US-Wahlkampf:Industriejobs weg, kein Aufschwung in Sicht

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Meine Gespräche während der zwei Tage in Terre Haute bestätigen viele Eindrücke aus anderen Reisen in diesem Wahlkampf. Zufrieden mit dem politischen System in Washington ist niemand, alle kommen schnell auf den Einfluss von big money (Firmen, Lobbyisten, Milliardäre) dort zu sprechen. Der Wunsch nach Veränderung ist groß in der Stadt, in der Bernie Sanders die Vorwahl der Demokraten gewonnen hat. Auch in Terre Haute sind sehr viele der gutbezahlten Industriejobs verschwunden: 2008 schloss der Pharmagigant Pfizer seine Fabrik - Hunderte wurden arbeitslos.

Und obwohl das Rose-Hulman Institute of Technology in Terre Haute vielfach als beste US-Uni für Ingenieure ausgezeichnet wurde, nehmen die Absolventen lieber anderswo Jobs an. Früher hieß es, dass jeder Highschool-Absolvent eine Arbeit findet, mit dem man sich zumindest bescheidenen Wohlstand erarbeiten und eine Familie ernähren kann. Heute würde so etwas niemand mehr versprechen. Drei Beobachtungen aus Vigo County fallen besonders auf:

Die Gesellschaft ist polarisiert. Wer durch die Tür von Frank Rushs Büro tritt, weiß genau, wo er politisch steht: Sie ist vollgeklebt mit Anti-Hillary-Cartoons und Sprüchen, die Abtreibung verdammen und Waffenbesitz rechtfertigen. Er moderiert jeden Morgen zwischen sechs und acht Uhr die Morgen-Show des Radiosenders WIBQ. Später sind dort Rush Limbaugh und Sean Hannity zu hören - die Könige des konservativen Talkradios. "Die Besitzer wollen Profit machen - und mit markigen Sprüchen verdient man Geld", räumt Rush ein.

Doch weil sich in Terre Haute, wo Rush vor 53 Jahren zur Welt kam, alle Einwohner über zwei Ecken kennen, sei das Klima noch anders. "Man diskutiert eher unter Gleichgesinnten, doch so hasserfüllt wie auf der nationalen Ebene stehen sich Anhänger der Repulikaner und Demokraten hier nicht gegenüber", sagt Rush und nickt Chris Gambill zu. Der Anwalt und Obama-Fan war 2008 Delegierter beim Demokraten-Parteitag und jeden Freitag diskutieren sie für einen Podcast über Politik. Auf lokaler Ebene seien sie sich oft einig, so Gambill, doch über Trump und dessen Vize, Indianas Gouverneur Mike Pence, streiten sie stundenlang.

Dass sein Kandidat dem Republikaner-Establishment den Krieg erklärt hat und sich nun "von allen Fesseln" befreit fühlt, überrascht den Trump-Fan Rush nicht - und es stört ihn nicht. "Beide Parteien haben ihre Wähler betrogen. Sie haben zu viel versprochen und nichts geliefert", sagt er. Er beschreibt Trumps Erfolg so: "Er ist der Finger, mit dem die Wähler den Eliten ein Auge ausstechen wollen." Alles andere sei für sie nebensächlich.

Der Enthusiasmus für Hillary Clinton ist gering - aber er reicht aus. Auch wenn im Straßenbild die Trump-Schilder überwiegen: Zahlreiche Demokraten und Clinton-Fans geben sich doch zu erkennen. Vor den Gewerkschaftshäusern sind yard signs - private Wahlplakate - angebracht und viele freiwillige Helfer kommen aus diesem Lager. Neben Gewerkschaftern steht mit den Schwarzen eine wichtige Wählergruppe fest zu Clinton.

"Trump ist ein Idiot und sein Gerede über uns sagt alles", sagt Landis Fairrow. An der Wand seines BBQ-Restaurants "Homey's" hängt ein "I'm your girl. Hillary"-Bild und als Politologe redet er gern mit Gästen über die Wahl. Wenn Trump behaupte, dass es Afroamerikanern heute so schlecht gehe wie nie zuvor, offenbare dies seine Ignoranz: "Was ist mit der Sklaverei-Zeit, den Jim-Crow-Gesetzen und den Lynchmorden?" Fairrow ist sicher, dass seine Community mit überwältigender Mehrheit für die Demokratin stimmen wird. Viele denken wie sein Gast Bobby Brooks: "Die TV-Debatten schaue ich mir nicht an. Das Spektakel widert mich an und ich stimme ohnehin für Clinton."

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