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US-Wahlkampf:Obama setzt auf Latinos

Sie allein könnten die Wahl entscheiden: Mehr als zwölf Millionen Latinos leben in den USA. Weil Präsident Obama die weißen Wähler davonlaufen, hat er entschieden, dass viele illegal eingewanderte Hispanoamerikaner bleiben dürfen. Seine Geste ist riskant.

Barack Obama treiben Selbstsucht und kühlstes Kalkül - und doch hat Amerikas Präsident gerade eine ebenso große wie großzügige Geste verfügt: Eine knappe Million junger Menschen, die einst als Babys oder Kinder von ihren Eltern illegal in die USA gebracht wurden, darf bleiben.

Seit Jahr und Tag leben sie in Angst vor Polizei und Abschiebung. Das wird sich nun ändern, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Wer brav zur Schule geht, wer fleißig studiert oder gar freiwillig Militärdienst in der US-Armee leistet, der muss künftig nur einen Antrag stellen - dann erhält er, für jeweils zwei Jahre, Duldung und Arbeitserlaubnis.

Obamas Versprechen ist purer Realismus, in doppelter Hinsicht. Der Präsident hat verstanden, dass diese Teens und Twens längst "in ihrem Herzen und in ihrer Seele Amerikaner sind". Und er hat begriffen: Ohne die Wahlhilfe der Millionen Latinos droht ihm selbst demnächst die Ausweisung - aus dem Weißen Haus nämlich.

Obama laufen die weißen Wähler davon. Also muss er, um die Wahl im November zu überstehen und eine zweite Amtszeit zu erleben, mehr denn je Amerikas Minderheiten umwerben. Dazu tut der Demokrat nun etwas, was er noch vor einem Jahr kategorisch ausgeschlossen hatte: Er stoppt seine Einwanderer-Polizei - und erlässt eine De-facto-Amnestie.

Schattenmenschen im Land der Freien

Mehr kann er nicht tun: Den Weg zur wirklichen Legalisierung per Green Card oder per Einbürgerung könnte nur der Kongress per Gesetz ebnen. Doch auf dem Kapitolshügel, wo Demokraten und Republikaner sich seit Jahren zanken, scheiterte bisher jeder Versuch einer großen Reform. Mehr als elf Millionen Menschen ohne Papiere leben seit Jahren wie Schattenmenschen im Land der Freien.

Immerhin, die kleinste, die jüngste Kohorte dieser Illegalen darf nun ins Licht treten. Obamas Gnadenakt ist eine Verbeugung vor einer neuen Macht in Amerika. Mehr als 50 Millionen Menschen zwischen Los Angeles und New York sind lateinamerikanischer Abstammung - mithin jeder sechste Bürger. Und sie werden stetig mehr: Jedes vierte Baby, das in den USA zur Welt kommt, erfasst die Statistik als "Hispanic", jedes Jahr nimmt die Zahl der US-Latinos um eine Million zu.

Sie verdingen sich als Bauarbeiter und Gärtner, als Putzfrauen und Kindermädchen - und sparen, um Sohn oder Tochter die Ausbildung zum Arzt oder Anwalt zu ermöglichen. Wer heute noch den amerikanischen Traum zu träumen wagt, spricht meist mit mexikanischem Akzent. Schon heute sind die Vereinigten Staaten (nach Mexiko) das zweitgrößte spanisch-sprechende Land auf Erden.

Latinos allein könnten die Wahl entscheiden

Noch schneller als ihre schiere Zahl wächst der politische Einfluss der Latinos. Bei der ersten Präsidentschaftswahl des 21. Jahrhunderts gaben sechs Millionen Hispanics ihre Stimme ab. Diesmal, nur zwölf Jahre später, werden es mehr als zwölf Millionen sein. Sie allein könnten die Wahl entscheiden. Denn in vier sogenannten "Swing States" - also in US-Bundesstaaten, die mal demokratisch, mal republikanisch wählen - leben besonders viele Latinos.

Falls in Nevada und Florida, in Colorado wie in North Carolina am 6. November Wähler bleicher Hautfarbe zu etwa gleichen Teilen für Obama wie für dessen Herausforderer Mitt Romney votieren, dann dürfte der 44. Präsident sein Amt behalten. Denn zwei von drei Latinos, so sämtliche Analysen, stimmen demokratisch.

Dieses Band möchte Obama nun noch enger knüpfen. Dabei ist sein Signal an die Latinos nicht ohne Risiko. Viele weiße Demokraten ohne höhere Bildung oder größere Chancen am Arbeitsmarkt möchten die "braune Konkurrenz" lieber heute als morgen loswerden. Diese früheren Stammwähler verprellt der Präsident, er setzt politisch bereits heute auf Amerikas demografische Zukunft. So wie es heute aussieht, werden binnen einer Generation die Weißen selbst nur noch die größte Minderheit der Vereinigten Staaten sein.