieser Anteil der Befragten in nur vier Monaten von 13 auf 28 Prozent gestiegen ist. "Die Corona-Krise hat die Abhängigkeit von China gezeigt, insbesondere bei der Maskenknappheit", sagt Martin Quencez. Laut der Studie wird allerdings das bevölkerungsreichste Land der Erde generell als Bedrohung wahrgenommen und seine Dominanz negativ bewertet. Die Befragten fordern deshalb eine härtere Haltung gegenüber China, insbesondere in Bezug auf Themen wie den Klimawandel, die Menschenrechte und die Cybersicherheit.

Europa: Auf europäischer Ebene, so die Studie, hat sich die Wahrnehmung der Befragten weniger geändert: Deutschland bleibt in den Augen der Deutschen und der Franzosen das einflussreichste Land, die Schere zwischen den zwei Nachbarländern wird allerdings breiter. Für die Autoren der Studie ist das ein Zeichen dafür, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei der Bekämpfung der Corona-Krise nicht überzeugen konnte, insbesondere nicht die Älteren. Marginaler wird auch die Rolle Großbritanniens - es sei denn, man fragt die US-Amerikaner. Sie sind nämlich der Meinung, dass die Insel jenseits des Ärmelkanals deutlich wichtiger und mächtiger ist als alle anderen Länder in Europa.

Schließlich, dass der gefühlte Einfluss der Europäischen Union - vor allem in Frankreich - leicht sinkt, hat laut dem Politologen damit zu tun, dass zunächst Verwirrung über die Rolle der EU in der Krise herrschte - und dass eine europäische Antwort auf das Coronavirus erst spät kam.

Themen: Insbesondere bei den US-Amerikanern hat die Corona-Krise die Prioritäten verändert: Klimawandel, Handel und Terrorismusbekämpfung waren die wichtigsten Themen vor der Pandemie, nun steht die Gesundheit an erster Stelle. Deutsche und Franzosen sind hingegen nach wie vor der Auffassung, dass vor allem in Sachen Klimawandel eine Kooperation zwischen den Staaten notwendig sei.

© SZ vom 30.06.2020

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