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USA:Clinton verstößt ihren Liebling

Seine private Lobbyarbeit wurde zum Risiko: Nach zwölf Jahren im Clinton-Lager ist Mark Penn nicht mehr Chefstratege in Hillarys Wahlkampf, in dem sie nun wohl einen anderen Kurs einschlagen wird.

Gökalp Babayigit

Lange hat sie ihn geschützt, doch sein letzter Job hat ihn auch bei Hillary Clinton in Ungnade fallen lassen: Mark Penn, Chefstratege von Clintons Wahlkampf und ein absoluter Liebling der Clintons, ist seinen Job los - und kann sich nun ganz auf seine PR-Firma Burson-Marsteller konzentrieren. Dabei war es die Arbeit als Lobbyist, der er neben seiner Wahlkampfhilfe für Clinton nachgegangen ist und die ihn untragbar gemacht hat.

Hillary Clinton verzichtet auf ihren Chefstrategen. Seine Tätigkeit als Lobbyist wurde zum Risiko.

(Foto: Foto: AFP)

Es wäre gelogen, Mark Penn als einen Teamspieler zu bezeichnen. Der Wahlstratege und Statistik-Fan begleitet die Clintons - erst Bill, später Hillary - seit 1996 und ist einer, mit dem beinahe alle anderen aus Clintons Stab ein Problem oder zumindest eine Meinungsverschiedenheit haben. Unbestritten bleibt: Niemand kann Meinungsumfragen so gut deuten, einen talentierteren Strategen findet man höchstens noch in Karl Rove, den Berater Bushs, den manche als "graue Eminenz" hinter dem Präsidenten bezeichneten. Der umstrittene Wahlwerbespot "3 a.m." stammt aus Penns Feder.

Der Spot zeigt friedlich schlafende Kinder - die friedlich weiterschlafen können, weil Hillary Clinton im Weißen Haus sitzt und das Rote Telefon beantwortet. Sie hat die nötige Erfahrung, sollte das heißen. Es funktionierte nicht so gut, unter anderem auch deswegen, weil die Kinder aus dem Film inzwischen erwachsen sind und sich als Obama-Unterstützer den Medien präsentiert haben.

So litt in letzter Zeit Penns Ruf als genialer Spin Doctor. Die Analysen des 53-Jährigen und die Strategie-Vorgaben für Hillary Clinton erwiesen sich im Duell mit Barack Obama nicht immer als richtig. Penn galt als großer Befürworter jener Strategie, die den Republikaner Rudolph Giuliani zu Fall gebracht hatte: die kleinen Staaten vernachlässigen, um mehr Zeit für die großen Staaten zu haben. Dass Obamas elf Siege in Folge - viele davon in kleinen Staaten - eine Dynamik entwickeln würden, die den schwarzen Senator aus Illinois an Clinton vorbeitrug, sah Penn nicht voraus.

Der Strategie-Chef des Clinton-Stabs wehrte sich auch hartnäckig gegen alle Versuche, der Kandidatin ein menschlicheres Antlitz zu verpassen. Hillarys unterkühlte Art werde kein Nachteil sein, war sich Zahlenfreak Penn sicher. Die Wähler würden auf ihre Erfahrung und ihre Kompetenz achten, bevor sie ihr Kreuzchen an der richtigen Stelle machen. Dass Clinton in einem seltenen Moment den Tränen nahe war, kurz bevor sie an Sympathie und einen Tag später etwas überraschend die Vorwahl in New Hampshire gewann, hatte Penn auch nicht vorausgesehen.

Auch im Umgang mit Obama empfahl Penn einen weniger zimperlichen Kurs und stand so nicht nur gegen viele Kollegen aus dem Clinton-Stab, sondern auch gegen unabhängige Beobachter der Partei, die das als kontraproduktiv ansahen.

Doch Clinton hielt bei aller Kritik ihre schützende Hand über den schlauen Kopf Penns, bis sich dessen andere Tätigkeit zu einer Gefahr für Clintons Erfolg entwickelte.

Penn leitet eine der größten PR-Firmen der Welt, zu den Kunden gehört Microsoft - und der lateinamerikanische Staat Kolumbien. Für den sollte Penn Lobbyarbeit betreiben, die Kolumbianer wollten ein Freihandelsabkommen mit den USA. Doch dass solch ein Abkommen allen Wahlversprechen Clintons an die sogenannten Blue-Collar-Wähler - der arbeitenden Klasse Amerikas - widersprechen würde, war Penn offensichtlich egal. Clinton soll geschäumt haben, als sie von dem 300.000-Dollar-Auftrag von Penns Firma erfuhr.

Penns spätere Distanzierung von dem Job half auch nichts mehr, Hillary wird von nun an ohne ihren einstigen Liebling auskommen müssen. Die Doppelrolle hatte im Prinzip schon seit Monaten für Spannungen im Clinton-Lager gesorgt, unabhängig davon, dass auch seine Strategie nach jeder Vorwahl-Niederlage gegen Obama mehr und mehr kritisiert wurde. "Die einzige Frage war doch: Warum passierte es nicht viel früher?", fragt Joe Trippi, der Berater von John Edwards. "Die Konflikte waren seit Beginn der Kampagne ein Problem."

Die Atmosphäre im Clinton-Stab wird nach Penns Entlassung wohl wieder kollegialer werden. Die beiden erfahrenen Berater Geoff Garin und Howard Wolfson steuern nun das Boot, das nach Meinung von Beobachtern nun einen anderen Kurs einschlagen wird: "weniger kampflustig, dafür mehr auf Clintons Stärken fokussiert".

Schlussendlich hat auch die kolumbianische Regierung Abstand zu Penn genommen. Trotz seines hervorragenden Rufes feuerten sie den Lobbyisten: Sie hatten seine späte Distanzierung von dem Auftrag als Beleidigung empfunden.

© sueddeutsche.de/bosw
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