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US-Wahl:Leidenschaftlich, energisch, voller Dringlichkeit

Zum Abschluss des Nominierungsparteitags der Demokraten hält Joe Biden eine kraftvolle Rede, ganz anders als bei früheren Auftritten. Seine Unterstützer dürften erleichtert sein.

Von Alan Cassidy, Washington

Hätte er diese Rede vor einem Publikum in einer Halle gehalten, wie es einst der Plan gewesen war, dann wäre am Ende wohl ein lauter und kollektiver Seufzer durch die Reihen der Demokraten gegangen. Ein Seufzer der Erleichterung.

Es ist keine Übertreibung, wenn man feststellt: Joe Biden hielt am Donnerstagabend eine Rede, mit der er die meisten Erwartungen übertraf. Sie war leidenschaftlich, energisch und von einer Dringlichkeit, die zu dem Moment passte, in dem sich die Demokraten - und nicht nur sie - vor den Präsidentschaftswahlen wähnen: einem sehr endzeitlichen Moment.

Der 77 Jahre alte Kandidat der Partei klang bei seiner Nominierungsrede anders als bei seinen Auftritten während der demokratischen Vorwahlen, bei denen er so oft müde und ausgelaugt wirkte, bei denen er sich verhaspelte und verrannte, selbst während Reden, bei denen er vom Teleprompter ablas. Und er klang damit auch ganz anders als die Karikatur, die Donald Trump und sein Wahlkampfteam in den vergangenen Monaten aus ihm gemacht haben.

Biden kam es dabei wohl ganz gut gelegen, dass dieser virtuelle Parteitag ohne die üblichen Showeinlagen auskommen musste: ohne Ballons und Glitzer, ohne Applaus und Jubelrufe, ohne alberne Hüte im Publikum. Zum Ton, den Biden in seiner Nominierungsrede anschlug, hätte all dies nämlich nicht gepasst.

Dieser Ton drang schon in den ersten seiner 30 Minuten langen Ansprache durch. "Der jetzige Präsident hat Amerika viel zu lang in Dunkelheit gehüllt", sagte Biden. "Zu viel Wut, zu viel Spaltung. Ich gebe Ihnen hier und jetzt mein Wort: Wenn Sie mir die Präsidentschaft anvertrauen, werde ich an das Beste in uns appellieren, nicht an das Schlechteste. Ich werde ein Verbündeter des Lichts sein, nicht der Dunkelheit."

Das war ernsthaft, schwer - und ließ keinen Platz für Zwischentöne.

Licht und Dunkelheit, gut und böse, Einheit und Spaltung: In diesen Kategorien machte Biden weiter. Amerika stehe vor einer Wahl: "Wir können einen Pfad wählen, der uns noch wütender, noch hoffnungsloser und noch gespaltener machen wird. Einen Pfad des Schattens und des Verdachts. Oder wir können einen anderen Pfad wählen und gemeinsam die Chance ergreifen, uns zu heilen und zu vereinen. Einen Pfad der Hoffnung und des Lichts."

Es war diese moralische Argumentation, die den Kern von Bidens Auftritt ausmachte. In gewisser Hinsicht war das konsequent: Bidens Rede setzte den Schlusspunkt unter einen viertägigen Parteitag, der sich mindestens so stark um Bidens Gegner gedreht hatte wie um den demokratischen Kandidaten selbst. Besonders die ersten drei Abende waren geprägt von Stimmen von links bis rechts, die Trumps Charakter sezierten, seine Inkompetenz anprangerten und ihn als Gefahr für die Demokratie bezeichneten.

Biden setzte diese Angriffe fort, indem er - das war der Übergang von der moralischen zur inhaltlichen Argumentation - besonders auf Trumps Umgang bei der Bewältigung der Corona-Pandemie fokussierte. "Wir stehen weltweit an der Spitze der Infektionen. Wir stehen weltweit an der Spitze bei den Todeszahlen. Diese Tragödie wäre vermeidbar gewesen. In Kanada ist es nicht so schlimm. Oder in Europa. Oder in Japan. Oder an den meisten anderen Orten der Welt." Der Präsident ziehe es vor, zu behaupten, dass Virus werde wie durch ein Wunder verschwinden. "Ich habe Neuigkeiten für ihn: Es wird kein Wunder kommen."

Biden kündigte an, im Fall seiner Wahl sofort eine nationale Strategie umzusetzen, die neben vermehrten Tests und Schutzausrüstungen eine landesweite Maskenpflicht beinhalte. Im Unterschied zu Trump verstehe er nämlich: "Wir werden unsere Wirtschaft nicht wieder in Gang bringen, unsere Kinder nicht sicher zurück in die Schulen schicken können und unsere Leben nicht wieder zurückerhalten, solange wir uns nicht um das Virus kümmern." Der Präsident habe bei der Erfüllung seiner wichtigsten Pflicht versagt: "Er hat uns nicht beschützt."

Während des ganzen Parteitags hatten sich die Demokraten bis zur Erschöpfung bemüht, Biden nicht als Politiker ins Zentrum zu rücken, sondern als Person: Biden, der Familienmensch, der Frau, Tochter und Sohn verlor. Biden, der Katholik, der Halt im Glauben findet. Biden, der Tröster, der andere Menschen nach einer Tragödie wieder aufrichtet. Deshalb passte es, dass er sich in seiner eigenen Rede an alle Amerikaner wandte, die in diesen Tagen selbst jemanden verloren haben: Er kenne diesen Schmerz, und er kenne das beste Mittel dagegen: "Eine Aufgabe zu finden".

Als Nation hätten die USA eine große Aufgabe: "Wir müssen unsere Demokratie retten. Um wieder ein Licht in der Welt zu sein." Er werde ein Präsident sein, der zu den Verbündeten und Freunden Amerikas stehe. "Und ich werde unseren Gegnern klar machen, dass die Tage vorbei sind, an denen wir uns bei Diktatoren anbiedern."

Mit all dem empfahl sich Biden als letzte und beste Hoffnung für all jene Amerikaner, die nicht glauben, dass ihr Land vier weitere Jahre Trump erträgt. Ob die Demokraten damit allerdings auch jene Wähler erreichen, die Trump als Person zwar nicht mögen, die sich aber auch nicht mit moralischen Appellen begnügen wollen, kann man dagegen bezweifeln. Inhaltlich blieb Biden jedenfalls an der Oberfläche, und besonders am progressiven Flügel werden sich viele bestätigt sehen in ihrer Ansicht, dass Biden kein Garant für echten Fortschritt sei - sondern bloß für eine Wiederherstellung des Status Quo stehe.

Ein Regierungsprogramm war bei dieser Nominierungsrede allerdings nie im Vordergrund gestanden. Stattdessen präsentierte sich Biden als Versöhner, der ein zerstrittenes Land zusammenbringen könne - und er gab ein Versprechen ab: "Ich bin jetzt der Kandidat der Demokraten, aber ich werde ein amerikanischer Präsident sein. Das ist der Job eines Präsidenten: Uns alle zu repräsentieren, nicht bloß die Basis unserer Partei."

Dann, als mit seiner Rede auch die Convention der Demokraten ihr Ende fand, trat Biden mit seiner Frau Jill und mit seiner Vize-Kandidatin Kamala Harris und deren Mann Doug Emhoff nach draußen, vor das Konferenzzentrum in seinem Wohnort Wilmington. Die beiden Paare schauten sich das Feuerwerk an, das in den Himmel stieg. In Wilmington, in seinem Heimatstaat Delaware, hatte Bidens politische Karriere vor 48 Jahren mit der Wahl in einen Bezirksrat ihren Anfang genommen. Nun, so schien es, hatte sich der Kreis geschlossen.

© SZ.de/bepe

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