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US-Wahl 2016:Clinton-Team war technisch weit besser

Der RNC war ebenso wichtig für den Wahlsieg wie andere Akteure. Die milliardenschweren Koch-Brüder spendeten zwar nicht an Trump, aber sie gaben mindestens 150 Millionen Dollar aus, um ihre Kandidaten in den Senat zu bringen. Im wahlentscheidenden Wisconsin, wo Trump mit nur 27 000 Stimmen Vorsprung siegte, investierte neben anderen Gruppen der Club for Growth eine Million Dollar, um die Wiederwahl von Senator Ron Johnson zu sichern - nicht nur der Weekly Standard glaubt, dass Trump deshalb als "knapper Sieger ins Ziel kam".

Clinton-Team war technisch weit besser. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Die Darstellung des Daten-Teams von Hillary Clinton erscheint nicht zutreffend. Ja, sie verließ sich "auf das Erbe des ersten Social-Media-Präsidenten, Barack Obama" und erhielt "die Adresslisten der Demokratischen Partei" und "Unterstützung von Google und Dreamworks". Doch dies gehört zum Einmaleins des digitalen Wahlkampfs (siehe RNC oben). 2016 tat das Clinton-Lager genau das, was CA-Chef Nix in seinem breit zitierten Vortrag als Neuigkeiten verkauft: Es gab eine eigene App für Aktivisten, über die Daten gesammelt wurden, und das messaging war auf Geschlecht, Rasse und Alter zugeschnitten.

Nix hinterfragt in seinem PR-Vortrag das Vorgehen der Konkurrenz, wonach Wahlkampagnen nach demografischen Konzepten geführt würden: "Eine lächerliche Idee, wenn Sie darüber nachdenken: Alle Frauen erhalten die gleiche Nachricht, bloß weil sie das gleiche Geschlecht haben - oder alle Afroamerikaner, wegen ihrer Rasse?" Doch diese Aussage ist falsch, denn schon 2012 waren die Daten-Nerds viel weiter - passgenaue Botschaften hatte das Obama-Team zu bieten (Details hier). Gewiss: Mit Aufträgen von Präsidentschaftskandidaten lassen sich viele Millionen verdienen, weshalb man die Urteile der Konkurrenten über einzelne Akteure (auch CA) nicht überbewerten sollte. Aber es herrscht Einigkeit darüber, dass die Demokraten weiter technisch besser gerüstet sind (Details bei Politico). In Nevada und New Hampshire lief für Clinton alles nach Plan, doch für die Niederlagen in den sogenannten Rostgürtel-Staaten wie Michigan oder Ohio gab es andere Gründe.

Fazit: Alle vier Jahre, nach jeder Präsidentschaftswahl, loben sich die Sieger für ihre Strategie. Seit 2008 brüsten sich die Gewinner zudem mit ihrer Big-Data-Operation - die sich für Außenstehende schwer überprüfen lässt. 2012 wurden Obamas Strategen und Techniker in vielen Artikeln gefeiert.

Big Data ist fraglos wichtig, um möglichst viele der eigenen Wähler an die Urnen zu bringen ("Get Out the Vote"). Der Kandidat, dessen Team technisch fitter ist, hat einen möglicherweise entscheidenden Vorteil. Doch es ist nur ein Faktor von vielen. Deshalb lässt sich der Wahlsieg Trumps nicht dadurch erklären, dass sein Team die Firma Cambridge Analytica anheuerte. Es gelang womöglich, den technischen Rückstand auf die Clintons zu verringern - doch das ist nur ein Teil des Puzzles rund um die Wahl 2016, wie etwa auch die Entscheidung der Politberater Clintons, auf Wahlkampfauftritte in Wisconsin zu verzichten.

Ein letzter Gedanke: Wenn nur ein paar Zehntausend US-Bürger in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania anders abgestimmt hätten und sich die Welt folglich auf die erste US-Präsidentin vorbereiten würde, dann hätten viele Journalisten lobende Artikel auf Hillary Clintons Super-Nerds wie Elan Kriegel verfasst.

© SZ.de/joku/stein
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