bedeckt München
vgwortpixel

US-Wahl:Trumps erste Tage als Bald-Präsident machen ratlos

Im ersten TV-Interview gibt sich der Republikaner plötzlich kompromissbereit - sogar bei Obamacare und Grenzmauer. Und seinen Anhängern, die Muslime und Latinos attackieren, ruft er zu: "Hört auf!"

Das erste Treffen mit US-Präsident Barack Obama? "Er ist sehr smart und sehr humorvoll, ich hätte vier Stunden mit ihm reden wollen." Die Grenzmauer zu Mexiko? Könnte an manchen Stellen auch ein Zaun sein. Der Anruf von Hillary Clinton in der Wahlnacht? "Sie hätte nicht netter sein können." Die bei Republikanern verhasste Obamacare-Krankenversicherung? Teile von ihr sollen bestehen bleiben, aber eine Reform sei nötig. "Viel besserer Gesundheitsschutz für viel weniger Geld", das verspricht Donald Trump den US-Bürgern.

Es ist ein bemerkenswertes und sonderbares Interview, das der künftige US-Präsident dem TV-Sender CBS am Freitag im Trump Tower gegeben hat und das nun ausgestrahlt wurde. Interviewerin Lesley Stahl sitzt wie Trump auf einem goldenen Stuhl und fragt hartnäckig, welche seiner Ankündigungen der Republikaner nun umsetzen wolle.

US-Wahl Trumps rechte Hand: etabliert, vernetzt, leidensfähig
US-Wahl

Trumps rechte Hand: etabliert, vernetzt, leidensfähig

Mit Reince Priebus als Stabschef geht der künftige Präsident auf Nummer sicher. Der 44-Jährige hat den Republikaner-Wahlkampf organisiert - und könnte zwischen Trump und Gegenspieler Ryan vermitteln.   Porträt von Matthias Kolb, Washington

Trump betont, dass es ihm am wichtigsten sei, die Grenze abzusichern und jene illegalen Einwanderer abzuschieben oder zu verhaften, die kriminell seien oder einer Gang angehören: Dies seien bis zu drei Millionen Menschen. Damit entfernt er sich von seiner Maximalposition, die er oft im Wahlkampf verbreitete - bei anderer Gelegenheit hatte er jedoch betont, dass es ihm vor allem darum gehe, Verbrecher zu deportieren.

Wer sich vom Interview mehr Klarheit erhofft hat, was der 70-Jährige vorhat im Weißen Haus, der wurde enttäuscht. Er habe vor, als Präsident "gute Manieren" zu beweisen, aber manchmal sei eben auch Härte und klares Auftreten nötig. Das Leitmotto solle "America First" sein und er wolle auf das ihm zustehende Gehalt von 400 000 Dollar verzichten und nur einen Dollar annehmen, aber viel konkreter wurde es nicht. Bleibt FBI-Chef Comey im Amt? Ändert er seine Hardliner-Haltung in Sachen Abtreibung? Trump legt sich nicht fest.

Erneut betonte Trump, dass die im Wahlkampf angekündigte Einsetzung eines Sonderermittlers, der Clintons Umgang mit vertraulichen E-Mails überprüfen soll, für ihn keine große Priorität habe. Auf die Frage, ob er den harschen Ton und all die Beleidigungen des brutalen Wahlkampfs bereue, antwortet Trump nach einigem Zögern: "Ich kann nichts bereuen, nein. Es war eine großartige Kampagne."

Trump ruft Anhänger auf, Gewalt gegen Latinos und Muslime zu stoppen

Dass seit Tagen in New York und Dutzenden anderen US-Städten Tausende gegen ihn protestieren ("Not my president") und Millionen US-Bürger Angst vor seiner Präsidentschaft haben, beschäftigt Trump offenbar nicht. "Die Demonstranten, die kennen mich einfach nicht. Und in einigen Fällen sind es professionelle Protestierer, die werden bezahlt", sagt er. Erst auf mehrmaliges Nachfragen wendet er sich mit "Habt keine Angst" an die Kritiker und beklagt danach den Doppelstandard der Medien.

Während des langen Gesprächs, zu dem später auch die künftige First Lady sowie vier seiner fünf Kinder hinzukommen, sieht der Zuschauer immer wieder einen sehr skeptisch-verwirrten Blick im Gesicht der erfahrenen Journalistin Lesley Stahl - etwa als Trump behauptet, er sei überrascht zu erfahren, dass einige seiner Anhänger Homosexuelle, Afroamerikaner und Latinos mit rassistischen Sprüchen beschimpft hätten (Details hier).

Er sei "traurig" über die Information, denn er höre so etwas nicht. Dann blickt Trump direkt in die Kamera und sagt: "Hört damit auf! Ich führe dieses Land doch zusammen. Wenn es hilft, dann sage ich es. Hört damit auf!"