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Pandemie:"Zwei Meter, Ihr Zicken!"

Farbige Corona-Armbändchen erleichtern das Arbeitsleben.

Von Claus Hulverscheidt

Es ist ja so eine Sache mit den lieben Kollegen und Geschäftsfreunden. Der eine will geduzt werden, die andere besteht auf dem förmlichen "Sie". Manche mag man wirklich, andere nur wegen ihrer prall gefüllten Firmenkasse. Die Frau des Großkunden erhält zur Begrüßung ein zart hingehauchtes Küsschen auf die Wangen, beim Blödmann vom Niedrigpreiskonkurrenten reicht ein knappes "Mahlzeit". Jedes Branchentreffen erfordert ein Höchstmaß an Geschmeidigkeit.

Corona hat die Gemengelage weiter verkompliziert. Das merken dieser Tage die Amerikaner, die nach einem Jahr im Home-Office in die Büros, die Messehallen und Konferenzsäle des Landes zurückkehren. Denn nun sind es nicht mehr nur Sympathie und Geschäftssinn, die darüber entscheiden, ob man jemanden abbusselt, auf die Schulter schlägt oder mit Missachtung straft. Hinzu kommt die Frage: Wie hält es der Einzelne mit dem Virus?

Da ist die Gruppe derer, die die Pandemie gedanklich längst hinter sich gelassen haben und so tun, als wäre nie etwas gewesen. Da sind die Unsicheren, die keine Spielverderber sein wollen, aber auch noch nicht wieder umarmt werden möchten. Und da sind die Ängstlichen, die nur da sind, weil sie müssen, eigentlich aber lieber daheim wären. Wie bekommt man Ordnung in ein solches Wirrwarr?

Die Handelskammer des Landkreises Chesterfield in Virginia hat jetzt eine Lösung gefunden. Bei allen Vortragsveranstaltungen, Festessen und Netzwerktreffen können sich die Teilnehmer ein Silikonbändchen über den Arm streifen, das anzeigt, wie nah man das Leben schon wieder an sich heranlassen möchte. Rot heißt, frei übersetzt: Bleib mir bloß vom Leib! Gelb bedeutet: Ellbogengruß ist okay, aber nicht mehr! Und Grün signalisiert: Umarme mich, wenn's dir Spaß macht! Seither kann jeder auf den ersten Blick sehen, wie viel Meter Abstand ein Gesprächspartner für angemessen hält.

Kammerchefin Danielle Fitz-Hugh ist jedoch nicht die Einzige, die auf die Ampel-Idee gekommen ist. Im ganzen Land verteilen Abteilungsleiter, Hochzeitsplaner und Konferenzveranstalter solche Bänder, die unter Namen wie "Social-Distancing-Kit für Veranstaltungen" verkauft werden. Neben drei Einmachgläsern mit Bändchen erhalten die Kunden ein Poster mit Standarderklärungen, welche Farbe was bedeutet. Wer will, kann aber auch individuelle Definitionen bestellen, die - Beispiel Rot - von "Abstand wärmt das Herz" bis "Zwei Meter, Ihr Zicken!" reicht.

Auch der Ampelcode hat allerdings seine Tücken, wie Veranstaltungsleiter berichten. Teilnehmer mit roten Armbändern stehen oft allein in der Ecke - was zwar in der Natur der Sache liegt, aber dennoch ein Gefühl der Ausgrenzung erzeugt. Umgekehrt sitzen die Träger gelber Gummis oft zwischen allen Stühlen: Kollegen in Grün fallen ihnen um den Hals, Geschäftspartner in Rot scheuchen sie fort.

Und auch Täuschungsmanöver gibt es zuhauf, wie Bryan Swanson, Hochzeitsplaner aus Denver, dem Wall Street Journal erzählt hat. Manche Gäste trügen nur deshalb rote Bänder, "um dem Gespräch mit Tante Judy aus dem Weg zu gehen", sagt er. Und überhaupt: "Haben erst einmal alle ein paar Drinks intus, gibt es sowieso keine Schranken mehr. Dann umarmt jeder jeden."

© SZ
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