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Vizekandidatin Kamala Harris:Die Auswahl von Harris ist eine politische Richtungsentscheidung

2020 ist in Amerika das Jahr der Corona-Pandemie, von Leid und Tod. Aber 2020 ist auch das Jahr von "Black Lives Matter". Das wird sich bei der Wahl im November zeigen, und das weiß auch Biden. Erst vor ein paar Tagen forderten ihn Dutzende prominente Afroamerikaner in einem Brief auf, eine Schwarze zur Vizekandidatin zu machen. Andernfalls werde er die Wahl verlieren, warnten sie.

Und Biden weiß noch etwas: Es waren die Schwarzen, die ihm in den demokratischen Vorwahlen die Haut gerettet und den Sieg gebracht haben. Die Weißen, die Jungen, die Intellektuellen, die Latinos - sie rannten Bernie Sanders hinterher, jubelten Elizabeth Warren zu oder stimmten für Pete Buttigieg. Aber die meisten Afroamerikaner hielten zu Joe Biden, dem früheren Vizepräsidenten von Barack Obama. Dass Biden nun Kamala Harris zur Vizekandidatin gemacht hat, ist auch eine Dankesgeste.

Vor allem aber war die Auswahl von Harris eine politische Richtungsentscheidung. Biden hat sich entschlossen, als Reformer anzutreten, nicht als Revolutionär. Den ganzen Vorwahlkampf über hat er den linken Flügel auf Abstand gehalten und sich den Wählern als gemäßigter, unideologischer Pragmatiker vorgestellt, der das zerrissene Land heilen kann. Die demokratischen Wähler haben ihn dafür mit der Präsidentschaftskandidatur belohnt - nicht zuletzt, weil es ihnen wichtiger ist, den verhassten Donald Trump aus dem Weißen Haus zu jagen als wieder die Krankenversicherung umzukrempeln, die Grenzschutzbehörde ICE abzuschaffen oder - so die jüngste Forderung aus dem Aktivistenlager - der Polizei das Geld zu streichen. Kamala Harris ist zwar eine solide linksliberale Politikerin, aber sie ist keine sozialistische Kämpferin. Politisch passt sie daher gut zu Biden.

Trumps Team versucht, Biden als senil darzustellen

Die Personalie bestätigt allerdings auch ein altes Gesetz, das in Wahlkämpfen und im Krieg gilt: Der Feind redet bei allen Entscheidungen mit. Trumps Wahlkampfteam probiert seit Monaten verschiedene Vorwürfe und Unterstellungen gegen Biden aus, ohne dass der Demokrat darunter nennenswert gelitten hätte. Interne Umfragen der Trump-Kampagne zeigen jedoch, dass Bidens Ruf als moderater Mitte-Politiker nicht unerschütterlich ist. Trumps Leute schießen sich deswegen auf die Behauptung ein, Biden sei zu senil, um noch eigene Entscheidungen zu treffen, er sei in Wahrheit nur eine tatterige Marionette der Linksradikalen, die Amerika hassten und es zerstören wollten.

Das ist zwar Blödsinn. Aber die Gewalt, die Amerikas Städte in diesem Sommer erschüttert hat, hat vielen Wählern Angst gemacht. Und Trump schürt diese Angst, weil er sie in Angst vor Biden umwandeln will. Eine linkere, vielleicht etwas lautere, wütendere Politikerin als Vize auszuwählen, hätte es den Republikanern leichter gemacht. Es dauerte am Dienstag ohnehin keine fünf Minuten, bis die Trump-Kampagne ihren ersten Wahlwerbespot veröffentlichte, in dem Harris als gefährliche Linksradikale geschmäht wurde - auch wenn es dafür keinen Beleg gibt.

Die Ironie dabei ist, dass ausgerechnet die Demokraten, die man mit viel Übertreibung tatsächlich als linksradikal bezeichnen könnte - der harte Kern der Bernie-Sanders-Jünger -, alles andere als erfreut waren über Harris' Ernennung. In ihren Augen ist die Senatorin eine konservative Polizistenfreundin, die auf der Seite der Mächtigen steht, nicht auf der der Unterdrückten.

Dieses harsche Urteil begründen die Kritiker unter anderem mit Harris' Zeit als Staatsanwältin und Justizministerin in Kalifornien von 2004 bis 2017, während der sie kein besonders großes Interesse gezeigt hatte, schießwütige Polizisten vor Gericht zu stellen. Stattdessen ließ sie - zumeist schwarze - Kleinkriminelle einbuchten und bezeichnete sich selbst stolz als Top Cop, als Spitzenbulle. Das klingt heute sehr aus der Zeit gefallen und rächt sich jetzt.

Ob es im November aber tatsächlich eine nennenswerte Zahl von enttäuschten Linksliberalen davon abhalten wird, für Harris - und damit für Biden - zu stimmen, ist eine ganz andere Frage. Das beste Wahlkampfargument der Demokraten heißt schließlich weder Joe Biden noch Kamala Harris. Sondern Donald Trump.

© SZ/jobr
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