Es gibt wohl kein Gebäude, das stärker für die Sorge steht, die einen Teil der US-Bevölkerung vor dieser Wahl umtrieb, als das Auszählzentrum in Phoenix. Der Betonbau südlich der Innenstadt hat einen dicken Metallzaun und andere Barrieren bekommen, Scharfschützen und Drohnen sicherten die Gegend, in der Nacht flogen Polizeihubschrauber über der Stadt. Hier im Maricopa County, dem größten Wahlkreis des umkämpften Bundesstaats Arizona, hatte das Lager von Donald Trump die Ergebnisse von 2020 besonders aggressiv angefochten. Diesmal wollte man gewappnet sein gegen alle möglichen Anfechtungen und Drohungen.
Und nun? No news, keine besonderen Vorkommnisse. Über größere Gewalt in der Wahlnacht oder Manipulationsvorwürfe ist bis zur Stunde nichts bekannt, weder in Arizona noch anderswo. Alles ging weitgehend friedlich über die Bühne. Hat man also überreagiert, war hysterisch? Keineswegs. Denn die Furcht vor Ausschreitungen oder gar einem Bürgerkrieg nach einer Niederlage Trumps war durchaus berechtigt, sie war so real wie die physischen Angriffe auf Wahlhelfer vor vier Jahren, so real wie die Fellmütze des QAnon-Schamanen, der am 6. Januar 2021 zusammen mit Tausenden aufgepeitschten Trump-Anhängern das Kapitol in Washington stürmte.
Schon vor dem 5. November hatte Trump behauptet, die Wahl werde „gestohlen“
Trumps populistische Erzählung lautet bekanntlich, dass eine Entscheidung gegen ihn theoretisch wie praktisch widersinnig sei, weil er ja das „Volk“ verkörpere. Deshalb hat Trump sicherheitshalber auch diesmal wieder behauptet, Wochen vor dem 5. November, die Wahl werde „gestohlen“. Republikaner reichten Dutzende Klagen ein gegen mutmaßliche Irregularitäten, etwa bei der Registrierung oder Identifizierung von Wählern. Fast alle wären vermutlich, wie schon vor vier Jahren, gescheitert.
Es ging Trump und seinen Anhängern auch nicht ums Gewinnen vor Gericht, sondern darum, den demokratischen Prozess zu diskreditieren, Zweifel zu sähen, Angst und Wut zu schüren, zu drohen. Auf Plattformen wie Telegram machten Überlegungen tausendfach die Runde, wie man nach einem Sieg Harris’ von der Empörung zur realen Tat übergehen könne.
Sich darauf vorzubereiten und alles zu tun, um wenigstens die Angriffsfläche zu verkleinern, war insofern eine vernünftige Strategie. Zumal manche Bundesstaaten nebenbei auch tatsächliche Schwachstellen des Wahlsystems beseitigten. Vielerorts wurde etwa das Auszählungsverfahren modernisiert und vor allem beschleunigt.

