Süddeutsche Zeitung

US-Wahl:Traurig, dass Donald Trump so weit gekommen ist

Er will nicht wegen seiner Überzeugungen Präsident werden, sondern weil er von sich überzeugt ist. Sein politisches Programm lässt sich in fünf Buchstaben zusammenfassen.

Donald Trump ist nun tatsächlich Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei. Zwar ist im politischen System der USA die Rolle der Parteien, also der konservativen bis rechtsnationalen Republikaner und der eher gemäßigt linken Demokraten, weniger bedeutend, als dies in Deutschland der Fall ist - im Vergleich zu den USA ist die Bundesrepublik ein Parteienstaat. Die Republikaner sind, mehr noch als die Demokraten, eher eine politische Bewegung als eine Partei. Von religiösen Fundamentalisten über libertäre Wettbewerbsfreunde bis hin zu nationalistischen Waffenfans findet sich in den Reihen der Republikaner die volle Bandbreite jenes Amerikas, das sich seit den Attentaten vom September 2001 so sehr und nicht zu seinem Vorteil verändert hat.

Die Mehrheit der Republikaner des Jahres 2016, so wie sie sich jetzt auf dem Konvent in Cleveland zeigt, ist überwiegend weiß und ziemlich chauvinistisch. Ihre Wortführer tragen, lokal wie national, zur Spaltung der amerikanischen Gesellschaft bei. In diesem Sinne ist Donald Trump der richtige Kandidat für sie.

Ein autoritärer Narzisst mit einer maximal geföhnten Frisur

Trump ist kein Mann, der wegen seiner politischen Überzeugungen Präsident werden will, sondern er will Präsident werden, weil er von sich überzeugt ist. Sein politisches Programm lässt sich in fünf Buchstaben zusammenfassen: Trump. Ansonsten vertritt er das, was er gerade für nützlich hält, und weil er flexibel ist, ändert sich das immer wieder. In der Abtreibungsfrage zum Beispiel, ein für die innenpolitische Debatte immens wichtiges Thema, sprach er sich früher für Entscheidungsfreiheit aus, heute will er Abtreibung nur in wenigen Notfällen erlauben. Er ist Freihändler, wenn es für sein Geschäft gut ist, und er ist Protektionist, wenn er das Gefühl hat, das kommt bei seiner Klientel besser an. Er ist ein schamloser Opportunist, aber er hat durchaus eine Nase dafür, mit welchem Wind sich gerade am besten segeln lässt.

Grundsätzlich ist Trump von seiner Persönlichkeitsstruktur her ein autoritärer Narzisst. Wie jener, von Ovid beschriebene Jüngling Narziss, ist Trump ein willfähriger Gefangener übertriebener Selbstliebe, dessen Art des Umgangs mit anderen Menschen von Wörtern wie "ich will", "du sollst" oder "wir müssen" geprägt ist.

Der autoritäre Narzisst denkt, wie das in der Managersprache heißt, top-down, und weil der Narzisst immer on top, also oben ist, sind alle anderen down, also unten. Mit denen unten verkehrt diese Art von Chef eher herablassend, und gegenüber jenen, die gegen ihn sind, wird dieser Chef gerne auch ausfallend. Es kommt nicht von ungefähr, dass Donald Trump andauernd so vulgär, zum Teil kalkuliert beleidigend daherredet, wie das seit Richard Nixon kein Kandidat oder Präsident mehr getan hat.

Auch Nixon war ein autoritärer Narzisst. Dennoch unterscheidet ihn von Trump manches, und eines grundlegend: Der krankhaft misstrauische Nixon entwickelte ein Abschottungssyndrom; er wurde ein Ein-Mann-Geheimbund im Weißen Haus. Trump dagegen hat immer von und in der Öffentlichkeit gelebt. Er ist nicht als Politiker prominent geworden, sondern als Prominenter Politiker. Er hat seine Geschäftserfolge nebst seinem Leben im Fernsehen, im Radio und in Ego-Büchern gefeiert. Trump war lange, bevor er beschloss, Politiker zu werden, ein Star des Boulevards, eine celebrity, wie es sie so nur in den USA gibt. Er hatte seine eigene Fernsehshow, er behauptete, mit Carla Bruni liiert gewesen zu sein (die ihn "verrückt" nennt), und heiratete Models. Dass er auch eine Firma besaß, die Miss-USA- und ähnliche "Wahlen" veranstaltete, passt dazu. Alles tat er unter großem Getöse und mit maximal geföhnter Frisur.

Mischung aus Piëch, Geiss und Sarrazin

In Deutschland wäre Trump eine kaum vorstellbare Mischung aus einem leicht nixonhaften Ferdinand Piëch, dem RTL-II-Promi Robert Geiss und, vielleicht, Thilo Sarrazin. Es mag sein, dass hierzulande Politiker langweiliger sind, weil "das System" so funktioniert, wie es funktioniert. Unter anderem verhindert es, dass ein Trump-ähnliches Wesen Bundeskanzler werden kann.

Im 21. Jahrhundert gibt es leider eine Renaissance der autoritären Narzissten, zumal solcher, die sich nationalistisch gebärden. In Russland regiert Wladimir Putin, in Ankara lässt Erdoğan lang vorbereitete Verhaftungslisten abarbeiten. Die Türkei ist nicht Russland, und Russland ist nicht Amerika. Es spricht viel dafür, dass jene schwierige Vielfalt der amerikanischen Gesellschaft verhindern wird, dass ein fluchender Multimillionär, der gegen Immigranten hetzt und Feinde Amerikas foltern lassen will, tatsächlich Präsident wird. Aber es ist für alle Freunde des vielfältigen Amerikas traurig, dass dieser Mann so weit gekommen ist.

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SZ vom 21.07.2016
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