Süddeutsche Zeitung

US-Wahl:Donald Trump frisst Kreide

  • Donald Trump gibt sich kurz vor der Wahl überraschend seriös.
  • Die New York Times berichtet, dass seine Berater dem Republikaner sogar Twitter weggenommen haben.
  • Der Grund für den Wandel des Kandidaten: Die E-Mail-Affäre seiner Gegnerin Hillary Clinton.

Von Sebastian Gierke

Donald Trump vertraut nur einem kleinen Kreis. Einem sehr kleinen Kreis. Er vertraut eigentlich nur: sich selbst.

So war es zumindest bislang. Doch im Endspurt kurz vor dem Wahltag scheint der Kandidat seine Strategie zu ändern - oder sie zumindest anzupassen. Er wirkt bei Auftritten kontrolliert und scheint die Ratschläge, die er monatelang ignorierte, immerhin teilweise zu berücksichtigen. Die bemerkenswerte Wende - und vor allem: was Trump dazu bewegte - ist ein vieldiskutiertes Thema in den letzten Zügen dieses Wahlkampfes.

Trumps Ich-Strategie mag zwar seinen Beratern nicht immer gefallen haben, doch der 70-Jährige ist damit weit gekommen. Er kämpft gegen Hillary Clinton um eines der wichtigsten politischen Ämter dieser Welt. Wer hätte das vor einem Jahr noch gedacht?

Und er hat tatsächlich eine Chance auf den Hauptpreis. Sie ist nicht groß. Seine Gegnerin Hillary Clinton von den Demokraten ist die Favoritin bei der Wahl am morgigen Dienstag. Trump muss fast alle der rund ein Dutzend besonders umkämpften US-Staaten für sich entscheiden, will er gewinnen.

Und doch besteht die Möglichkeit, dass Deutschland am Mittwoch aufwacht und Donald Trump zum neuen Präsidenten der USA gewählt wurde. Nate Silver, einer der wichtigsten Statistiker und Wahlforscher, beziffert Trumps Chancen auf 33 Prozent (andere Meinungsforscher sehen sie allerdings deutlich kleiner). In den vergangenen Tagen hat Trump in einigen Umfragen aufgeholt. Das Rennen um die entscheidenden Swing States wird immer enger.

Trump hat sich lange selbst sabotiert

Das liegt auch daran, dass Trump plötzlich zum Musterkandidaten mutierte. Keine Ausfälle mehr. Trump macht Wahlkampf, wie es vor allem seine Wahlkampfmanagerin, die Meinungsforscherin Kellyanne Conway, immer wieder von ihm forderte.

Bislang hatte sich Trump sein Kandidatenleben selbst schwer gemacht. Seine fehlende Impulskontrolle, seine Ausfälle gegen Frauen, Latinos, Schwarze, seine Skandale, seine Beleidigungen, die er vor allem über Twitter verbreitete: Donald Trump selbst war Hillary Clintons bester Wahlkampfhelfer. Gegen jeden Mainstream-Republikaner würde sie wohl sicher verlieren. Viele Amerikaner mögen sie einfach nicht. Doch die Aufmerksamkeits-Maschine Trump hat sich mit übergroßem Ego und aggressiv-pubertärem Verhalten selbst sabotiert. Um seine Anhänger zum Jubeln zu bringen, hat er in Kauf genommen, andere potenzielle Wähler vor den Kopf zu stoßen. Das waren zu viele.

Was hat ihn jetzt, kurz vor der Wahl, zum Umdenken bewegt? Es war wohl der Brief, den FBI-Chef Comey vor gut einer Woche an den Kongress schickte und in dem er mitteilte, wegen neu aufgetauchter E-Mails die Ermittlungen gegen Hillary Clinton in der E-Mail-Affäre wiederaufzunehmen.

Die New York Times beschreibt, wie Trump diese Nachricht erreichte. Er saß im Flieger nach New Hampshire, verfolgte die hereinplatzenden Meldungen auf seinem Flatscreen-TV. Trump war sich offenbar nicht sicher, was er davon halten sollte. "Was glaubt ihr, bedeutet das", hat er laut NYT seine Berater Stephen K. Brennen und Stephen Millier gefragt. Auch Corey Lewandowski, sein früherer Kampagnenchef war dabei. Die Antwort der Männer: Das könnte die Wahl drehen.

Trump hörte auf seine Berater

Ab diesem Punkt veränderte Trump sein Verhalten. Er hörte offenbar nicht mehr auf seine innere Stimme, sondern auf seine Berater. Die verlangten von ihm, dass er auf die Meldungen nicht mit Wut und Aggression antworten dürfe. Nicht mit einem unkontrollierten Ausbruch, wie er es zuvor immer getan hat. Jetzt müsse Trump genauestens ihren Anweisungen folgen. Die Geschichte müsse ihre Kraft alleine entfalten, ohne dass er unkontrolliert auf seine Gegnerin einschlägt.

Trump hat sich daran gehalten. Er hat das FBI gelobt, ist kaum mehr vom Manuskript abgewichen, hat seine Reden bei Wahlkampfauftritten vom Teleprompter abgelesen. Und ist bei Auftritten nicht endlos auf dem Thema herumgeritten.

Trump twittert seither nicht einmal mehr ohne Rücksprache mit seinen Beratern, berichtet die New York Times. Keine nächtlichen Beleidigungsorgien mehr über den Kurznachrichtendienst (Trump hat 13 Millionen Follower). Nur noch Tweets, die er seinem Wahlkampfteam diktiert, werden verschickt. Die Zeitung schreibt, seine Berater hätten ihm den Account "abgerungen" ("wrested away").

US-Präsident Barack Obama hat sich schon darüber lustig gemacht. "In den vergangenen zwei Tagen hatten sie so wenig Zutrauen in seine Selbstkontrolle, dass sie zu ihm gesagt haben: Wir nehmen dir dein Twitter weg", spottete er bei einem Wahlkampfauftritt für Clinton in Florida.

Jetzt haben sich die FBI-Ermittlungen zwei Tage vor der Wahl als Luftnummer herausgestellt. Keine neuen Enthüllungen, keine weiteren Ermittlungen. Die Aufregung ist groß, vor allem im Trump-Lager.

Kommt es jetzt zu einem Rückfall in seine Rolle als wütender Ego-Clown? Bis zur Wahl ist dafür kaum mehr Zeit. Aber er kann auch wenn er verloren hat noch gewaltigen Schaden anrichten.

Der Kandidat selbst hat bei einer Wahlkampfveranstaltung in Minneapolis nicht vom Teleprompter abgelesen, als er mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen und Clinton sagte: "Das ist ein manipuliertes System. Und sie wird geschützt." Die Untersuchung "wird weitergehen".

Trump hat viel an politischer Kultur zerstört in diesem Wahlkampf. Ein paar Tage vernünftige Wahlkampfführung können nicht eineinhalb Jahre erratisches Wüten vergessen machen.

Seine Rhetorik war und ist Gift für die Demokratie. Selbst ob er den Ausgang der Wahl als rechtmäßig anerkennt, hat er offengelassen. Er prognostizierte, versehen mit rassistischen Untertönen, Wahlmanipulationen vor allem in Städten mit hohem afroamerikanischen Bevölkerungsanteil. Damit redet er gewalttätige Auseinandersetzungen nach der Abstimmung geradezu herbei.

Und sollte Trump verlieren, dann wird er ziemlich sicher nicht mehr auf seine Berater hören. Dann hört er wieder nur auf sich.

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