Globale RivalitätChinas Expansion frustriert die USA

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Ein modernes chinesisches Handelsschiff, mit E-Autos beladen, legt im April 2025 zur Jungfernfahrt Richtung Brasilien ab.
Ein modernes chinesisches Handelsschiff, mit E-Autos beladen, legt im April 2025 zur Jungfernfahrt Richtung Brasilien ab. FeatureChina
  • China hat zwischen 2001 und 2020 sein wirtschaftliches Gewicht in Lateinamerika mehr als verfünfzehnfacht und die USA in zehn von zwölf wichtigen Ländern als wichtigsten wirtschaftlichen Akteur überholt.
  • Chinesische Institutionen vergaben zwischen 2001 und 2020 für Energieinfrastruktur in Lateinamerika Kredite von 57,6 Milliarden Dollar, während Weltbank und Interamerikanische Entwicklungsbank nur 32,3 Milliarden bereitstellten.
  • Trumps Eingreifen in Venezuela ist laut Experten der verzweifelte Versuch einer Rückkehr, nachdem die USA durch ihren wirtschaftlichen Rückzug Gestaltungsmacht an China verloren haben.
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In Lateinamerika zeigt sich, wie China seine wirtschaftliche Präsenz auf der Welt ausgebaut hat – und wie es vom Rückzug der USA profitiert. Donald Trumps Eingreifen in Venezuela ist laut einem Experten „der verzweifelte Versuch einer Rückkehr“.

Von Lea Sahay, Peking

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Einen Faktor erwähnte US-Präsident Donald Trump nach der Festnahme von Nicolás Maduro vor einem Monat nicht. Er nannte den venezolanischen Präsidenten einen „Narco-Terroristen“ und verwies auf Venezuelas reiche Rohstoffvorkommen „direkt vor unserer Haustür“. Unerwähnt blieb hingegen Chinas Rolle in Venezuela. Zum Beispiel als wichtigster Kreditgeber des Landes. Auf jeden Dollar, den Venezuela zwischen 2001 und 2020 von US-geführten Banken erhielt, kamen rund 85 Dollar aus chinesischen Banken.

Zwischen 2001 und 2020 hat sich Chinas wirtschaftliches Gewicht in Lateinamerika mehr als verfünfzehnfacht. In zehn von zwölf Ländern, die zusammen über 60 Prozent der Bevölkerung der Region ausmachen, überholte China die Vereinigten Staaten als wichtigsten wirtschaftlichen Akteur.

Die „staatlich gelenkte Globalisierung“ Chinas

Der Befund steht für eine globale Entwicklung: In weiten Teilen des globalen Südens hat China die USA als wichtigsten Anbieter wirtschaftlicher Güter abgelöst. Lateinamerika, lange als Hinterhof Washingtons betrachtet, bietet dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Es hilft zu erklären, warum Washington im Januar in Venezuela zu einem so drastischen Vorgehen griff.

Die zugrunde liegende Dynamik beschreibt der Politikwissenschaftler Francisco Urdinez in einem Buch, benannt nach dem Phänomen, das er für die Region diagnostiziert: „wirtschaftliche Verdrängung“. Als Teil einer umfassenden Strategie begann vor 25 Jahren die Expansion Tausender chinesischer Unternehmen und Banken. Diese „staatlich gelenkte Globalisierung“ habe es China ermöglicht, politischen Einfluss über wirtschaftliche Mittel auszuüben, argumentiert Urdinez.

Zugleich betont der Experte von der Päpstlichen Katholischen Universität von Chile, dass China die Vereinigten Staaten nicht aktiv verdrängt habe. Vielmehr habe Peking wirtschaftliche Lücken gefüllt, die Washingtons Rückzug hinterlassen hat. Das wirtschaftliche Gewicht der USA sei „im Vergleich zu vor zwanzig Jahren etwa um die Hälfte gesunken“, erklärt Urdinez. China bediente die Nachfrage nach Gütern, Dienstleistungen und Krediten, die zuvor durch westliche Staaten, allen voran die USA, angeboten worden waren.

Ein anschauliches Beispiel dafür sind die Kreditvergaben. Zwischen 2001 und 2020 vergaben die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank in Lateinamerika für Energieinfrastruktur gemeinsam Kredite in Höhe von 32,3 Milliarden US-Dollar. Chinesische Institutionen stellten demgegenüber Kredite von insgesamt 57,6 Milliarden US-Dollar bereit. An der Spitze der Kreditnehmer: Venezuela, Argentinien, Brasilien und Ecuador.

Staudämme, Schienenverkehr und vieles mehr – finanziert durch chinesische Investitionen

Urdinez sagt, dass es sich bei vielen Projekten weniger um eine „übergeordnete Strategie oder einen Masterplan“ Chinas gehandelt habe, sondern auch um reale Nachfrage von lokalen Akteuren. Als Beispiel nennt er die Staudämme von Patagonien entlang des Río Santa Cruz in Argentinien. In den 2000er-Jahren litt das Land unter anhaltendem Energiemangel. Präsident Néstor Kirchner, dessen Karriere in der südlichen Provinz Santa Cruz begann, machte sich die Idee eines Staudamms in der Region zu eigen.

Chinas Staatschef Xi Jinping bei einem Besuch in Brasilien im November 2024.
Chinas Staatschef Xi Jinping bei einem Besuch in Brasilien im November 2024. Eraldo Peres/AP

Nach zwei gescheiterten Finanzierungsversuchen wuchs in China Interesse an dem Projekt. 2014 reiste Präsidentin Cristina Kirchner nach China und kehrte mit einem zehn Milliarden Dollar schweren Investitionspaket zum Schienenverkehr zurück. 2013 erhielt ein Konsortium aus einem argentinischen Bauunternehmen und dem chinesischen Staatskonzern Gezhouba Group aus Wuhan den Zuschlag für die Energieprojekte – finanziert durch chinesische Banken mit knapp fünf Milliarden Dollar. Bei einem Besuch von Staatschef Xi Jinping im Jahr 2014 in Argentinien galt das Vorhaben als Vorzeigeprojekt der bilateralen Beziehungen. Zehn Jahre später sind die Staudämme noch immer nicht fertiggestellt. Der Bau wurde mehrfach unterbrochen, unter anderem wegen Umweltbedenken.

Der Druck dürfte steigen, sich für eine der beiden Großmächte zu entscheiden

Laut Urdinez veranschaulicht der Fall die Rolle der lateinamerikanischen Staaten selbst. Die argentinische Bundesregierung, insbesondere unter den Regierungen der Kirchners, fungierte dabei als Vermittlerin zwischen chinesischen Geldgebern und den subnationalen Interessen der Provinz Santa Cruz. Der Erfolg des Projekts wurde auch zu einer Frage des eigenen politischen Vermächtnisses.

Argentinien verpflichtete sich zudem, mit der Rückzahlung an chinesische Kreditgeber erst zu beginnen, nachdem die Kraftwerke in Betrieb gegangen waren. „Diese Konstruktion, bei der die Kredite gewissermaßen mit Energie zurückgezahlt werden sollten, galt als einzigartiger Vorteil, den kein westlicher Kreditgeber angeboten hätte“, schreibt Urdinez.

In Lateinamerika könnte sich damit abzeichnen, wie sich die Rivalität zwischen den USA und China auch anderswo entwickelt: Die Macht der Vereinigten Staaten stützte sich im vergangenen Jahrhundert auf die Fähigkeit, anderen Staaten wirtschaftliche Chancen zu bieten. Mit dem Rückzug dieser Angebote schwindet auch die US-amerikanische Gestaltungsmacht. China nutzt indes seinen Einfluss zunehmend, um seine politischen Interessen durchzusetzen. Etwa um sich als Führer eines Blocks des globalen Südens zu positionieren, Unterstützung für seine Taiwan-Ambitionen zu sichern und die internationalen Organisationen in seinem Sinne zu reformieren.

Für lateinamerikanische Länder hat Chinas Präsenz zunächst mehr Optionen bedeutet. Selbst in den USA wurde dies laut offiziellen Dokumenten zwischenzeitlich als Entlastung betrachtet. Das ist inzwischen anders – wie sich am Beispiel Venezuela zeigt. „Der Schritt hat zwar die militärische Stärke der USA demonstriert, entspringt aber letztlich der Frustration darüber, China mit wirtschaftlichen Mitteln nicht konkurrenzfähig begegnen zu können“, sagt Experte Urdinez. Künftig dürfte Washington weltweit den Druck auf Länder wieder erhöhen, sich wirtschaftspolitisch für eine Seite – China oder die USA – zu entscheiden. Urdinez spricht von einer reaktiven, nicht proaktiven Politik. „Es ist der verzweifelte Versuch einer Rückkehr.“

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