US-Wahl:Obama kämpft gegen die Hoffnungslosigkeit

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U.S. President Obama takes the stage at a Hillary for America campaign event in Fayetteville, North Carolina

Fünf Auftritte absolviert Obama im swing state North Carolina, um Clinton zu unterstützen.

(Foto: REUTERS)

Unermüdlich wirbt der US-Präsident für Hillary Clinton. Es geht um sein Erbe - und Obama will dem erschöpften Amerika den Optimismus zurückgeben, den das Land 2008 noch hatte.

Von Matthias Kolb, Fayetteville

Drei Mal wiederholt Barack Obama seine Botschaft an die Wähler in North Carolina. "Don't choose fear, choose hope!", ruft der US-Präsident in Fayetteville und er meint nicht nur, dass sie Hillary Clinton ihre Stimme geben sollen. Sein Appell, sich für die Hoffnung zu entscheiden und sich nicht der Angst hinzugeben, das ist auch eine Art Vermächtnis nach acht Jahren Amtszeit. Denn momentan ist in den USA von hope and change wenig zu spüren: Der Optimismus ist ersetzt durch Wut und Erschöpfung.

Seine eigene Popularität wächst seit Monaten und erreicht nun mit 54 Prozent einen guten Wert, doch natürlich weiß der US-Präsident, dass das Vertrauen in die Politik schwindet. Mit "angewidert" beschreiben 82 Prozent ihren Eindruck von der Wahl 2016 in einer aktuellen Umfrage der New York Times. Und egal ob Clinton oder der Republikaner Donald Trump am 8. November siegen: Kein US-Präsidentschaftskandidat zuvor war unbeliebter und wurde so misstrauisch beurteilt.

Die Rede in der Turnhalle der Fayetteville State University ist einer von fünf Auftritten im swing state North Carolina, die Obama in dieser Woche absolviert, um Clinton zu unterstützen. Wie für First Lady Michelle ist das Duell mit Trump für den US-Präsidenten etwas Persönliches: Jahrelang hatte der Republikaner angezweifelt, dass Obama auf Hawaii geboren wurde und das rüpelhafte Auftreten von Trump ist das komplette Gegenteil zum skandalfreien Obama.

Doch die Lust an der Attacke hat der Campaigner in Chief nicht verloren. Trump sei auf eine "einzigartige Art ungeeignet", Präsident zu werden. Der Republikaner habe nicht den nötigen Charakter, um Oberbefehlshaber (der Streitkräfte, Anm. d. Red.) zu sein, ruft Obama. Er spricht darüber, dass er schon im Wahlkampf 2008 diese historisch schwarze Universität besucht habe: "Manche von euch haben damals noch bei Nickelodeon Cartoons geguckt."

Nicht nur die Studenten in Fayetteville erinnert er daran, dass die Welt Ende 2008 in einer Wirtschaftskrise steckte - und preist die Bilanz seiner Regierung. 15 Millionen neue Jobs seien entstanden, 20 Millionen Bürger dank Obamacare krankenversichert, die Arbeitslosenquote liege bei 4,9 Prozent und das Einkommen steige so stark wie seit 1968 nicht mehr. Außerdem sei Al-Qaida-Chef Bin Laden tot und die Kriege in Irak und Afghanistan beendet worden.

Schwarze Wähler: Unterstützung der Obamas für Clinton ist entscheidend

Das Kalkül, das hinter Obamas Auftritten steckt, ist simpel: Er soll dafür sorgen, dass die Afroamerikaner so zahlreich an die Urnen gehen wie 2012, auch wenn sein Name nicht mehr auf dem Wahlzettel steht. Er ruft zwar nicht wieder "Ich würde als persönliche Beleidigung ansehen, wenn ihr Clinton nicht unterstützt", wie er es Mitte September bei der Gala der schwarzen Kongressabgeordneten tat. Seine Botschaft ist aber klar: Trump ist ein gefährlicher Mann, der viele Fortschritte rückgängig machen würde - konkret in Sachen Klimaschutz oder Einwanderungspolitik und allgemein durch ein anderes gesellschaftliches Klima.

Für viele Schwarze ist Obama weiter ein Idol - nur die First Lady ist noch beliebter. "Es ist ein wichtiger Faktor, dass der Präsident für Hillary wirbt. Sie soll fortsetzen, was er begonnen hat", sagt Breena Blake, eine junge Mutter. Sie trägt ein Obama-Shirt und hat bereits ihre Stimme abgegeben - für die Demokratin. Wirklich begeistert sei sie nicht, aber Trump eben völlig inakzeptabel.

Auch Haroldine Williams strahlt, obwohl sie stundenlang auf Einlass warten muss: "Ich wollte ihn unbedingt sehen, solange er noch Präsident ist." Ihr Enthusiasmus für Hillary sei groß, sagt sie, und deutet auf den rosafarbenen "I'm With Her"-Anstecker: "Es wäre toll, eine Frau ins Weiße Haus zu schicken. Das ist mir genauso wichtig wie der erste schwarze Präsident."

Ihre Miene verdunkelt sich, als sie über den aktuellen Wahlkampf spricht: "Es ist alles so negativ, eine Schlammschlacht und wirklich deprimierend. Wir anständigen Leute müssen ein Zeichen setzen und "Nein" sagen zu all den Beleidigungen." Williams sorgt sich, dass die negative Stimmung nach der Wahl anhält: "Wir wollen doch, dass unsere Kinder in einer besseren Welt leben. Unsere Politiker sollten Vorbilder sein - eigentlich."

Obama kämpft gegen politischen Stillstand und Zynismus

US-Wahl: Ein Trump-Sympathisant störte die Veranstaltung.

Ein Trump-Sympathisant störte die Veranstaltung.

(Foto: AP)

Als Obama 2008 das erste Mal kandidierte, da war die Stimmung viel positiver, erinnern sich Williams und Blake. Genau acht Jahre vor dem Auftritt in Fayetteville war Obama zum 44. US-Präsidenten gewählt worden. Damals sagte er in seiner Siegesrede in Chicago voller Pathos: "Wenn es da draußen noch jemanden gibt, der daran zweifelt, dass in Amerika alles möglich ist oder die Stärke unserer Demokratie in Frage stellt, der hat heute seine Antwort erhalten."

Damals konnte er nicht ahnen, dass er wohl zu viel versprochen hatte und die Republikaner viele Vorschläge aus Prinzip verweigern sollten. Viele seiner Reden, die Barack Obama 2016 hielt, sind gezeichnet durch diese Mischung als Enttäuschung und dem Appell an sein Volk, sich nicht unterkriegen zu lassen. Schon im Januar, in seiner letzten "Rede zur Lage der Nation", widersprach er der Schwarzmalerei - und gestand ein, dass es ihm trotz aller Bemühungen nicht gelungen ist, Amerikas verfeindete Lager zu versöhnen.

Er verurteilt den schädlichen Einfluss von Millionen-Spendern auf die Politik. Er trauert an Orten wie Dallas um getötete Polizisten, verurteilt den offensichtlichen Rassismus der US-Gesellschaft und klagt an der Howard University, dass an immer mehr Hochschulen und in den Medien die Meinungen von Minderheiten unterdrückt würden: "Um für Wandel zu sorgen, muss man nicht nur reden und protestieren. Man muss bereit sein, jenen zuzuhören, die anderer Meinung sind und nach Kompromissen suchen."

Obama ruft wütendes Publikum zur Ordnung

Wie angespannt die Stimmung ist, zeigt sich auch in Fayetteville. Nach zehn Minuten springt ein Mann in einer Uniform auf und hält ein "TRUMP"-Plakat hoch. Die 5000 Zuhörer buhen und brüllen "Hillary, Hillary", doch Obama ruft sie zur Ordnung. "Ich meine es ernst: Hört auf. Erstens: Wir leben in einem Land, wo jeder seine Meinung sagen darf. Zweitens sieht es aus, als sei er Soldat gewesen: Das respektieren wir. Drittens ist er ein älterer Herr und wir respektieren Senioren. Und viertens: Ihr sollt nicht buhen, sondern zur Wahl gehen."

Dieses "Don't boo! Vote!" ist ein klassischer Spruch des US-Präsidenten, den er bei vielen Gelegenheiten anführt. Obama weiß, dass die Begeisterung für Clinton gerade unter jüngeren Schwarzen nicht so groß ist, hier in North Carolina hat er jedoch noch ein anderes Argument. Die republikanische Mehrheit im Kongress hat hier ein Wahlgesetz erlassen, das die Möglichkeit beschnitt, vorzeitig seine Stimme abzugeben. Ein Gericht stoppte Teile davon, da die Autoren des Gesetzes "mit chirurgischer Präzision Afroamerikaner" demotivieren und von den Urnen fernhalten wollte.

Barack Obama erzählt also von einer hundertjährigen Frau namens Grace Bell Hardison. Sie lebt in North Carolina und ist nie umgezogen: Trotzdem hätten konservative Aktivisten angezweifelt, dass sie stimmberechtigt sei und versucht, ihren Namen aus den Wahllisten zu entfernen. "Es ist noch nicht lange her, dass Afroamerikaner verprügelt wurden, wenn sie wählen wollten", ruft Obama. Es sei eine Schande, wie wenig Respekt Frau Hardison entgegengebracht wurde: "Es wäre aber eine weitere Schande, wenn ihr nicht zur Wahl geht. Wenn sie mit 100 nicht aufhört zu kämpfen, dann höre ich nicht auf. Wenn sie nicht müde ist, dann bin ich es auch nicht."

Nein, müde ist Barack Obama wirklich nicht. Er wird am Sonntag erneut in die Air Force One steigen und für zwei weitere Auftritte nach Florida fliegen. Auch am Montag wird er in New Hampshire und in Pennsylvania ein letztes Mal für Clinton werben. Wenn sie entgegen aller Prognosen doch nicht gewählt werden sollte: Am Einsatz des "Campaigner in Chief" wird es nicht gelegen habe.

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