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US-Wahl:Warum Biden das Schicksal von Hillary Clinton drohen könnte

Presidential Candidate Joe Biden Delivers Remarks In Wilmington, Delaware

Joe Biden, Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten, bei einem Wahlkampfauftritt in Wilmington, Delaware.

(Foto: AFP)

Joe Biden mag in Umfragen vorne liegen, doch sein Vorsprung ist wackelig. Und dass man sich nicht auf Umfragen verlassen kann, zeigt die vorhergehende Wahl. Der US-Präsident wird alle Möglichkeiten ausreizen.

Kommentar von Hubert Wetzel, Washington

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Joe Biden die Präsidentschaftswahl gewinnt? Amerikas Meinungsforscher haben derzeit viele Antworten auf diese Frage. Manche davon sind absurd, sie geben dem Demokraten eine Siegchance von 99,5 Prozent. Manche sind vorsichtiger und beziffern die Wahrscheinlichkeit, dass Biden gewinnt, eher auf 75 Prozent. Wäre das so, dann könnten die Kandidaten dem Land die letzten Wahlkampfwochen, die elend werden dürften, eigentlich ersparen.

Aber ist die Lage tatsächlich so eindeutig? Natürlich nicht. Man muss sich nur an den Herbst 2016 erinnern, an all die schicken Grafiken, in denen ebenfalls angeblich ganz zweifelsfrei bewiesen wurde, dass die Demokratin Hillary Clinton die Wahl gewinnen und Donald Trump ganz bestimmt verlieren würde. Auch damals wurden die Chancen auf Sieg und Niederlage bis aufs Zehntelprozent ausgerechnet. Aber die Umfragedaten, auf denen diese Prognosen beruhten, waren eben falsch. Am Wahltag waren es dann genau diese paar Zehntelprozentpunkte, die Trumps Vorsprung in drei wichtigen Bundesstaaten ausmachten und ihm die Präsidentschaft brachten.

Es ist nicht schwer, sich für dieses Jahr einen ähnlich überraschenden Ausgang vorzustellen. Bidens Vorsprung mag in den Umfragen solide aussehen, in Wahrheit ist seine Führung wackelig. Wie wackelig, das zeigen drei Szenarien. Zwei davon sind sehr erfreulich für Biden, das dritte hingegen ist sein Albtraum.

Nummer eins: Sollte Biden in allen Bundesstaaten siegen, in denen er in den Umfragen derzeit vor Trump liegt, egal wie knapp, dann würde ihm das gut 350 Stimmen im Electoral College einbringen - weit mehr als die 270, die er braucht, um Präsident zu werden. Nummer zwei: Selbst wenn Biden nur jene Staaten gewänne, in denen er mit mehr als drei Prozentpunkten führt, bekäme er immer noch gut 290 Wahlmännerstimmen.

Wenn allerdings - das dritte Szenario - die Umfragen dieses Jahr die gleichen Fehlermargen haben wie 2016, dann würde Biden nur 260 Stimmen im Electoral College zusammenbekommen. Trump hingegen hätte 278 und bliebe Präsident. Anders gesagt: Die Erwartung, dass Biden gewinnt, speist sich vor allem aus der Annahme, dass die Meinungsforscher die methodischen Fehler korrigiert haben, die ihnen vor vier Jahren unterlaufen sind. Das kann man hoffen, vielleicht sogar annehmen. Garantiert ist es nicht.

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Für den Ausgang einer Wahl ist weniger entscheidend, was die Wähler über den einen oder anderen Kandidaten denken. Entscheidend ist, wem sie ihre Stimme geben. Eine Mehrheit der Amerikaner hat Trump zwar satt, sie wollen nicht mehr mit Lügen überhäuft werden, sie haben Angst vor dem Chaos, das der Präsident anrichtet. Doch Bidens gesamter Wahlkampf besteht im Moment darin, irgendwo im Internet Kommentare zu diesem Chaos abzugeben. Man kann sich über die Bootsparaden für Trump und dessen Auftritte in Flughafenhangars lustig machen. Aber man kann daran auch ablesen, wie viel Energie und Begeisterung Trumps Anhänger haben.

Das wird sich am Wahltag für Trump auszahlen. Vielleicht reicht es nicht, um Biden zu schlagen, denn Trump motiviert seine Gegner mindestens so sehr, zur Wahl zu gehen, wie seine Fans. Aber vielleicht reicht es doch. 2016 hat gezeigt: Es genügen ein paar Zehntelprozent.

© SZ vom 18.09.2020
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