Süddeutsche Zeitung

USA:Comeback für den guten Zweck

Der Satiriker Jon Stewart setzt sich für die Ersthelfer von 9/11 ein - und übt scharfe Kritik am US-Kongress.

Plötzlich war alles wieder da. Die Stimme, die vor Wut zitterte, die Tränen, die er nicht mehr zurückhalten konnte, die quälend langen Kunstpausen. Sogar einen Notizblock hatte er vor sich, und mehr als einmal haute er mit dem Kugelschreiber auf den Tisch ein, während er immer lauter wurde. Als wäre er nie weg gewesen. Über 16 Jahre hatte Jon Stewart hinter dem Pult seiner "Daily Show" gesessen, viermal die Woche, und die beliebteste Satiresendung Amerikas moderiert - als "fake newsman", als falscher Nachrichtensprecher, der gnadenlos die Missstände des politischen Betriebs anprangerte. 2015 gab er den Job auf.

Nun also eine Art Comeback. Am Dienstag saß Stewart vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses, um erneut einen Missstand anzuprangern: die mangelhafte finanzielle Unterstützung für die Feuerwehrleute, Polizisten und Bauarbeiter, die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 im Einsatz standen und seither unter den gesundheitlichen Folgen leiden. "Ich bin wütend", sagte Stewart zu den Abgeordneten, "und ihr solltet es auch sein." Viele der Ersthelfer, die zu den eingestürzten Türmen des World Trade Centers in New York geeilt waren, haben Krebs vom giftigen Rauch und Staub, den sie dort einatmeten, auch, weil sie oft nicht einmal eine Atemschutzmaske dabeihatten.

Der Kongress hatte zwar 2010 einen Hilfsfonds für die "first responders" eingerichtet, dieser lief jedoch nach fünf Jahren aus. Bereits 2015 war Stewart deshalb nach Washington gekommen, um für eine Verlängerung zu werben. Die damals beschlossenen 7,3 Milliarden Dollar hätten eigentlich bis Ende 2020 reichen sollen, aber aufgrund der großen Zahl an Opfern und der hohen Behandlungskosten wird der Fonds schon im Verlauf dieses Jahres leer sein. Es drohen Leistungskürzungen. Doch statt rasch zu handeln, verschleppten die Abgeordneten die Angelegenheit, donnerte Stewart: "Die heutige Anhörung ist eine unglaubliche Metapher dafür, wie mit der Gesundheitsversorgung dieser Leute umgegangen wird. Hinter mir: ein Raum voller 9/11-Ersthelfer. Vor mir: ein fast leerer Kongress." Sterbenskrank hätten sich manche der Opfer in die Hauptstadt geschleppt, "und nun ist niemand da, der ihnen zuhört".

In Stewarts Worten schwang natürlich viel Pathos mit, aber sie trafen eben auch einen wahren Kern. Kaum ein Abgeordneter, der am 11. September jeweils nicht in Ansprachen und Tweets gelobt, die Opfer der Anschläge nicht zu vergessen. "Never forget!" In die nötige Unterstützung für die Hinterbliebenen übersetzen sich diese Sprüche allerdings nicht. Mehr als 350 Feuerwehrleute und Polizisten aus New York sind seit 9/11 aufgrund der Folgen ihrer Vergiftungen gestorben, manche Familien hatten nicht einmal das Geld für die Beerdigung. "Eine widerliche Heuchelei", nannte das Stewart, "eine Schande für dieses Land".

Der Videoclip von Stewarts Auftritt ging viral, selbst tags darauf zeigte CNN noch Ausschnitte - auch das erinnerte an die Zeiten, als Stewart noch bei der "Daily Show" unterwegs war. Besonders in der linksliberalen Hälfte Amerikas gibt es viele, die seine Stimme vermissen. Diese Woche hatten sie ihr Idol wieder. Wenn auch nur für einen kurzen Moment.

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SZ vom 13.06.2019
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