Süddeutsche Zeitung

Afghanistan:USA töten Al-Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri

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"Diesen Terroristenführer gibt es nicht mehr", sagt US-Präsident Joe Biden. Der Nachfolger von Osama bin Laden ist US-Angaben zufolge bei einem Drohnenangriff getötet worden. Was über den Einsatz bekannt ist.

Von Paul-Anton Krüger, New York, und Philipp Saul, Portland

Die USA haben bei einem Drohnenangriff den Chef des Extremisten-Netzwerks al-Qaida in der afghanischen Hauptstadt Kabul getötet. Aiman al-Zawahiri sei am Wochenende bei einem Drohnenangriff ums Leben gekommen, sagte US-Präsident Joe Biden bei einer Ansprache von einem Balkon des Weißen Hauses in Washington.

Als Stellvertreter Osama bin Ladens sei Zawahiri tief in die Planungen der Terroranschläge vom 11. September 2001 mit Tausenden Toten involviert gewesen, sagte Biden. Er habe zudem 1998 eine Schlüsselrolle bei den Attacken auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania mit Hunderten Toten und Tausenden Verletzten gespielt. Nachdem die USA Bin Laden 2011 getötet hatten, rückte Zawahiri an die erste Stelle der Terrororganisation auf.

Sein Aufenthaltsort war lange unbekannt. Zu Beginn des Jahres habe es aber Hinweise darauf gegeben, dass er sich in einem Haus in einem zentralen Viertel von Kabul niedergelassen habe, sagte Biden. Zunächst seien dort Angehörige Zawahiris gesichtet worden, hieß es aus US-Regierungskreisen. Die Erkenntnisse über die Anwesenheit des Terroristenführers hätten sich dann mittels monatelanger Beschattung durch US-Geheimdienste erhärtet.

Im Situation Room des Weißen Hauses sei dem US-Präsidenten ein Modell des Gebäudes gezeigt worden. Biden habe sich im Mai und Juni mit seinen engsten Sicherheitsberatern abgestimmt, um regionale Auswirkungen eines Angriffs zu antizipieren, einschließlich der Möglichkeit, weitere Afghanen und US-Staatsbürger aus dem von den radikalislamischen Taliban regierten Land retten zu können. Am 25. Juli habe Biden die Operation bewilligt.

Am 31. Juli um 6.18 Uhr morgens Kabuler Zeit sei Zawahiri dann durch einen Drohnenangriff mit zwei Hellfire-Raketen getötet worden. Der Al-Qaida-Chef sei auf dem Balkon des zweiten Obergeschosses des Hauses identifiziert und dort auch getroffen worden. Andere Menschen wurden demnach nicht getötet, weder unbeteiligte Zivilisten noch die Frau und die vier Kinder Zawahiris, die sich zeitweise ebenfalls in dem Haus aufgehalten hätten. Das Haus sei jetzt leer und Zawahiris Familienmitglieder seien von Islamisten an einen anderen Ort gebracht worden.

Biden: Anti-Terror-Einsätze auch nach Abzug aus Afghanistan möglich

Mehr als zwei Jahrzehnte nach den Anschlägen von 9/11 sandte Biden nun eine klare Botschaft an Terroristen in aller Welt: "Egal, wie lange es dauert, egal wo du dich versteckst: Wenn du eine Gefahr für unser Volk bist, werden die Vereinigten Staaten dich finden und ausschalten." Über Zawahiri sagte Biden: "Gerechtigkeit wurde geliefert. Und diesen Terroristenführer gibt es nicht mehr."

Der Drohnenangriff ist der erste bekannte US-Angriff in Afghanistan, seit die Truppen und Diplomaten das Land im vergangenen Jahr verlassen haben. Biden sagte, beim Abzug aus Afghanistan habe er versprochen, dass die Vereinigten Staaten weiterhin in der Lage seien, Anti-Terror-Einsätze in Afghanistan und anderswo zu führen: "Genau das haben wir gerade getan." Eine Regierungsquelle sagte, der Präsident habe damit sein Versprechen gehalten, dass Afghanistan auch nach der Machtübernahme der Taliban kein sicherer Rückzugsort für Terroristen werde. Biden wertete Zawahiris Tod als Beleg dafür, dass es auch ohne Tausende Soldaten auf afghanischem Boden möglich sei, Amerika vor Terroristen zu schützen.

Die Taliban wussten, wo Zawahiri wohnte

Der Fall Zawahiri könnte zu neuen Spannungen zwischen den USA und den Taliban führen, die nach dem Rückzug der internationalen Truppen im vergangenen Jahr in Afghanistan wieder an die Macht kamen. Sie hatten eigentlich angekündigt, das Land werde kein sicherer Hafen für Terroristen sein. Der Regierungsquelle zufolge wussten jedoch hochrangige Mitglieder des Haqqani-Netzwerks innerhalb der Taliban von Zawahiris Aufenthaltsort. Sie hätten damit klar gegen Vereinbarungen mit den USA verstoßen. Nach dem Angriff hätten die Taliban versucht zu verschleiern, um wen es sich bei der getöteten Person handele.

In einem Abkommen mit den USA hatten die Taliban im Gegenzug für den Abzug internationaler Truppen unter anderem zugesichert, dass von Afghanistan keine Terrorgefahr durch andere Gruppen wie al-Qaida mehr ausgehen werde. Die Taliban bestätigten den Drohnenangriff auf das Wohnhaus in Kabul, verurteilten die Aktion aber und werteten sie ihrerseits als Bruch des Abkommens - auch wenn dafür keine Soldaten auf afghanischem Boden waren.

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Zawahiri im vergangenen September - genau 20 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. In einer Videobotschaft rief er seine Anhänger damals dazu auf, die Staaten im Westen und ihre Verbündeten im Nahen Osten zu bekämpfen. In den Jahren davor hatte es unbestätigte Gerüchte über seinen Tod gegeben. Sein genauer Aufenthaltsort war unbekannt, auch über seinen Gesundheitszustand wurde gerätselt. Medien berichteten 2019 unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, Zawahiri leide unter Herzproblemen.

Zawahiri habe noch in diesem Jahr Videos mit Anweisungen für Filialen des Terrornetzwerks produziert und eine aktive Führungsrolle wahrgenommen, berichtet die US-Regierungsquelle. Er sei zugleich eine der letzten Figuren aus der Gründergeneration von al-Qaida gewesen, der eine solche Autorität zugekommen war. Zawahiri habe weiter zu Anschlägen auf die USA aufgerufen. Er sei damit nach Einschätzung der Regierung ein legitimes Ziel für einen solchen Angriff gewesen. Ein Regierungsvertreter sagte: "Sein Tod ist ein schwerer Schlag für al-Qaida und wird die Handlungsfähigkeit der Gruppe beeinträchtigen."

Jahrelang an Bin Ladens Seite, dann dessen Nachfolger

In der Machtstruktur von al-Qaida stand Zawahiri viele Jahre lang direkt hinter Anführer Osama bin Laden. Den Ägypter Zawahiri und den in Saudi-Arabien geborenen Bin Laden verband der fanatische Hass auf Amerika, Israel und die Herrschaftsstrukturen in ihrer jeweiligen Heimat. Nachdem US-Spezialkräfte Bin Laden am 2. Mai 2011 in Abbottabad in Pakistan ausgeschaltet hatten, übernahm Zawahiri die Leitung.

Er prägte al-Qaida und den Dschihadismus ideologisch. Allerdings fehlte ihm das Charisma, das Bin Laden als Führungsfigur ausstrahlte. Es gelang ihm nie, in dem Terrornetzwerk das ikonenhafte Ansehen seines Vorgängers zu erreichen. Die USA hatten 25 Millionen Dollar für Informationen ausgelobt, die zu seiner Ergreifung führen.

Der 1951 geborene Zawahiri wuchs in einem wohlhabenden Vorort der ägyptischen Hauptstadt Kairo auf. In seinem Heimatland hatte er bekannte Vorfahren: Der Großvater mütterlicherseits war Präsident der Universität Kairo, sein Großonkel väterlicherseits Rektor der Al-Azhar-Universität, der angesehensten Bildungseinrichtung der islamischen Welt.

Während seiner Ausbildung zum Chirurgen knüpfte Zawahiri Kontakte zu radikalen Muslimgruppen. Mit dem Ziel, einen islamischen Staat in Ägypten zu gründen, trat er in den 1970er-Jahren der neuen Terrorgruppe Ägyptischer Islamischer Dschihad bei, die 1981 Präsident Anwar el-Sadat ermordete. Zusammen mit 300 anderen Verdächtigen wurde Zawahiri festgenommen und blieb drei Jahre in Haft, bis er 1985 über Saudi-Arabien nach Pakistan ausreiste.

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