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USA:Alle lieben das Sternenbanner

An diesem Mittwoch feiern die US-Amerikaner ihren Unabhängigkeitstag, im ganzen Land wird dann die Flagge gehisst. Die Hingebung zur Fahne ist aus historischer Perspektive ein eher neues Phänomen.

(Foto: plainpicture/Magnum)
  • Am 4. Juli zelebrieren die Vereinigten Staaten ihren Nationalfeiertag.
  • Die Bedeutung der Flagge ist erst mit dem amerikanischen Bürgerkrieg gestiegen.
  • Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist offen zur Schau getragener Patriotismus bei US-Politikern Pflicht.

Beim schwulen Paar gegenüber, bei Lewis und George, hängt ein riesiges Exemplar schon seit einigen Tagen vom Balkon, fünfzig Sterne, dreizehn Streifen, zugegeben leicht modifiziert - statt rot-weiß-blau in den Regenbogenfarben. Doch gleich daneben: das Original. Die Amerikaner mögen sich über vieles streiten, über ihren Präsidenten, über Restaurants, die seine Mitarbeiter nicht bedienen und über Football-Spieler, die während der Nationalhymne in die Knie gehen - wenn es aber um ihre Fahne geht, gibt es tatsächlich so etwas wie Einigkeit. An diesem Mittwoch, dem Independence Day, weht die Fahne überall, auch in den linken Gegenden des Landes, und auch dort längst nicht nur vor Regierungsgebäuden.

Viele Amerikaner werden dabei wieder gegen das Gesetz verstoßen. All die auf Servietten, Pappbecher und Tischtücher gedruckten Sternenbanner: verboten. Die Kostüme, die viele tragen: verboten. Die Fahne als Picknickdecke: verboten. So steht es im Flag Code von 1923, einem sehr ausführlichen Kompendium, das festhält, wann, wie und wo die Fahne gezeigt werden darf und wo eben nicht. Den meisten Amerikanern sind diese Vorschriften egal, falls sie diese überhaupt kennen. Es gibt bei Verstößen dagegen auch keine Strafen. Trotzdem erinnern US-Medien vor nationalen Feiertagen wie dem 4. Juli regelmäßig an das Gesetz.

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Weniger bekannt ist auch der Umstand, dass die Hingebung zur Fahne eher neu ist. Zwar gibt es dramatische Gemälde wie jenes des Deutsch-Amerikaners Emanuel Leutze, das General George Washington dabei zeigt, wie er während des Unabhängigkeitskriegs gegen die Briten in einem Boot über den Delaware setzt. Einer seiner Getreuen hält dabei das Sternenbanner in der Hand. 1776 gab es dieses allerdings noch gar nicht. Entworfen wurde die Fahne mit den Sternen und Streifen, die, um neue Bundesstaaten ergänzt, noch heute Bestand hat, erst ein Jahr später. Ein Detail, das in der patriotischen Geschichtsschreibung schon öfter übersehen wurde.

Mit dem Bürgerkrieg kam der Aufstieg der Flagge

Tatsächlich bedeutete wohl den meisten Amerikanern das auch in der Nationalhymne besungene Banner selbst in den darauffolgenden hundert Jahren nichts, sagt der Journalist und Historiker Marc Leepson, der ein Buch über die Geschichte der US-Fahne geschrieben hat. Die Flagge war ein Abzeichen des Militärs - aber im Alltag der Menschen unsichtbar. Das änderte sich erst mit dem Bürgerkrieg, der 1861 mit dem Beschuss der Rebellen im Süden auf das von der Union gehaltene Fort Sumter begann. Als die Fahne dort eingeholt wurde, ging sie überall im Norden des Landes hoch, sagt Leepson.

Nach dem Krieg taten die USA viel dafür, um aus der Fahne ein Symbol zu machen, mit dem sich das ganze Land identifizieren konnte. Dazu gehörte der Pledge of Allegiance, der Treueschwur, den der Pastor Francis Bellamy 1892 erfand. Er führte dazu, dass zwei Generationen von Schulkindern jeden Morgen die Fahne grüßten - und dabei den rechten Arm ausstreckten, die Handfläche nach unten. Nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg beschloss der Kongress, den Gruß wieder abzuschaffen. Ein anderer Gruß hatte es in der Zwischenzeit in Deutschland zu einiger Popularität geschafft.

NIXON

Richard Nixon war der erste US-Präsident, der eine Sternenbanner-Nadel am Revers trug.

(Foto: AP)

Die Liebe der Amerikaner zur Fahne aber blieb. Und sie erfasste immer mehr die Politik. Heute hat man sich längst daran gewöhnt, dass US-Politiker bei jeder Gelegenheit einen "flag pin" am Revers tragen, eine Sternenbanner-Anstecknadel. Der erste US-Präsident, der das tat, war Richard Nixon. Die Idee dazu hatte er angeblich von seinem Stabschef H. R. Haldeman, oder genauer gesagt: von Robert Redford, den Haldeman im Film "The Candidate" mit einer solchen Nadel gesehen hatte. Nixon trug seine selbst dann, als er seinen Rücktritt verlas, und vielleicht lag es auch an seinem schlechten Image, dass die Pins in den Jahren darauf verschwanden.

Das änderte sich erst wieder mit den Anschlägen vom 11. September 2001, als offen zur Schau getragener Patriotismus bei Politikern von links bis rechts Pflicht wurde. Der jetzige Präsident führt ihn fort: Bei einer Rede umarmte Donald Trump neulich eine Fahne wie ein Betrunkener einen Baum. In diesem Moment war Trump, man staunte, tatsächlich ein Präsident für alle Amerikaner.

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