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USA:Clinton, noch einmal

Eigentlich kann die demokratische Bewerberin Hillary Clinton nur darauf hoffen, dass der Rechtsaußen Donald Trump Kandidat der Repubilkaner wird. Allein das würde ihr wohl den Wahlsieg sichern.

Von Nicolas Richter

Wenn es so weitergeht, wird Hillary Rodham Clinton die erste US-Präsidentin. Es wäre die späte Genugtuung für eine Frau, die mit selbstquälerischer Beharrlichkeit auf diesen historischen Erfolg hingeschuftet hat. Vor allem aber wäre ein Sieg Clintons nach Lage der Dinge das beste Ergebnis für das Land und die Welt, jedenfalls dann, wenn man das tolerante, empathische, reflektierte Amerika schätzt, das Präsident Barack Obama verkörpert. Viele seiner fortschrittlichen Errungenschaften - Krankenversicherung, Klimaschutz, Aussöhnung mit alten Feinden - wären hinfällig, sollte auf den Demokraten Obama ein Republikaner folgen.

Clinton hat ein durchwachsenes Jahr hinter sich, es hat an ihre notorischen Schwächen erinnert. Noch im Frühling kämpfte sie - wieder einmal - mit einer Affäre, diesmal um ihre E-Mails als Außenministerin, die sie privat verwaltete. Die Clintons, dies schließt Ehemann Bill mit ein, beanspruchen gerne Sonderregeln für sich, neigen zu Verfolgungswahn und pflegen zur Wahrheit ein solch taktisches Verhältnis wie zum Freihandel. Dass die Clintons der Bankenwelt nahestehen, dass sie für ihre diversen Projekte mehr als drei Milliarden Dollar an Spenden gesammelt haben, nährt den Verdacht, dass diese Familie in noch größerer Abhängigkeit steht als Amerikas geldsüchtige Politiker ohnehin. Fragt man die Amerikaner nach Hillary Clinton, fällt den meisten das Wort "Lügnerin" ein.

Neuerdings aber fügt sich alles in ihrem Sinne. In den TV-Debatten ist die einst verkrampfte Clinton ihren innerparteilichen Rivalen so überlegen, dass sie sogar Gelassenheit und Witz offenbart. Bernie Sanders, ihr einziger echter Konkurrent, ist zwar ein origineller, durchaus sympathischer Kapitalismuskritiker, doch steht er nach Mehrheitsempfinden schlicht zu weit links. Wenn bei den Demokraten bald etwas sozialistisch anmuten wird, dann das mutmaßliche Vorwahlergebnis für Clinton, was für eine Partei dieser Größe und Vielfalt peinlich ist, der Kandidatin aber nur recht sein kann.

Sollte Trump wirklich Kandidat werden, siegen die Demokraten

Die Republikaner als Experten für Zorn und Angst wiederum empfehlen sich gerade dafür, unbedingt in der Opposition zu bleiben. Der moderate Rechte Jeb Bush könnte Clinton zwar in der Hauptwahl bezwingen, wird von seiner eigenen Partei aber geradezu gedemütigt. Ebenfalls nicht in Führung liegen Marco Rubio aus Florida und John Kasich aus Ohio, die in diesen entscheidenden Staaten Wechselwähler gewinnen könnten. Von der alten republikanischen Strategie, mit Mäßigung und Mitgefühl die Mitte zurückzuerobern, ist nicht viel übrig. Stattdessen hetzen die Kandidaten, allen voran Donald Trump, gegen Ausländer und Minderheiten oder drohen, Syrien zu bombardieren, bis der Sand glüht. Laut Umfragen wird es immer wahrscheinlicher, dass in der Vorwahl tatsächlich der xenophobe Egomane Trump obsiegt.

Sollte Clinton auf ihren Wunschzettel für 2016 nur ein Wort schreiben, so müsste es also Trump sein. Der Baumeister aus New York nämlich dürfte seine Zweitkarriere als Abrissunternehmer fortsetzen und den Ruf der Republikaner demolieren, woraufhin die Mehrheit Ende 2016 deutlich gegen das rechte Amerika der Panikmacher und Verschwörungstheoretiker stimmen und das Land dann so erleichtert wie dankbar der vernünftigen Clinton anvertrauen dürfte.

Zuletzt hat sich sogar das Weltgeschehen zu Clintons Gunsten entwickelt. Seit den Anschlägen in Paris und San Bernardino fürchten sich die Amerikaner vor Terror wie lange nicht, und Clinton kann ihre größte Stärke ausspielen: ihre von keinem Wettbewerber erreichte außenpolitische Kompetenz. Gewiss, die Ex-Ministerin ist auch hier angreifbar, weil eine Mehrheit glaubt, Obama habe im Kampf gegen den "Islamischen Staat" versagt. Aber Clinton kann behaupten, dass sie in Syrien immer mehr tun wollte, als es Obama zuließ. Und ihre rechten Gegner entwickeln weder bessere Ideen, noch fühlte man sich sicherer, wenn diese Brachialrhetoriker das US-Militär befehligten.

Clintons Überlegenheit also hat mit vielem zu tun, das sie nicht beeinflussen kann (und nicht zu verantworten hat); sie wirkt deswegen souveräner als sie ist, und über ihre Schwächen und Widersprüche wird zu wenig geredet. Aber die meisten Wahlkämpfe werden ja nur deswegen gewonnen, weil der Gegner nicht besser war. Nach der TV-Debatte am Wochenende sagte Clinton den Star-Wars-Gruß "Möge die Macht mit Euch sein", was sich anhörte, als hätten ihre zahllosen Image- und Markenberater hart an dieser Pointe gearbeitet. Wäre sie ganz ehrlich, hätte sie gesagt: "Möge ich an der Macht sein." Amerika könnte damit leben - vor allem im Lichte der trostlosen Alternativen.

© SZ vom 21.12.2015
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