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Erstes TV-Duell:"Trump spricht meine Sprache"

Women for Trump gather for a debate watch party in California

"Watch Party" der Präsidentschaftsdebatte zwischen Joe Biden und Donald Trump in den USA.

(Foto: Mike Blake/Reuters)

Der Bundesstaat Pennsylvania könnte am 3. November entscheidend sein für die Frage, wer der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten wird. Die Stimmung mancher junger Menschen zeigt sich beim ersten TV-Duell.

Von Thorsten Denkler, Plymouth, Pennsylvania

Als Donald Trump seinen Herausforderer Joe Biden belehrt, dass er ihm nicht mit "smart" kommen soll, kommt Heiterkeit in dem fensterlosen Hinterzimmer einer Bar in Plymouth, Pennsylvania, auf. Biden sei Letzter seiner Klasse gewesen und habe sogar mal vergessen, an welchem College er war! Na, das hat gesessen. Die Barbesucher finden es ihren Gesichtsausdrücken nach zu urteilen sichtlich lustig, wie Trump auf Biden losgeht.

Ein halbes Dutzend Menschen hat sich im Hinterzimmer von "Uncle Buck's BBQ" an der Main Street in Plymouth eingefunden. Sie sitzen auf Barhockern an den drei bereitgestellten Stehtischen. Vor ihnen stehen Softdrinks und Cocktails in klaren Plastikbechern mit Strohhalm. In den Händen haben sie ihre Smartphones, in die sie unentwegt Nachrichten tippen. Über ihnen an der Wand der Fernseher, der das erste Fernsehduell zwischen US-Präsident Trump und seinem demokratischen Herausforderer Biden überträgt. Der eingeschaltete Sender: Fox News, der Haussender Trumps.

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Zwei Klimaanlagen und ein Ventilator wälzen surrend die Luft um. Kaum einer trägt einen Mund-Nasen-Schutz. Von der Bedienung hinter der Theke abgesehen, einer wild tätowierten Frau, kaum älter als ihre Gäste. Noch mal das Gleiche?, fragt sie. Die junge Frau mit den blonden Haaren schaut von ihrem Handy auf und nickt. Sie hat gerade kaum übersehbar ein Gif verschickt, ein nur wenige Sekunden langes animiertes Filmchen. Es zeigt eine Trump-Figur mit eindeutig obszöner Köperbewegung. Die wenig subtile Botschaft: Trump fickt Biden, es lässt sich nicht vornehmer ausdrücken.

Trump und Biden erwähnen hin und wieder Pennsylvania. Wenn Trump das macht, nicken viele Besucher. Nimmt Biden den Bundesstaat als Beispiel, wie sehr die Menschen unter der Arbeitslosigkeit und der Pandemie leiden, erntet er hier nur ungläubiges Kopfschütteln. Sie wissen schon, was die Corona-Krise anrichtet. Sie glauben nur offenbar nicht, dass Trump etwas dafür kann. Schuld hat China. Und im Zweifel die Demokraten. So erklärt Trump es gerade in der Debatte.

Pennsylvania könnte der wichtigste Swing State in der kommenden Wahl sein. Trump hat hier 2016 überraschend und knapp gewonnen. Gut sechs Millionen Menschen haben hier 2016 gewählt. Trump reichten am Ende 44 000 Stimmen Vorsprung.

60 Prozent dieser Stimmen stammten aus Luzerne County, in dem "Uncle Buck's BBQ" beheimatet ist. Seit 1988 hatte hier kein republikanischer Präsidentschaftskandidat mehr die Nase vorn. Bis Trump den Bezirk mit 20 Prozentpunkten Vorsprung auf Hillary Clinton holte. Was für die Demokraten ein Schock war, war für viele Republikaner wie Weihnachten und Ostern zusammen.

"Du brauchst eine Menge Humor, wenn du mit Demokraten sprichst"

Ganz früher war Luzerne County mal ein Kohlegebiet. Und Wilkes-Barre war das Zentrum mit fast 100 000 Einwohnern. Aber die Kohle ist schon seit bald 40 Jahren tot. Danach kam für ein paar Jahre die Textilindustrie. Die ist jetzt auch weg. Alles nach China umgesiedelt. Wilkes-Barre, einst der Maschinenraum für Pennsylvania und die halbe Ostküste, hat heute noch knapp 40 000 Einwohner. Neue Jobs gibt es hier nur in den riesigen Distributions-Centern großer Warenhausketten. Viele Jobs bringen die nicht, und gut bezahlt ist die Arbeit auch nicht.

Chris kommt in die Bar, 30 Jahre alt, militärischer Kurzhaarschnitt, grauer Hoodie. Er ist der Einzige an diesem Abend, der offen mit der Presse redet. Trump, das ist sein Mann. "Ich mag den Typen." Chris war immer schon Republikaner. Aber Trump, "der spricht meine Sprache", sagt er. "Nicht alles, was er sagt, ist etwas, das er als Präsident sagen sollte", sagt Chris. Und gesteht ein, dass Trump auch gerne mal übertreibt. "Aber ich finde, er hat einen guten Job gemacht."

Chris hat einen College-Abschluss und ist Gefängniswärter in der State Correctional Institution, neun Meilen den Susquehanna River abwärts. Ein krisensicherer Job. Im TV sagt Biden, Trump sei ein Rassist. Chris schüttelt den Kopf. Und erzählt von einem seiner Insassen, ein Afroamerikaner. "Selbst der findet Trump super", sagt er. Hat er Freunde, die Demokraten sind? Chris grinst. Die beste Freundin seiner Freundin ist Demokratin. Und manchmal zoffen sie sich. Aber mehr so necken. "Du brauchst eine Menge Humor, wenn du mit Demokraten sprichst", sagt er. Und umgekehrt? "Umgekehrt auch", sagt er. Im Fernsehen sagt Trump, er habe in 47 Monaten mehr erreicht als Biden in 47 Jahren. Einer in der Runde klatscht. Andere lachen auf. Chris lacht mit, leert sein Bier und bezahlt. Er hat genug gesehen. Er ist sich sicher: Trump wird die Wahl ohnehin gewinnen.

© SZ/koso/bix

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