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US-Wahl:"Wir sind die schweigende Mehrheit"

Das sonst so liberale New York ist in den ersten Stunden nach der Wahl Trump-Land. Ihren Hass auf das Establishment haben die Anhänger des Republikaners gut einstudiert.

Manhattan um drei Uhr in der Nacht, fünf Minuten Fußweg entfernt vom Hilton-Hotel und damit von Donald Trump und seiner Siegesrede, in einer Bar mit sehr vielen Rotkäppchen, viele mit vom Alkohol geröteten Wangen. An den Wänden acht Bildschirme, Fox News, Donald Trump heißt ab sofort "Mr. President". Die US-Landkarte wird eingeblendet, sie ist ähnlich rot wie die Kappen der Trump-Fans hier. "Unbelievable", sagt einer.

Diese Bar, diese liberale Stadt, in der Clinton 79 Prozent der Stimmen bekam, ist in diesen ersten Stunden nach der Wahl Trump-Land. Drei Trump-Gegner sitzen lustlos über ihrem Essen, schweigen sich gegenseitig an, bis einer sagt: "Das ist nicht passiert." Im Fernsehen redet Trump, zwei Reihen weiter vergewissern sich Trump-Fans, dass gerade Geschichte geschrieben wird.

In den USA hat ein Kandidat quasi im Alleingang, entgegen der Ratschläge seiner Berater und ungeachtet der Wahlprognosen, so viele Wähler hinter sich vereinigen können, dass seine Gegnerin Hillary Clinton am Dienstagabend darauf verzichtete, eine Rede zu halten.

"Wir haben ein bisschen Angst"

Einer der Männer in der Bar macht eine Handbewegung, so als ob er würfeln würde: "Bist du ein Glücksspieler?", fragt er. Denn das ist, was gerade passiert ist, sagt der Mann. Nach acht Jahren Obama-Regierung habe sich die Nation dazu entschieden, einen CEO, einen Chief Executive Officer, an die Spitze des Landes zu setzen. "Er könnte die Situation deutlich verschlimmern", sagt er. Bei Hillary Clinton sei klar gewesen, was gekommen wäre. Eine Neuauflage der Obama-Regierung. Mit Trump hingegen sei es wie bei einer Wette. Viel Gewinn, viel Verlust. Beides ist möglich.

Plötzlich klatschen große Teile der Bar - zuerst ist nicht klar, warum. Doch kurz darauf stellt sich heraus, dass ein paar Männer mit Trump-Mützen in die Bar gekommen sind. Die Männer kommen anscheinend aus Asien.

Stunden vorher, als erste Clinton-Anhänger mit Clinton-Fahnen nach Hause gehen, schweigend und mit versteinerten Gesichtern, heißt es zunächst in ihren SMS: "Wir haben ein bisschen Angst." Aus der Angst wird sehr schnell ein schockiertes "WTF" (What the Fuck) - und dieses Gefühl wird bei Demokraten die kommenden Stunden, Tage und vermutlich Wochen anhalten.

Einstudierter Hass auf das Establishment

Republikaner hingegen schauen zu dieser Zeit auf ihre Smartphones und sehen, wie wichtige Bundesstaaten sich entweder rot färben oder aber die Rennen so eng verlaufen, dass kein Sieger vorausgesagt werden kann - zu diesem Zeitpunkt wurde dies bereits als schlechtes Zeichen für Clinton ausgelegt. "Wir gewinnen", sagt einer der Trump-Anhänger gute drei Stunden, bevor das eigentliche Ergebnis feststeht. Später wird so gut wie jeder sagen, von Anfang an, seit dem ersten Auftritt im Juni 2015, an den Business-Man mit seinen zwei, bei Fotoaufnahmen reflexartig, gereckten Daumen geglaubt zu haben.

Trump selbst hatte für seine Feier das Hilton-Hotel gewählt - und nicht etwa sein Trump-Gebäude. Alleine das galt vielen Beobachtern als Zeichen dafür, wie unsicher der republikanische Kandidat sich seiner Sache wäre.

Kurz nach Mitternacht, noch sind wenige Journalisten da, beginnen die Trump-Fans mit den Sprechchören, der mehrere Blocks entfernt noch zu hören ist. In den vergangenen anderthalb Jahren haben die Republikaner ihren Hass auf das Establishment gut einstudiert und auf dreisilbige Formeln verkürzt. "Drain the swamp" (etwa: Legt den Sumpf trocken), "build the wall", "lock her up" und "trump that bitch" lauten diese.

Unter den Feiernden ist auch Ernst Achildiyev, 25 Jahre alt, fein angezogen, und Bauunternehmer in der Stadt. Wenn er über sich selbst redet, sagt er: "Ich bin ein Businessman, die Lage der Wirtschaft hat keinen sonderlich großen Einfluss auf mich." Heißt: Er verdient Geld mit Immobilien, so oder so. Er habe geglaubt, dass die Wahl in irgendeiner Form "rigged" sei, es sich also um ein korrumpiertes System handle. Nun ist er anderer Meinung. "Hättest du mir gesagt, dass alles mit rechten Dingen zugehen wird, hätte ich dir garantiert, dass er gewinnen wird."

Achildiyev betont, Trump anfangs eine PR-Aktion unterstellt zu haben: "Er könnte sein Leben auf einer Insel verbringen, er müsste das hier nicht tun, das ist seine Entscheidung gewesen." Das habe ihm imponiert.

Alle warten auf Trump

Auf der Sixth Avenue fließt der Verkehr gewohnt zäh, ein paar Polizisten blockieren die Seitenstraßen. Einige Autos hupen, mal aus Zustimmung, mal aus Ablehnung. Letzteres ist daran erkennbar, dass in einem Auto der Song von YG & Nipsey Hussle gespielt wird, "FDT" ("Fuck Donald Trump"). Ein paar ausländerfeindliche Sätze sind zu hören. Wenn eine Trump-Fahne aus dem Fenster eines fahrenden Autos gehisst wird, jubeln die Menschen, in der ersten Stunde unkontrolliert. Dann starten die Dreisilber.

"Wir sind die schweigende Mehrheit", brüllt ein Trump-Anhänger. Alle warten auf Trump, auch als Trump bereits an allen vorbeigefahren ist und das den Menschen in den Stunden zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens erst nicht auffällt. Gegner und Fans geraten kurze Zeit später erneut aneinander. Während die eine Seite "Fuck Trump!" ruft, brüllt die andere "Trump! Trump!" Das klingt so ähnlich, dass für einen Augenblick beide Seiten glauben, die andere mit ihren Rufen zu unterstützen. Hier "Fuck Trump" für Menschen, die nur "Trump! Trump!" hören wollen und dort "Trump! Trump!" von Menschen, die ihn eigentlich ablehnen.

In der Bar, um vier Uhr, kommen sie wieder auf den CEO Trump zu sprechen. Woher man denn sicher sein könne, dass ein guter Geschäftsführer auch ein guter Präsident werde. Die Antwort lautet: Im Weißen Haus gebe es doch eine "executive mansion" für einen Chief Executive Officer. Sprich: In beiden Fällen sei ein Chef gefragt. Trump habe in seiner Zeit als Bauunternehmer bereits bewiesen, dass er weiß, wie er mit seinen Partnern umgehen müsse. "Er hat das Geld nur dann gezahlt, wenn der Job perfekt ausgeführt wurde." So werde auch das Land vorankommen.