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USA:Hillary Clinton muss Amerika retten

Hillary Clinton addresses rally on final day of California campaign

Hillary Clinton: Die erste Kandidatin einer großen Partei für das Weiße Haus.

(Foto: AFP)

Lange fragte man sich, warum Hillary Clinton US-Präsidentin werden möchte. Nun hat alles einen Sinn: Sie muss das Land vor Donald Trump bewahren.

Gott sei Dank, die Vorwahlen in Amerika sind vorbei. Sie waren ein Dauerkreislauf aus Lügen, Erniedrigungen und Anspielungen auf Genitalien. Nun tritt der Gelegenheitsrepublikaner Donald Trump gegen die Demokratin Hillary Clinton an. Beide verkörpern jene privilegierte weiße Oberschicht, die immer fein raus ist. Das ist einerseits ernüchternd. Aber die Vorwahlen hatten auch ihr Gutes: Das Land hat in den Spiegel geblickt, gründlicher als sonst, und ehrlicher mit sich selbst. Amerika hat dabei viel Hässliches gesehen, aber immerhin: Es hat hingesehen.

Ein Ergebnis dieser Selbstbespiegelung: Etliche Bürger gruseln sich vor dem zügellosen Kapitalismus, jenem System, das Amerika stets so selbstsicher angepriesen hat. Immer haben die USA für freien Handel, für den entfesselten Markt geworben. Nun stellen immer mehr Amerikaner fest, dass die USA auch zu den Verlierern der Globalisierung gehören können. Dieses Unbehagen hat beide Parteien erfasst. Die jungen Fans des Sozialisten Bernie Sanders fragen sich, warum Konzerne von einem Billiglohnland ins nächste ziehen, während sie, die Kinder, mangels Geld noch nicht einmal aus dem Elternhaus ausziehen können. Die älteren Wutwähler Trumps hören ihm derweil selig dabei zu, wie er das Wort "China" angewidert ausspuckt.

Plötzlich hat Clintons Kandidatur einen tieferen Sinn bekommen

Ernüchternd ist auch der Blick auf das politische Personal. Hillary Clinton ist, wenn die Prognosen stimmen, die erste Kandidatin einer großen Partei für das Weiße Haus. Sie hat sich diesen historischen Erfolg auch gegen sexistische Widerstände erkämpft. Doch Clinton ist keine Lichtgestalt, anders als einst Barack Obama lässt sie nur wenige träumen. Sie ist steif und geheimniskrämerisch, und ihre Nähe zu Großspendern erinnert an den Filz aus Macht und Geld, ohne den Amerikas Politikbetrieb nicht funktioniert. Nein, Clinton verkörpert keinen Aufbruch. Aber sie ist, andererseits, der erfahrenste Mensch, der sich je für dieses Amt beworben hat, sie verbindet Idealismus mit dem Wissen darüber, was machbar ist. Und sie betreibt Politik mit einer Ernsthaftigkeit und Liebe zum Detail, die in den USA leider selten ist.

Schockierend dagegen ist das, was Trump über Amerika verrät. Ihm gelingt es, aus jedem Jahrzehnt die negativsten Eigenschaften mitzuschleppen und zu vermengen, von der Gier und Rücksichtslosigkeit der Achtziger bis zur permanenten Selbstdarstellung auf den Social-Media-Bühnen der Nullerjahre bis hin zu der zunehmend salonfähigen Ausländerfeindlichkeit der Zehnerjahre. In diesen Tagen wirft er einem US-Richter mexikanischer Herkunft vor, befangen zu sein, bloß weil er mexikanische Wurzeln hat. Vor einem Jahr mag man gedacht haben, offener Rassismus durch einen Spitzenpolitiker sei undenkbar in diesem toleranten Einwanderungsland, das noch immer die treibende Kraft der Globalisierung ist.

Aber der Blick in den Spiegel hat etwas anderes verraten. Die einst so stolze Republikanische Partei ist durchsetzt von Ressentiments - gegen Illegale, gegen Muslime, gegen angebliche Schmarotzer. Die älteren weißen Wähler befürchten, dass sie die Kontrolle verlieren, dass sie zu wenig abbekommen, während die anderen, die Fremden, zu viel kriegen. Die Partei selbst hat ihren Wählern seit den Achtzigern nichts geboten außer niedrigeren Steuern und höheren Rüstungsausgaben, was schon rechnerisch schiefgehen muss. Nun hat die Partei "konservativer Prinzipien" sowohl das Konservative als auch die Prinzipien weggeworfen und sich Trump hingegeben. Für die Republikaner bleibt nur die Hoffnung auf eine vernichtende Niederlage Trumps bei der Wahl im Herbst und danach auf einen Neubeginn.

Nur Hillary Clinton kann Amerika vor Trump retten

Der einzige Mensch, der Trump diese Niederlage jetzt bereiten kann, ist Hillary Clinton. Nur sie kann Amerika retten vor dessen gefährlichem Machismo. Das gibt ihrer Kandidatur den tieferen Sinn, der anfangs nicht zwingend zu erkennen war. Clinton muss ihren Landsleuten erstens den Ernst der Lage erklären: Trump wäre ein autoritärer Präsident, der jede Kritik persönlich nimmt, der auch als Sieger nie souverän ist, der Anstand so missachtet wie staatliche Institutionen oder ausländische Verbündete. Zweitens aber muss sich Clinton jenen Übeln widmen, die der Blick in den Spiegel offenbart hat: wachsende Ungleichheit, Einfluss des großen Geldes, intransparente Handelsabkommen, Verelendung ganzer Landstriche, das kaputte Ausländerrecht.

Amerika hat in den Spiegel geblickt und ein aufgebrachtes Wesen gesehen, das gerade die Beherrschung verliert. Der Befund ist schonungslos, aber Hillary Clinton hat noch Zeit, um dem Land zur Besinnung zu verhelfen. Es wäre der größte, wichtigste Erfolg ihres Lebens.