Süddeutsche Zeitung

US-Präsidentschaftswahl:Harris schreibt schon jetzt Geschichte

Kamala Harris könnte die erste Frau und die erste Person of Colour im Amt des Vizepräsidenten der USA sein. Nach den Präsidentschaftsambitionen von Shirley Chisholm 1972 mussten schwarze Frauen fast 50 Jahre auf eine Hoffnungsträgerin wie sie warten.

Von Thorsten Denkler, New York

In Crown Heights, Brooklyn, gibt es einen kleinen Park, den Brower Park. Er umfasst gerade mal einen Straßenblock. Am westlichen Ende liegen Basketball-Felder. In der Mitte ein Spielplatz. Und am östlichen Ende hinter der Hundewiese findet sich ein Rondell unter einem hochgewachsenen Baum. Der Shirley Chisholm Circle.

Es ist einer der wenigen Orte in New York, die an die 2005 verstorbene Chisholm erinnern. Sie war nicht nur die erste schwarze Kongressabgeordnete in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Sie war auch die erste Schwarze, die sich um die Nominierung als US-Präsidentschaftskandidatin einer der beiden großen Parteien bewarb, und die es zudem fertigbrachte, am Ende mehr als 150 Stimmen auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten 1972 zu bekommen.

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Chisholm war eine Wegbereiterin. Auch für Kamala Harris. "Shirleys Brillanz und Kühnheit haben Türen geöffnet, haben unzählige andere dazu inspiriert, in ihre Fußstapfen zu treten - mich selbst eingeschlossen", schrieb Harris Anfang 2018 in einem Aufsatz zu Ehren von Chisholm. Im vergangenen Jahr war Harris die erst dritte schwarze Bewerberin einer der beiden großen Parteien für das höchste politische Amt in den USA. Und jetzt hat sie beste Chancen, als Vizepräsidentin unter Joe Biden als erste Frau und als erste Woman of Colour das Land zu führen.

"Wenn sie keinen Platz für dich am Tisch haben, bring einen Klappstuhl mit", hat Chisholm mal gesagt. Es ist ein Satz, der auch von Kamala Harris stammen könnte. Unerschrocken, mutig, zupackend. Und ein bisschen größenwahnsinnig, wie wohl jede und jeder sein muss, die oder der sich in den USA höchste Staatsämter zutraut.

Wie Chisholm war Harris in vielem Erste oder zumindest ganz vorn dabei: Sie ist die erste schwarze Senatorin aus Kalifornien und die zweite US-weit. Sie ist die erste gewählte Generalstaatsanwältin mit indischen und afroamerikanischen Wurzeln in Kalifornien. Sie ist die erste Person mit indischen Wurzeln in einer Präsidentschaftskandidatur. Ihre Mutter stammt aus Indien, der Vater wie die Eltern von Chisholm aus der Karibik. Sie ist nach Geraldine Ferraro 1984 und Sarah Palin 2008 überhaupt erst die dritte Frau, die antritt, Vizepräsidentin zu werden.

Demütigungen haben ihr ein dickes Fell verpasst

Wer die oft deprimierende Geschichte der schwarzen Frauenbewegung in den USA verfolgt, der kann vielleicht ermessen, was diese Vizepräsidentschaftskandidatur von Harris bedeuten muss. Schwarze Frauen müssen in den USA nicht nur ihr Geschlecht verteidigen. Sondern auch noch ihre Hautfarbe. Oft auch gegenüber weißen Frauen.

Die Zeit von Chisholm war auch die Zeit der zweiten Welle der Frauenbewegung. In den USA wurde sie angeführt von Ikonen wie Betty Friedan oder später Gloria Steinem. Die zweite Welle war geprägt von weißen Frauen, die für das Recht auf Erwerbsarbeit kämpften, für Gleichberechtigung. Das waren nicht unbedingt die Themen der schwarzen Frauen, die oft in Armut lebend ohnehin neben dem Fabrikjob auch noch die Arbeit zu Hause erledigen mussten.

Das Recht auf Abtreibung aber war auch für sie ein Thema. Es waren schwarze Frauen, die in staatlichen Programmen oft gegen ihren Willen sterilisiert wurden, um die Abhängigkeit schwarzer und oft armer Bevölkerungsschichten von staatlicher Stütze zu reduzieren. Chisholms Kandidatur war auch eine einsame Kandidatur, weil die Frauenbewegung der Zeit nicht hinter ihr stand.

Diese Zeiten sind vorbei. Aber sie sind Teil der Geschichte der USA, Teil der Geschichte von Kamala Harris, die wie alle anderen nichtweißen US-Amerikaner ihre sehr persönlichen Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben.

Sie gehörte zu den ersten Kindern, die in den 70er Jahren mit dem Bus aus ihrem schwarzen Viertel auf eine Schule in ein weißes Viertel gebracht wurden. Ein radikales Mittel, um die Rassentrennung in den USA aufzuweichen. Die Demütigungen haben ihr ein dickes Fell verpasst. Harris ist eine Kämpferin geworden. Wie Chisholm es war. Und wie Chisholm ist Harris jetzt dabei, Geschichte zu schreiben. Vielleicht wird ihr eines Tages ein größeres Denkmal gesetzt werden als ein schmuckloses Erinnerungsrondell in einem kleinen Park in Brooklyn.

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