US-Wahl:Was passieren würde, wenn Trump die Mauer baut

Scott Nicol

Aktivist Scott Nicol vor dem Grenzzaun in Texas.

(Foto: Johannes Kuhn)
  • Auf einem Drittel der 3000 Kilometer langen Grenze zwischen den USA und Mexiko existieren bereits Schutzbauten.
  • Die Errichtung war ein Wahlkampf-Produkt - teuer, lückenhaft, kompliziert.
  • Auch Trump hätte mit einer Mauer enorme Hindernisse zu überwinden.

Von Johannes Kuhn, Hidalgo

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist ein gottverlassener Streifen Wüste, in dem außer Schlangen und Kakteen nicht viel zu finden ist. Das stimmt, aber eben nur für einen Bruchteil der 3000 Kilometer. Anderswo ist die Grenze grün und fruchtbar, manchmal auch ziemlich dicht besiedelt. Bürgerliche Häuschen mit hübschen Vorgärten, weitläufige Ranches, Universitäten und Nationalparks - auch so sieht es dort aus, wo die beiden Länder sich treffen.

Und das ist ein Problem für Donald Trump. Denn der Bau einer Mauer wäre mit bürokratischen, rechtlichen, diplomatischen, finanziellen, logistischen und umwelttechnischen Hindernissen verbunden.

"Selbst wenn Trump gewählt werden würde - die Mauer wäre nicht einmal am Ende seiner zweiten Amtszeit fertig", sagt Scott Nicol und blickt auf den sechs Meter hohen Grenzzaun am Rande des texanischen Dorfs Hidalgo. Auf der anderen Seite der rostigen Stahlstreben liegt ein Naturschutzgebiet, dann erhebt sich die mexikanische Stadt Reynosa aus der Hitze. Die Grenzpolizei patrouilliert hier unablässig mit ihren großen Geländewagen, stets eine mächtige Staubwolke hinter sich her ziehend.

Der 46-jährige Künstler Nicol wohnt im Grenzgebiet und engagiert sich mit dem Naturschutzverband "Sierra Club" seit Jahren gegen die Errichtung dieses Bauwerks. Er hält wie die meisten Grenzanwohner die Mauer für eine undurchführbare Schnapsidee.

Schon der Zaun ist Produkt der Wahlkampf-Politik

Die Geschichte des Zauns gilt inzwischen als Beispiel für verfehlte Symbolpolitik. 2006 verlor das Land die Geduld mit dem damaligen Präsidenten George W. Bush, die Republikaner fürchteten um ihre Mehrheit im Kongress. Einen Monat vor den Midterm-Wahlen beschlossen sie, ein Drittel der Grenze mit Zaun oder Mauer sichern zu lassen, um ihr Image als Hüter der nationalen Sicherheit zu stärken.

Das sicherte jedoch weder ihre Mehrheit, noch war die Idee durchdacht: Der Zaun taucht mal in der Landschaft auf, dann verschwindet er wieder. Das Grenzgebiet ist gerade in Texas in Privatbesitz, viele Landbesitzer wehrten sich mit Händen und Füßen, einige erstritten vor Gericht hohe Ausgleichszahlungen. Zwischen einer und elf Millionen Dollar hat jeder Kilometer gekostet - Teile des Bauwerks wurden wegen der hohen Kosten gar nicht realisiert.

Ob es Donald Trump mit seinem Vorschlag einer, je nach Tagesform des Kandidaten, neun bis 16 Meter hohen Mauer besser ergehen würde? Die Klagen, schätzt Nicols, würden sicherlich ein Jahrzehnt durch die gerichtlichen Instanzen wandern.

Der Fluss erschwert den Mauerbau

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko verläuft durch vier amerikanische Bundesstaaten: Kalifornien, Arizona, New Mexico und Texas. Sie durchtrennt dabei ein höchst diverses Terrain: Meer (Pazifik und Golf von Mexiko), Wüste, Ackerland, Berge, Flussdelta und urbane Gebiete wie San Diego in Kalifornien (mit Tijuana auf der mexikanischen Seite) oder Brownsville in Texas (mit Matamoros jenseits der Grenze).

In weiten Teilen stellt der Rio Grande die natürliche Scheidelinie zwischen Mexiko und den USA dar. Da sich der Flußlauf immer wieder verändert und bei starken Niederschlägen Platz zum Ausdehnen braucht, verändert sich auch die Grenze ständig.

Eine Mauer ließe sich deshalb nicht direkt ans Flussufer bauen. Abgesehen davon haben Naturschutzgruppen wie eben der "Sierra Club" oder die "Defenders of Wildlife" für den Fall der Fälle bereits Klagen angekündigt, um die Flussauen mit ihren etwa 40 bedrohten Tierarten zu schützen. Die Organisationen verhinderten bereits erfolgreich Grenzscheinwerfer in der Nähe von Naturschutzgebieten.

Der Zaun gilt als Flop, doch Beton ist teuer

Der Flusslauf und das Biotop wären nur durch Errichtung eines großen Niemandsland-Streifens zwischen der tatsächlichen Grenze und der Mauer zu schützen. Das wiederum würde bedeuten, dass die US-Regierung den privaten Landbesitzern - darunter auch einem Indianer-Stamm in Arizona - weite Teile ihrer Grenzgrundstücke abkaufen oder sie enteignen müsste, neben den Kosten für Gerichtsprozesse wären Rücklagen für die Umsiedlung der Anwohner notwendig.

Ein weiterer Faktor sind die Materialkosten - einer der Gründe, weshalb das Heimatschutzministerium nur einen Zaun, keine Mauer aus Beton aufstellen ließ. Ein unter dem Pseudonym Ali F. Rhuzkan schreibender Bauingenieur hat berechnet, dass man mit der benötigten Menge Beton eine einspurige Straße von New York an der Ostküste bis nach Los Angeles im Westen bauen könnte - nicht direkt, sondern über die beiden Ozeane, wohlgemerkt. Entlang der 3000 Grenzkilometer müssten Fabriken für die Anmischung des Betons gebaut werden.

Die Washington Post schätzt die Gesamtkosten deshalb auf 25 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Schon der lückenhafte Zaun kostete sieben Milliarden Dollar und gilt als viel zu teuer. Allerdings hat Trump verschiedene Angaben zu seinen Gestaltungswünschen gemacht und geht natürlich davon aus, dass - durch welchen Zwang auch immer - Mexiko das Bauwerk bezahlen wird.

Schon die Wirkung des Zauns ist umstritten: Anwohner in Texas halten ihn für überflüssig, weil die Grenzgänger aus dem Süden häufig einfach eine Leiter aufstellen oder durch Lücken schlüpfen. In Arizona berichten Rancher von Tunneln unter der Grenzvorrichtung. In der Wüste dort sterben jedes Jahr mehr als 200 Menschen bei dem Versuch, den Grenzzaun zu umgehen und über die schwer zugängliche Berge in die USA zu gelangen.

Wie viele Grenzschützer braucht es? 30 000? 100 000?

Statistiken zeigen, dass die Zahl der Einwanderungsversuche weniger von den Grenzbauten, sondern vielmehr von der wirtschaftlichen und humanitären Lage im Süden sowie dem Wirtschaftswachstum abhängig ist - der größte Einwanderungs-Rückgang war nach der Finanzkrise 2008 zu erleben.

Unterdessen verschlingt der Grenzschutz auch ohne Mauer schon mehr Budget als alle anderen amerikanischen Polizeibehörden zusammen. Seit 2005 hat sich die Zahl der Grenzpolizisten auf mehr als 21 000 verdoppelt, dazu kommen private Sicherheitsfirmen. Unabhängig davon, ob Trump die Wahl gewinnt und wirklich an seinem Plan festhält, gilt eine weitere Aufstockung als wahrscheinlich.

Doch wie viele Menschen braucht es, um 3000 Kilometer Grenze vollständig zu sichern? 30 000? 100 000? Die Realität ist ein komplexeres Gebilde als eine Betonmauer.

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