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US-Wahl:Nie war ein TV-Duell unbarmherziger

"Ungeheurer Hass im Herzen": Das aggressive Duell der beiden Kandidaten zeigt, was für ein unwürdiges Schauspiel der Präsidentschaftswahlkampf 2016 ist.

Von Johannes Kuhn, New Orleans

Schon anderthalb Stunden bevor die Debatte beginnt, hat der ehemalige Reality-TV-Star Donald Trump sein monatelang vorbereitetes Werk vollendet: Der Präsidentschaftswahlkampf ist nun wirklich im Reality-TV angekommen. In einem Hotel in St. Louis versammelte der Republikaner vier Frauen, die Hillary Clintons Ehemann Bill sexuelle Übergriffe in den vergangenen Jahrzehnten vorwarfen (Details zu den Fällen hier).

Sie erklären kurz, dass sie Trump unterstützen - denn Bill Clinton sei ein schlimmer Mensch. Es ist nicht der letzte Versuch des Kandidaten an diesem Abend, die eigene Kontroverse um frauenfeindliche Äußerungen zu einem Clinton-Thema umzudeuten.

Später auf der Bühne fragen Moderator Anderson Cooper und eine Wählerin - immerhin ist das Town-Hall-Format eine Versammlung unentschlossener Wähler - sofort zu "Pussygate". Trump verzichtet auf Entschuldigungen, spricht wieder vom "Umkleidekabinen-Gerede". Hillary Clinton gibt sich nachdenklich, und sagt dann: Die Äußerungen hätten sie darin bestärkt, dass dieser Mann nicht für das Amt geeignet ist.

Trump reagiert auf solche kleine Provokationen, mit denen ihn seine Rivalin unmerklich aus der Reserve zu locken versucht: "Guckt euch Bill Clinton an - das ist viel schlimmer", sagt der 70-Jährige. "Bei mir waren es Worte, er hat gehandelt." Er wirft Hillary vor, als Anwältin einmal einen Pädophilen verteidigt zu haben und die Opfer ihres Ehemanns noch zum Schweigen gebracht zu haben.

Was unzusammenhängend und impulsiv klingt, ist die Botschaft an die rechte Basis seiner Anhängerschaft, die Clinton schlicht hasst. Die ehemalige Außenministerin reagiert gelassen, versucht ihre Botschaft vom toleranten Amerika unterzubringen und zitiert Michelle Obama: "Wenn ihr Niveau nach unten geht, geht unseres hoch."

Ein unwürdiges Schauspiel

Trump dagegen unterbricht sie immer wieder, hält ihr die E-Mail-Affäre vor, macht sogar eine Ankündigung: "Wenn ich Präsident werde, werde ich den Justizminister anweisen, einen Sonderermittler einzusetzen." Alles, was Trump gesagt habe, sei eine Lüge, antwortet Clinton. "Es ist gut, dass jemand mit diesem Temperament keine Verantwortung im Land hat", sagt sie. Trump kontert: "Aber du wärst ja im Gefängnis."

Zu diesem Zeitpunkt ist gerade einmal eine halbe Stunde vorbei, es ist der Tiefpunkt der TV-Debatte, wahrscheinlich aller TV-Debatten überhaupt. Ein unwürdiges Schauspiel vor den Augen einer tief demokratischen Nation, die nach 240 Jahren einer Aufführung beiwohnt, wie sie eine Bananenrepublik nicht peinlicher hinkriegen könnte.

Was Clinton und Trump aneinander schätzen

Immerhin wird es danach etwas besser. Der "Er lügt, sie lügt"-Dialog zieht sich zwar durch den ganzen Abend, wird aber etwas ruhiger geführt.

Irritierend ist, wenn Trump sich während Clintons Redezeit manchmal hinter der ehemaligen First Lady aufbaut. Skandalös ist, wenn der Präsidentschaftskandidat erklärt, dass er "natürlich" wegen seiner aufgetauchten Abschreibungstricks von 1995 später keine Einkommensteuer nach Washington überwiesen habe (Schuld daran: Hillary Clinton, die als Senatorin nichts dagegen unternommen habe).

Clinton wiederum kann nicht anders, als Trump seine Unwahrheiten vorzuwerfen - hat aber selber Probleme, Aussagen wie "man braucht eine öffentliche und eine private Meinung" zu erklären.

Trump wirkt auf einige Fragen besser vorbereitet als sonst (nicht, dass die Erwartungen hoch waren), bei den meisten wechselt er einfach das Thema, bis ihn die ausgezeichnete Moderatorin Martha Raddatz an die Frage erinnert. Worauf er wieder beginnt, irgendetwas zu erzählen, was manchmal logisch, häufig aber undurchdacht klingt. "Ich kenne Russland nicht", sagt er einmal zu den Hackerangriffen von dort, "also ich kenne Russland, weiß aber nicht, wie es funktioniert". Wie immer ringt der TV-Star mit der Realität, wie immer gewinnt er und hinterlässt niedergewalzte Fakten.

"Enormer Hass in ihrem Herzen"

Der Republikaner profitiert einzig davon, dass Hillary Clinton an diesem Tag weder die menschlichen Botschaften aus der ersten Debatte unterbringt, noch Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit beseitigen kann. Trump wiederum muss sich fragen, wer ihn jenseits seiner Basis für kindische Übertreibungen wie die Behauptung, Clinton habe "enormen Hass in ihrem Herzen" wählen wird.

In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob Trump jenseits der Hardcore-Republikaner noch Wähler finden wird. Auch wenn die Debatte über Sachpolitik an diesem Abend quasi nicht stattfand, ist Hillary Clinton hier weiterhin ohne Gegenkandidaten. Doch das muss nicht das Kriterium sein, das am 8. November entscheidet.

Immerhin: Am Ende fragt ein Wähler, was die beiden aneinander schätzen. "Seine Kinder", antwortet Clinton. "Sie ist eine Kämpferin und steht immer wieder auf", sagt Trump über Clinton. Beide schütteln sich die Hand. Es ist das beinahe schockierend harmlose Ende eines unbarmherzigen Abends.

© SZ.de/gal
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