USA Ungeregelter Medikamenten-Markt

Für die überhöhten Preise hat Gesundheitsforscher Purvis eine einfache Erklärung: Im US-Gesundheitssystem hält die Hersteller nichts davon ab, ihre Medikamente zu einem hohen Preis auf den Markt zu bringen und ihn dann immer weiter zu erhöhen.

Ein großes Problem ist, dass Medicare und Medicaid als die mit Abstand größten staatlich subventionierten Krankenversicherungssysteme der USA nicht mit der Pharmaindustrie über Preise verhandeln dürfen. Medicare und Medicaid haben zusammen zwar mehr als 130 Millionen Versicherte und bezahlen etwa die Hälfte der nationalen Medikamentenrechnungen. Aber diese Marktmacht dürfen sie nicht einsetzen.

Die Preise auf dem US-Arzneimittel-Markt sind vollkommen ungeregelt. Wenn Neuentwicklungen von der FDA geprüft und genehmigt worden sind, können Hersteller das Produkt für mindestens sieben Jahre exklusiv vertreiben - und in dieser Zeit quasi jeden Preis dafür verlangen. Besonders hoch sind die Preise, die für neue Spezialmedikamente verlangt werden. Auch in Deutschland kritisieren Krankenkassen, dass die Pharmabranche immer mehr neue, angeblich innovative Medikamente zu immer höheren Preisen auf den Markt werfe. 2017 monierten die Ortskrankenkassen: Preise und medizinischer Nutzen stünden oft in keinem sinnvollen Verhältnis.

Marketingkosten höher als Entwicklungsbudgets

Um die hohen Preise durchzusetzen, springt in den USA mit der Produkteinführung stets eine gigantische Marketing-Maschinerie an. Den Menschen wird über teure TV-, Radio- und Internetwerbung eingebläut, dass dieses tolle, neue (und leider superteure) Medikament genau das richtige für sie ist. Und dass sie sich von ihrem Arzt kein anderes aufschwatzen lassen sollen. "Frag deinen Arzt nach diesem Medikament", ist der Standardsatz, mit dem praktische jede Arzneimittelwerbung endet. Die Marketingkosten der großen Pharmaunternehmen übersteigen inzwischen die Forschungs- und Entwicklungsbudgets. Und die Investition zahlt sich aus: Die Zahl der Verschreibung hat in den vergangen Jahren deutlich zugenommen.

Nach der Exklusivphase müsste sich der Markt eigentlich für sogenannte Generika öffnen. Doch in den USA haben Pharmahersteller Wege gefunden, Generika vom Markt fernzuhalten. Zum Bespiel wird die Phase des Exklusivrechtes mit immer neuen Mikropatenten verlängert. Diese Produkte, die oft keinen nachweisbaren medizinischen Zusatznutzen haben, werden dann als vollkommen neu und besser verkauft. In den USA gibt es einen Namen für diese Strategie: "Evergreening". Eine andere Strategie heißt "Pay for delay": Konkurrenten werden dafür bezahlt, einem erfolgreichen Medikament erst ein paar Jahre später mit einem Generika-Produkt Konkurrenz zu machen. Bezahlen müssen diesen Deal am Ende die Patienten. Die US-Handelskommission hat berechnet, dass die jährlichen Ausgaben für rezeptpflichtige Arzneien ohne solche Deals um 3,5 Milliarden Dollar geringer sein könnten.

Ein weiterer Trick sind sogenannte Bürgerpetitionen, mit denen die FDA aufgefordert werden kann, die Genehmigung bestimmter Generika aufzuhalten oder zu verzögern. Diese Petitionen müssen von der FDA bearbeitet werden, bevor sie ein Generika-Produkt zulassen. Was dauern kann. Im Schnitt verzögert sich damit eine Zulassung um 150 Tage. Hinter den Petitionen stecken allerdings keine Bürger. Sondern zu 92 Prozent Hersteller von Markenmedikamenten.

Weitere Zeit kann ein Markenhersteller gewinnen, wenn er als erster eine Generikaversion seines Markenproduktes auf den Markt bringt. Das Gesetz besagt, dass er dann 180 Tage lang keine Konkurrenz fürchten muss. Und für sein eigenes Generikum nimmt er dann einfach den gleichen Preis wie für sein Markenprodukt.

In Washington ist das Problem inzwischen angekommen. Im Kongress kursieren diverse Gesetzentwürfe, die explodierende Medikamenten-Preise regulieren sollen. Auch Präsident Donald Trump verteufelt inzwischen in fast all seinen Reden die gierigen Pharmahersteller.

Über das Wie aber wird gestritten. Es geht - wie so oft in den USA - um die Frage, ob das Land ein sozialistischer Staat zu werden drohe. Manche Republikaner erkennen diese Entwicklung zum Beispiel in den Gesetzesvorschlägen, die der progressive Senator und Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders Mitte Januar vorgestellt hat. Sanders will die Preise für rezeptpflichtige Arzneien auf den Median der Preise für ähnliche Präparate in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Japan begrenzen. Das allein sollte die US-Preise um die Hälfte nach unten drücken, glaubt Sanders. Außerdem soll der Gesundheitsminister mit den Pharmaherstellern Rabatte verhandeln dürfen, was weitere Einsparungen in Höhe von 36 Milliarden Dollar pro Jahr bringen soll. Mit einem weiteren Gesetz will Sanders Patienten und Apothekern erlauben, Medikamente günstig im Ausland einzukaufen.

"American Patients First"

Im Mai 2018 bereits hat Trump im Rosengarten des Weißen Hauses einen eigenen Plan gegen die Preisexplosionen vorgestellt. "American Patients First", hat er ihn genannt, amerikanische Patienten sollen an erster Stelle kommen. Auch er will, dass - in einem begrenzten Umfang - Medicare Preise verhandeln kann. Ansonsten aber bleibt das Papier vage. Trump will etwa die "Mittelsmänner" abschaffen. Also die Vertriebsebene zwischen Apotheke und Hersteller. Und die FDA hat er angewiesen, die Genehmigungsprozesse für Generika zu beschleunigen.

Dass weitreichende Regularien bisher fehlen, liegt auch daran, dass die Pharmakonzerne Milliarden investieren, um in Washington recht erfolgreich zu lobbyieren. Und das wenige, was die Regierung ohne Gesetz tun kann, hat bisher kaum geholfen. Die Preise steigen zwar nicht mehr so schnell wie in den Jahren zuvor. Aber sie steigen immer noch.

Solange sich daran nichts ändert, bleibt vielen US-Bürgern nur eines: Sie müssen betteln. Auf der Seite gofundme.com zum Beispiel. Die Suche nach dem Stichwort "Insulin" ergibt mehr als 7000 Treffer. Heather Smith aus San Antonio, Texas, hat dort um Spenden für ihre Mutter gebeten, die an Diabetes Typ1 leidet, seit sie 19 Jahre alt ist. Ihre Krankenversicherung wurde umgestellt, sie müsste jetzt alle 90 Tage 2000 Dollar zu ihrer Insulinbehandlung aus eigener Tasche beisteuern. Geld, das sie nicht hat.

Innerhalb von vier Monaten hat Heather Smith mehr als 3600 Dollar sammeln können. In ihrer Dankesnachricht schreibt sie: "Es war schwer, unsere Probleme mit so vielen Menschen zu teilen - niemand will um Geld für überlebenswichtige Medizin betteln. Aber ihr habt Güte gezeigt. Wir sind so dankbar."

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