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US-Wahlkampf:Hillary Clinton macht Obama nach - und scheitert

Hillary Clinton, Zach Galifianakis

Hillary Clinton und der Schauspieler Zach Galifianakis während ihres Sketches für "Between Two Ferns".

(Foto: AP)

Wie einst der US-Präsident lässt sich die Demokratin von "Hangover"-Star Zach Galifianakis unverschämte Fragen stellen. Millionen Wähler sehen, wie sie versichert, weder schwanger noch rassistisch zu werden.

Von Matthias Kolb, Washington

Hillary Clinton sitzt auf ihrem Stuhl und wartet. "Wo ist er? Wo bleibt Zach?", fragt sie, während sich ein Mann mit einer Totenmaske anschleicht. Zwei Leibwächter Clintons übermannen ihn binnen Sekunden. "Hey, ich wollte sie nur ein bisschen erschrecken", ruft Schauspieler Zach Galifianakis und beginnt mit zerzausten Haaren sein Interview.

"Sind Sie stolz darauf, als erstes Mädchen Präsidentin werden zu können", fragt er. Es wäre eine große Ehre, das Amt innezuhaben, entgegnet Clinton: "Es wäre nicht nur für Mädchen, sondern auch für Jungs etwas Besonderes." Auf den Kommentar, dass Clinton "für die ganz jungen Amerikaner ja auch die erste weiße Präsidentin" sei, reagiert die 68-Jährige mit einem gelangweilten Stirnrunzeln - natürlich nur gespielt.

Clinton weiß genau, worauf sie sich bei Galifianakis eingelassen hat. In "Between Two Ferns" platziert der Schauspieler berühmte Personen zwischen zwei Farnen und stellt ihnen absurde Fragen. Justin Bieber und Bradley Cooper haben schon mitgemacht, trotzdem ist bis heute vor allem der Auftritt von Barack Obama in Erinnerung geblieben. Der US-Präsident konterte erst geschickt alle Fragen nach seiner Geburtsurkunde, Nordkorea (bzw. "Nord-Ikea") und American Football - um dann für seine Gesundheitsreform zu werben.

Obama musste damals alles tun, um junge Leute zu überzeugen, sich für Obamacare zu registrieren. Also setzte er nicht auf altmodische TV-Sender, sondern aufs Internet. Dass die Website "Funny or Die", wo "Between Two Ferns" läuft, bei Millennials sehr populär ist, wissen auch die Berater von Hillary Clinton. Mindestens 50 Millionen Mal wurde das Sechs-Minuten-Video mit Obama bisher angeguckt, auf einen ähnlichen Erfolg hoffte wohl auch die Präsidentschaftskandidatin. Eine Prognose sei gewagt: Die Obama-Marke wird der Clip wohl nicht knacken (Video folgt am Ende des Texts).

Der Obama-Zauber springt nicht über

Hillary Clinton übernimmt also eine Medien-Strategie, die bei Obama bestens funktionierte - die sich aber nicht einfach kopieren lässt. Mehrere Umfragen zeigen, dass die unter 35-jährigen Wähler (die einen wichtigen Beitrag leisteten, um Obama ins Weiße Haus zu bringen) weiter mit ihr fremdeln.

Die Demokratin ist weit entfernt von Obamas 60-Prozent-Marke, weil viele Jungwähler sie als unehrlich empfinden. Begeisterung löst sie bei ihnen nicht aus. Die Episode mit dem Video macht deutlich, warum das so ist: Clinton kopiert Obama - anstatt einen eigenen, authentischen Weg zu finden, junge Wähler anzusprechen.

Landesweite Umfrage: Clinton (blau) vs. Trump (rot)

Ihr Auftritt bei "Between the Ferns" zeigt, dass Clinton das Image-Problem erkannt hat und etwas dagegen tun will (laut Politico war es ihr Team, das sich an "Funny or Die" wandte) - doch wirklich lustig ist das alles nicht. Sie scheint sich auf der Bühne zwar einigermaßen wohl zu fühlen, doch Obamas Selbstironie und komödiantisches Talent gehen ihr ab. Sie lässte jene Selbstsicherheit vermissen, die er zum Beispiel beim jährlichen Satire-Auftritt rund um die Korrespondenten-Gala zeigt.

Clintons Blicke sind am eindeutigsten

Die Ex-Außenministerin verdient Anerkennung dafür, dass sie sich ohne Vorab-Absprachen mit Galifianakis filmen lässt - aber viele seiner respektlosen Fragen ("Wie mag Obama seinen Kaffee? So wie er selbst ist? Also schwach?") kann sie nur mit einem Kopfschütteln parieren. Dabei spricht der 46-jährige Moderator viele wichtige Themen dieses Wahlkampfs an, etwa den unübersehbaren Sexismus. "Was passiert, wenn Sie schwanger werden? Haben wir dann neun Monate Tim Kaine an der Backe, wie soll das gehen?", fragt er. Clintons Blick sagt "ich werde nicht mehr schwanger". Dann bietet sie ihm gönnerhaft an, ihm Infomaterial zukommen zu lassen.

Am Ende der sechs Minuten weiß der Zuschauer, dass Clinton nicht vorhat, im Falle eines Trump-Wahlsiegs nach Kanada auszuwandern: "Ich würde hier bleiben und versuchen zu verhindern, dass er die USA zerstört." Außerdem: Dass Clinton keine Trump-Steaks essen würde und dass sie noch nicht weiß, was sie am kommenden Montag zur TV-Debatte anziehen wird (schon wieder so ein Frauen-Klischee). Und dass sie nicht daran denke, rassistisch zu werden - selbst wenn Donald Trump mit der Strategie Erfolg habe.

Bisher mehr als 20 Millionen Klicks

Die letzte Frage von Galifianakis, wie man denn am besten in Kontakt bleiben könne - "per E-Mail?" - quittiert Clinton, nicht zu Unrecht, mit einem Etwas-Besseres-ist-dir-nicht-eingefallen-Blick. Es ist eine Anspielung auf ihre E-Mail-Affäre.

Welche Rolle die Lungentzündung, die wenige Stunden vor Beginn der Aufzeichnung bei Clinton attestiert wurde, bei der mittelprächtigen Performance gespielt haben mag - das zu entscheiden, darf man getrost dem Internet überlassen. Zumindest in einer Hinsicht ist Clintons Plan aufgegangen: Der Clip wurde in wenigen Stunden bereits mehr als 20 Millionen Mal angesehen.

Linktipp: Dieser Artikel in The Daily Beast beschreibt, wie "Funny or Die" die Politik-Szene in Washington beeinflusst. Die neue Sechs-Minuten-Episode ist hier anzusehen:

© SZ.de/hatr

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