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USA:Biden, die Notlösung

Sein größter Trumpf: Er ist nicht Sanders. Die Demokraten wollen keinesfalls mit einem Sozialisten gegen Trump antreten.

Von Hubert Wetzel

Joe Biden wird aller Voraussicht nach der demokratische Präsidentschaftskandidat werden. Nach den Siegen bei den jüngsten Vorwahlen ist ihm das kaum noch zu nehmen. Und es ist gut für die Partei, dass sie sich jetzt, nach einem zähen Anfang, verhältnismäßig rasch auf einen Kandidaten festgelegt hat.

Das heißt allerdings nicht, dass Biden tatsächlich der Wunschkandidat der Demokraten ist. Der frühere Vizepräsident hat in den ersten Vorwahlen demütigende Niederlagen kassiert. Ganz offensichtlich waren die Wähler zu Beginn dieser Wahlsaison noch keineswegs davon überzeugt, dass Biden der richtige Mann ist, um im Herbst gegen Donald Trump anzutreten. Und diese Zweifel waren - und sind - gut begründbar. Um es höflich auszudrücken: Joe Biden ist mit 77 Jahren nicht mehr der Politiker und Wahlkämpfer, der er vor zwanzig Jahren gewesen ist und vielleicht vor vier Jahren noch gewesen wäre. Das wird bei jedem Auftritt auf schmerzhafte Art sichtbar.

Andererseits zeichnet Biden eine Eigenschaft aus, an der es keinen Zweifel gibt und die in diesem Wahlkampf wichtiger war: Er ist nicht Bernie Sanders. Die große Mehrheit der Demokrat hat nur ein Ziel im November - Donald Trump aus dem Amt zu werfen. Die Angst davor, den falschen Kandidaten aufzustellen, ist enorm. Deswegen fiel am Ende den meisten demokratischen Parteianhängern die Entscheidung nicht sehr schwer, ob sie lieber mit dem wenig aufregenden, dafür aber bekannten und berechenbaren Biden oder mit dem stolzen Sozialisten Sanders an der Spitze gegen Trump antreten wollen. Insofern ist Biden eher eine Notlösung: Er wird der Kandidat, damit Bernie Sanders es nicht wird.

Sanders hat sich gleich doppelt verrechnet: Er hat geglaubt, dass die USA nach drei furchtbaren Trump-Jahren endlich reif seien für eine linke Revolution. Und er hat geglaubt, dass die Demokraten bereit seien, ihn zum Bannerträger dieser Revolution zu machen. Aber beides war nicht der Fall.

Die meisten Amerikaner haben Donald Trump, sein Chaos, sein Drama, seine Unfähigkeit und seine Hetze zwar satt. Das gilt umso mehr in der jetzigen Coronavirus-Krise, in der Chaos und Unfähigkeit viele Menschenleben kosten können. Doch das bedeutet nicht, dass die Amerikaner die gesamte wirtschaftliche und politische Ordnung ihres Landes umkrempeln wollen, wie Sanders es versprochen hat. Sanders konnte nicht einmal die Demokraten von sich und seinen Plänen überzeugen. Wie hätte er da die Wahl gegen Trump gewinnen wollen?

Die Demokraten haben im November einen großen Vorteil: Donald Trump ist bei ihren Wählern so verhasst, dass er - weniger der demokratische Kandidat - die Menschen an die Wahlurnen treiben wird. Nichts wäre daher schädlicher, als wenn Sanders sich nun schmollend und trotzend in die Ecke stellte und seinen Anhängern erzählte, dass sie von Biden, "der Partei" oder "dem Establishment" betrogen worden seien. Die Partei weiter zu spalten, hilft nur Donald Trump. Wenn Sanders den Demokraten einen Dienst hätte erweisen wollen, hätte er seine Kandidatur am Mittwoch aufgegeben und seinen Unterstützern empfohlen, für Biden zu stimmen.

Denn die Wahl im November ist ja einfach: Trump oder ein Demokrat. Ob der nun Bernie oder Joe heißt, ist angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, egal.

© SZ vom 12.03.2020

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