Süddeutsche Zeitung

US-Wahlkampf:Republikaner schockiert mit Aussagen über Vergewaltigung

Mediziner und Frauenrechtler sind empört: Mit der kruden Theorie, eine Vergewaltigung führe selten zu Schwangerschaften, weil sich der weibliche Körper wehren könne, manövriert sich der republikanische Senatskandidat Todd Akin ins Abseits. Damit bringt er auch Romneys "running mate" Paul Ryan in Bedrängnis.

Johannes Kuhn

Todd Akin ist weder eine Frau, noch ist er ein Gynäkologe. Dennoch fühlte sich der republikanische Abgeordnete und Senatskandidat in einem TV-Interview am Sonntag offenbar qualifiziert, eine ganz eigene biologische Theorie zu vertreten. Auf die Frage, ob Abtreibung im Falle einer Vergewaltigung gerechtfertigt sei, antwortete er:

"Erst einmal, so wie ich Ärzte verstehe, ist das [eine Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung, d. Red.] ziemlich selten. Wenn es eine legitime Vergewaltigung ist, hat der weibliche Körper die Möglichkeit, das zu verhindern. Nehmen wir an, das funktioniert nicht oder so. Ich denke, es sollte eine Bestrafung geben, aber die sollte den Vergewaltiger treffen und nicht das Kind."

Eine "legitime", auch mit "tatsächliche" übersetzbare Vergewaltigung* kann also nicht zu einer Schwangerschaft führen, weil ein körperlicher Abwehrmechanismus der Frau das verhindert. Nicht nur der gesunde Menschenverstand und medizinische Fakten widersprechen dieser These Akins, der ausgerechnet im Wissenschaftsausschuss des Kongresses sitzt. Auch eine Studie aus dem Jahr 1996 lässt seine Äußerungen deplatziert und peinlich erscheinen: Demnach resultieren in den USA jährlich 32.000 Schwangerschaften aus Vergewaltigungen.

"Tatsächlich dumm"

Kein Wunder, dass innerhalb weniger Stunden ein Entrüstungssturm losbrach. "Wenn Du nicht verstehst, wie eine Schwangerschaft funktioniert, sollte es Dir für immer verboten sein, dazu Gesetze zu verfassen", hieß es beispielsweise bei Twitter, von einer "absurden, menschenverachtenden, einfach nur traurigen" Aussage war die Rede. "Tatsächlich dumm", titelte die Huffington Post.

"Als Frau und Staatsanwältin, die Hunderte Vergewaltigungsfälle verfolgt hat, bin ich erschüttert über diese Aussagen", twitterte die Demokratin Claire McCaskill, die im November gegen Akin ihren Senatssitz im Bundesstaat Missouri verteidigen muss. Die Journalistin Donna Ladd schrieb erbost: "Lieber Todd Akin, bitte lesen Sie meinen Text darüber, wie ich mit 16 vergewaltigt wurde und sagen Sie mir, ob es eine echte Vergewaltigung war."

Noch am späten Nachmittag reagierte Akin und gab eine Erklärung heraus. Darin gab er an, sich falsch ausgedrückt zu haben. Die Aussagen seien unvorbereitet gewesen und reflektierten nicht die "tiefe Empathie, die ich für die Tausenden Frauen empfinde, die jedes Jahr vergewaltigt und missbraucht werden." Gleichzeitig erklärte er, dass das Thema Abtreibung in diesem Zusammenhang emotional aufgeladen sei, er aber nicht glaube, dass es der richtige Weg sei, "einem weiteren unschuldigen Opfer Leid anzutun".

*zur Übersetzung von "legitimate" hat Anatol Stefanowitsch im Sprachlog etwas geschrieben. Wir haben Überschrift und Text entsprechend korrigiert.

Plötzlich steht auch Paul Ryan im Blickpunkt

Mit dieser Aussage dürfte die Affäre allerdings nicht beendet sein. Akins Fauxpas ist auf zwei Ebenen für die Republikaner äußerst problematisch: So ist Missouri einer der Staaten, den die Partei unbedingt gewinnen muss, will sie den Demokraten auch im Senat die Mehrheit abnehmen.

In den parteiinternen Vorwahlen hatte sich Akin mit Unterstützung der Tea Party durchgesetzt und dabei äußerst konservative Positionen vertreten. Dass er im Kampf um den Senatsposten in einigen Themen zu weit rechts von der Mitte steht, hatten gemäßigte Republikaner bereits befürchtet. Sein derzeitiger Vorsprung auf Amtsinhaberin McCaskill liegt bei acht Prozentpunkten.

Ein zweites Problem ist, dass Akins Aussage auch den Vizepräsidentschaftskandidaten Paul Ryan in Misskredit bringen könnte, der als absoluter Abtreibungsgegner gilt und im vergangenen Jahr einen umstrittenen Gesetzesentwurf Akins im Repräsentantenhaus unterstützte. Dieser sah Änderungen am staatlichen Gesundheitsfürsorgeprogramm Medicaid vor. Dieses finanziert Abtreibungen nur, wenn es sich um eine Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung handelt.

Der Entwurf sah vor, dies auf Fälle der "erzwungenen Vergewaltigung" einzuschränken. Der Begriff findet sich in keinem Gesetz und hätte in den Augen von Kritikern dazu führen können, dass beispielsweise während der Tat betäubte Frauen keinen Anspruch auf eine Kostenübernahme durch Medicaid mehr erhalten hätten, weil sie sich nicht gegen den Vergewaltiger hätten wehren können.

Das Romney/Ryan-Wahlkampfteam hat sich bereits von Akins Aussagen distanziert und erklärt, man spreche sich nicht gegen Schwangerschaftsabbrüche im Falle einer Vergewaltigung aus. Romney vertritt wie Obama die Meinung, dass Abtreibungen bei Vergewaltigung, Inzest oder bei Lebensgefahr der Mutter erlaubt sein sollten. Damit befinden sich beide Seiten im Einklang mit der Mehrheitsmeinung: Nur 20 Prozent der Amerikaner vertreten die Position, eine Abtreibung sei "unter keinen Umständen" als legal zu betrachten. 52 Prozent finden, sie sollten "unter bestimmten Umständen" legal sein.

Ein absurdes Argument, das immer wiederkehrt

Romney befürwortet allerdings anders als Obama die Rücknahme einer Supreme-Court-Entscheidung von 1973, derzufolge ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen in den ersten drei Monaten dem Recht auf Privatheit widerspricht.

Wie die Washington Post anmerkt, wurde Akins Theorie, wonach Frauen Schwangerschaften bei Vergewaltigungen verhindern können, bereits häufiger von weniger bekannten konservativen Politikern verwendet. Auch ein von George W. Bush nominierter Bundesrichter pflegte ähnliche Ansichten.

Abtreibungsgegner der Pro-Life-Bewegung greifen allerdings auch häufiger auf das Argument zurück, Frauen würden Vergewaltigungen erfinden, um einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu können. Akin selbst hatte Anfang der neunziger Jahre als Abgeordneter in Missouri für ein Gesetz gegen Vergewaltigung in der Ehe gestimmt, dabei aber angemerkt, dass Vergewaltigung von einer Ehefrau "in einer schlimmen Scheidung als Werkzeug und juristische Waffe verwendet werden könnte, um den Ehemann zu zerstören".

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