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US-Wahl:Warum sich die Demoskopen wieder geirrt haben

US-Wahl Biden Trump

Unter weißen US-Bürgern schnitt Joe Biden stärker ab. Gleichzeitig stimmen aber mehr Latinos und Schwarze als 2016 für Donald Trump.

(Foto: MARIO TAMA/AFP)

US-Präsident Trump schneidet wie schon vor vier Jahren in einigen Staaten besser ab als erwartet. Joe Biden schwächelt bei seinen Kernwählern. Wie konnte das passieren, obwohl die Institute ihre Methoden verbessert haben?

Von Christian Endt, Sören Müller-Hansen und Benedict Witzenberger

Es erinnert sehr an 2016: Wie damals lag Donald Trump in den Umfragen vor der Wahl weit hinten. Wieder schnitt er am Wahltag deutlich besser ab. Obwohl die Prognosen Joe Biden als klaren Favoriten gesehen hatten, ist das Rennen nun denkbar knapp. Beide haben in der Versammlung der Wahlleute die Chance auf eine Mehrheit. Was ist passiert?

Zunächst sind zwei Dinge wichtig: Umfragen sind nie exakte Prognosen, sondern stets mit einer Unsicherheit behaftet. Und das US-Wahlsystem macht Vorhersagen besonders schwer. Häufig reichen knappe Siege in wenigen entscheidenden Staaten, um das Electoral College zu gewinnen. Vor vier Jahren etwa sagten die Umfragen korrekt vorher, dass Hillary Clinton bundesweit die meisten Stimmen erhalten würde - und lagen mit der Prognose für die Präsidentschaft trotzdem daneben.

Eine Analyse der ersten Ergebnisse in besonders umkämpften, aber bereits weitgehend ausgezählten Staaten zeigt: Donald Trump hat deutlich besser abgeschnitten, als die Umfragen vorhergesagt haben. Allerdings liegen die Abweichungen in der Regel innerhalb des üblichen Schwankungsbereichs von etwa drei bis vier Prozentpunkten. Rein daraus lässt sich kein besonderes Versagen der Demoskopen ableiten. Doch diese kleinen Gewinne reichten Trump, um in Florida entgegen den Prognosen vor Joe Biden zu landen. Das Gleiche zeichnet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in North Carolina ab, auch wenn dort bis 12. November auf verspätet eintreffende Wahlbriefe gewartet wird.

Nicht die Größe der Abweichungen, ihre Gleichförmigkeit ist das Problem

Umfragen können immer irren, um ein paar Prozentpunkte oder auch mal um ein paar mehr - weil Meinungsforscher niemals alle Wähler befragen, sondern nur eine kleine Stichprobe. Doch dieses statistische Rauschen müsste mal in die eine, mal in die andere Richtung ausschlagen. Stattdessen ist es nun in allen bereits weitgehend ausgezählten, umkämpften Staaten Donald Trump, der besser abschneidet: in Florida, Iowa, North Carolina, Ohio und Texas. Die Wahrscheinlichkeit dafür gleicht der, dass beim Münzwurf fünfmal in Folge Kopf oben landet: etwa drei Prozent.

Nicht die Größe der Abweichungen, sondern ihre Gleichförmigkeit machen das Wahlergebnis zu einem Problem für die Demoskopie. Zumal dieses Phänomen so ähnlich bereits vor vier Jahren auftrat.

Damals hatte der Sieg von Trump über Hillary Clinton eine breite Debatte über Versäumnisse der Demoskopen ausgelöst, aus der die Branche durchaus Konsequenzen gezogen hat. Insbesondere gewichten die Institute seither vermehrt nach Bildungsabschluss. Vor allem Männer ohne Hochschulabschluss hatten Donald Trump 2016 zum Sieg verholfen. Diesen Faktor hatten die Institute damals nicht ausreichend berücksichtigt, was sie inzwischen korrigiert haben. Nun zeigt sich: Die Korrekturen haben offenbar nicht ausgereicht. Trump-Anhänger sind in den Umfragen systematisch unterrepräsentiert.

Ein möglicher Erklärungsansatz dafür ist das Bild vom Shy Trump Voter, vom scheuen Trump-Wähler, der sich in Umfragen nicht zu seiner Anhängerschaft für den amtierenden Präsidenten bekennt. Gegen diese Theorie spricht, dass Trump in telefonischen Umfragen genauso viel Zuspruch erhält wie in Online-Umfragen ohne menschliches Gegenüber.

Exit Polls in Zeiten der Pandemie? Schwierig

In den Zwischenwahlen zum Kongress vor zwei Jahren waren die Umfragen vergleichsweise treffsicher. Womöglich gibt es also doch einen spezifischen Trump-Effekt, der nun erneut Fehlprognosen erzeugt hat. Das wird in den kommenden Tagen und Wochen genau analysiert werden. Einige Indizien lassen sich aus den Daten zum Verhalten einzelner Wählergruppen ablesen, so wie sie sich aus Nachwahlbefragungen ableiten lassen.

Dabei gilt der Vorbehalt, dass auch diese Exit Polls fehleranfällig sind. Dies gilt besonders im Jahr 2020: Wegen der Pandemie haben viele Wähler ihre Stimmen vorab abgegeben und ließen sich von den Meinungsforschern nicht an den Wahllokalen abpassen. Demokraten haben vermehrt per Brief, Republikaner überproportional persönlich gewählt. Die Nachwahlbefragungen des Meinungsforschungsinstituts Edison Research versuchen, das zu berücksichtigen, indem sie ihre Umfragen auch telefonisch gemacht haben.

Dennoch kann es in den Nachwahlbefragungen, genau wie bei den Prognosen, Verzerrungen geben. Je kleiner dabei die Gruppe der Befragten, desto mehr fallen diese Verzerrungen ins Gewicht. Daher sind die Wähleranalysen auf nationaler Ebene durchaus aussagekräftig, bei der Betrachtung einzelner Bundesstaaten aber nicht auf den Prozentpunkt genau zu nehmen. Und noch eine Einschränkung ist zu beachten: Im US-weiten Durchschnitt hat Biden, wie auch Clinton 2016, einen Vorsprung gegenüber Trump, der für den Wahlausgang aber eher unbedeutend ist. Dadurch schreiben die Wähleranalysen Biden tendenziell auch mehr Stimmenanteile zu.

Biden konnte nur wenige bisherige Trump-Wähler für sich gewinnen

Das knappe Rennen um die Präsidentschaft offenbart: Biden hat es offensichtlich nicht geschafft, eine große Wählerwanderung zu bewirken, er konnte die Massen nicht begeistern. 2016 ging ein recht großer Stimmenanteil an chancenlose Präsidentschaftskandidaten, dieses Jahr spielen sie kaum noch eine Rolle. Biden konnte so zwar in vielen Bevölkerungsgruppen Stimmenanteile hinzugewinnen, aber nur wenige bisherige Trump-Wähler von sich überzeugen.

Das zeigt sich etwa bei den Wählerinnen. Vor der Wahl wurden Frauen als vielleicht wahlentscheidend beschrieben; sie lehnen mehrheitlich Trumps Politikstil ab und wählen demokratisch. Biden konnte davon jedoch nicht profitieren. Er verzeichnete zwar einen Zuwachs von 54 Prozent auf 56 Prozent der Stimmen gegenüber Clintons Ergebnis, doch auch Trump konnte seinen Anteil um zwei Prozentpunkte auf 43 Prozent der Stimmen erhöhen.

Dass Trump sehr treue Wähler hat, zeigt sich auch darin, dass Biden zwar mit 66 Prozent viele Erstwählerstimmen gewinnen konnte; wer 2016 den amtierenden Präsidenten gewählt hatte, tat dies in diesem Jahr aber meist auch wieder, Biden konnte Trump hier keine Stimmen wegnehmen.

Es gibt jedoch auch demografische Gruppen, in denen Biden dem Amtsinhaber erfolgreich Wähler abwerben konnte. Insbesondere unter Menschen ab 45 Jahren konnte Biden hinzugewinnen, in der Gruppe der 45- bis 64-Jährigen konnte er sogar sechs Prozentpunkte erreichen. Auch Menschen unter 30 Jahren stimmten mit deutlich größerer Mehrheit für Biden als 2016 für Clinton.

Entgegen allen Erwartungen zeichnet sich in den Wähleranalysen ab, dass die Polarisierung insgesamt abgenommen hat. In vielen demografischen Gruppen haben sich die Stimmenanteile für Demokraten und Republikaner angenähert. So wählten die eigentlich extrem konservativen weißen evangelikalen Christen 2020 deutlich häufiger Biden (23 Prozent) als 2016 Clinton (16 Prozent). Die Evangelikalen machen immerhin 27 Prozent aller Wähler aus.

Biden verliert bei seiner Kernwählerschaft

Biden war also erfolgreich darin, zumindest einige von Trumps Kernwählern abzuwerben, in der großen weißen Wählergruppe legte er um fünf Prozentpunkte auf 42 Prozent der Stimmen zu. Seine eigenen Kernwählergruppen hat er darüber aber scheinbar teils vernachlässigt - und davon konnte wiederum Trump profitieren. Der Amtsinhaber legte deutlich unter Wählern zu, die bisher als eindeutig prodemokratisch galten: unter Schwarzen und Latinos. Erwartet wurde, dass Biden als Vizepräsident Barack Obamas in diesen Gruppen gut abschneiden würde. Stattdessen blieb er in diesen Gruppen hinter den Ergebnissen von Clinton zurück, während Trump deutlich mehr Stimmen bekam als 2016. In Florida etwa dürfte der große Zuspruch für den amtierenden Präsidenten durch die Latinos dazu geführt haben, dass dieser die Wahl im wichtigen Swing State für sich entscheiden konnte.

Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei den Bewohner von ländlichen Gebieten und Vorstädten ab: ein deutlicher Zugewinn für Biden. Zugleich konnte er in den demokratisch geprägten Städten nicht stärker abschneiden als Clinton. Trump wählten bei dieser Wahl hingegen mit 37 Prozent mehr Städter als noch 2016.

© SZ/bix
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