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US-Präsidentschaftswahlkampf:Linke US-Demokraten grummeln

Biden, Harris, US-Präsidentschaftswahlkampf

US-Präsident Donald Trump stellt Joe Bidens Vize-Kandidatin Kamala Harris als radikal hin. Aber ist sie linken Demokraten links genug?

(Foto: Drew Angerer/AFP)

Die von Biden zu seiner Vizekandidatin ernannte Harris wird auf absehbare Zeit eine wichtige Rolle bei den Demokraten spielen - genau davor haben die Progressiven Angst. Doch vorerst eint die Partei ein Hauptziel.

Von Hubert Wetzel, Washington

Alle waren nett, selbst die alten Gegner. Bernie Sanders verschickte einen Tweet, in dem er Kamala Harris gratulierte, nachdem der demokratische Präsidentschaftsbewerber Joe Biden sie am Dienstag zu seiner Vizekandidatin ernannt hatte. "Sie wird Geschichte machen", schrieb er.

Geschichte - history -, das war offenbar das Schlagwort der Stunde. Jedenfalls klang es bei Elizabeth Warren ganz ähnlich. "Als unsere Kandidatin für die Vizepräsidentschaft macht Kamala Harris Geschichte", hieß es in ihrer Stellungnahme. Und die meisten Demokraten atmeten erleichtert auf: Glück gehabt! Die Linken machen keinen Stress; wenigstens keinen allzu großen.

Denn natürlich waren die Glückwünsche, die die beiden Anführer des linken Flügels der Partei so großherzig verteilten, zumindest zum Teil geheuchelt. Jeder weiß, dass Sanders und Warren lieber nicht mit Biden an der Spitze in den Präsidentschaftswahlkampf gezogen wären, den sie für einen lauen, mutlosen Mitte-Politiker halten. Deswegen sind sie in der Vorwahl ja gegen ihn angetreten. Der Riss, der damals die Partei tief in Moderate und Linke gespalten hat, ist heute allenfalls zugekleistert, nicht geschlossen.

Und jeder weiß auch, dass dieser sogenannte progressive Parteiflügel lieber eine etwas linkere und lautere Vizekandidatin gehabt hätte als die geschliffene, kontrollierte Juristin Harris. Einige Frauen, auf die dieses Profil passt, standen angeblich auf Bidens Liste. Auch darüber, dass er Warren auswählen könnte, gab es Spekulationen. Allerdings wurde auch rasch klar, dass die Demokraten in einem Jahr, in dem das gesamte Land von "Black Lives Matter"-Protesten erschüttert wird, nicht mit zwei Weißen zur Präsidentschaftswahl antreten können.

Am Ende entschied Biden sich dann für Harris: eine schwarze Frau, nach allen gängigen Bewertungskriterien eine solide linksliberale Senatorin - aber bestimmt keine Politikerin, die die jungen, wilden Aktivisten am linken Rand der Partei besonders begeistert.

Kritiker finden, Harris sei zu eng mit Internetmillionären

Das ist die Klientel von Bernie Sanders. Und es ist deswegen kein Zufall, dass es vor allem ehemalige Sanders-Mitarbeiter und -Anhänger sind, die Bidens Auswahl seither kritisierten. "Es herrscht darüber schon sehr viel Frustration ", sagt Briahna Joy Gray, die frühere Pressesprecherin von Sanders' Wahlkampagne.

Sie und viele andere Linke werfen Harris vor allem vor, dass sie in ihrer Zeit als Staatsanwältin in Kalifornien nichts gegen Polizeibrutalität unternommen habe. Stattdessen habe Harris sich damals stolz als "Top Cop" bezeichnet, als Spitzenbulle, sagt Gray. Als demokratische Vizekandidatin sei sie daher heute die Falsche.

Ähnlich enttäuschtes Gegrummel kommt auch aus anderen Ecken des progressiven Universums. Harris' Kritiker bemängeln, dass sie zu eng mit den kalifornischen Internetmillionären sei, dass sie der Wall Street zu nahe stehe, dass sie Bernie Sander's Plan für eine allgemeine staatliche Krankenversicherung zuerst unterstützt habe, dann aber davon abgerückt sei, je nach politischer Opportunität.

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