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US-Wahlkampf:Überraschung!

Die Hoffnung von Donald Trump ist auf einer Festplatte gespeichert, die in Joe Bidens Heimat entdeckt wurde.

Von Stefan Kornelius

Ein Laptop, ein paar E-Mails, kompromittierende Bilder, eine dubiose Geschichte. "Déjà vu all over again", würde der amerikanische Aphorismenkönig Yogi Berra sagen, denn tatsächlich läuft im US-Wahlkampf ein Film ab, der vor vier Jahren schon einmal zu sehen war und der damals nicht unerheblich zum Wahlsieg von Donald Trump beigetragen hat.

"October Surprise" wird das Phänomen genannt, die Überraschung im letzten Augenblick - die könnte Donald Trump zum Sieg verhelfen. Und so klammern sich die Trumpisten auf der Zielgeraden zum Wahltag an die Hoffnung, die wohl auf einer Festplatte steckt.

Aufgetaucht ist sie angeblich im vergangenen Jahr in einem Computer-Reparaturladen in Wilmington, Delaware, der Heimat des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers Joe Biden. Der Ladenbesitzer, John Paul MacIsaac, will sie von einem unbekannten Kunden erhalten haben, den er aufgrund einer amtlich dokumentierten Sehschwäche nicht erkennen konnte. Nachdem die Hardware nie wieder abgeholt worden war, will MacIsaac das Material im vergangenen Dezember dem FBI und kurz darauf dem Anwalt des Trump-Beraters Rudi Giuliani übergeben haben.

Grund: Auf der Festplatte habe sich Belastungsmaterial gegen Joe Biden gefunden. Vor einer Woche fand dieses Material seinen Weg zur Trump-freundlichen Krawallzeitung New York Post. Neben allerhand unappetitlichen Informationen und Bildern über Bidens Sohn Hunter veröffentlichte die Post die vermeintliche Mail eines ukrainischen Geschäftsmannes, der sich bei Hunter Biden für ein arrangiertes Treffen mit dessen Vater Joe bedankte. Pikant daran: Biden hatte immer abgestritten, dass er als Vizepräsident mit den Geschäften seines Sohnes verbandelt war. Es geht um Interessenkonflikte und unlautere Einflussnahme.

Das Biden-Lager reagierte schnell und prüfte die Kalender: Ein Treffen mit dem ukrainischen Geschäftsmann habe es nicht gegeben. Der Mann sei nicht bekannt. Die Mail und der Inhalt der Festplatte könnten gefälscht sein. Tatsächlich warnen US-Geheimdienste seit Monaten vor einer Einflussnahme Russlands auf den Wahlkampf. Ein von Giuliani gepflegter Ukraine-Kontakte entpuppte sich tatsächlich als russischer Agent. Ergebnis nach einer Woche frenetischer Recherchen: Die Sache stinkt, Beweise gibt es nicht, möglicherweise alles Fake.

All das hält Donald Trump nicht davon ab, auf Wahlveranstaltungen immer wieder die Erinnerung an Hillary Clintons E-Mail-Skandal und die 2016 im letzten Augenblick eingeleiteten FBI-Untersuchungen wachzuhalten. Die Konspirations-Portale laufen über vor immer neuen Theorien, Twitter hat die Verbreitung der Post-Geschichte zunächst gestoppt, später wieder zugelassen.

All das befeuert die Unruhe und stachelt die Verschwörungserzähler an: Kommt hier der Umschwung im Wahlkampf? Die "Oktober-Überraschung" ist seit Richard Nixon fester Bestandteil der Wahlkampfdramaturgie. 1972 stellte der amtierende Präsident erfolgreiche Friedensgespräche in Vietnam in Aussicht. Der Frieden hat dann zwar noch eine Weile auf sich warten lassen, aber Nixon wurde wiedergewählt.

© SZ vom 19.10.2020
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