US-VorwahlenSieg nach Punkten für den Ex-Bürgermeister

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Pete Buttigieg gelingt in Iowa die Überraschung: Er jagt Ex-Vizepräsident Joe Biden bei den Vorwahlen die Rolle des führenden Gemäßigten ab. Die Anhänger von Bernie Sanders sind wütend.

Von Hubert Wetzel, Des Moines

Vielleicht wird es nie eine abschließende Einigung darüber geben, welcher von den demokratischen Präsidentschaftsbewerbern die erste Vorwahl des Jahres im US-Bundesstaat Iowa in Wahrheit gewonnen hat: Bernie Sanders oder Pete Buttigieg. Das liegt nicht nur an den technischen Problemen, die es bei den Wahlversammlungen - den "Caucuses" - gegeben hat. Sondern auch daran, dass man, je nachdem, welches Kriterium man benutzt, um den Begriff "Sieg" zu definieren, zu unterschiedlichen Urteilen kommen kann.

Das zeigt sich, wenn man sich die Ergebnisse aus 71 Prozent der Wahlbezirke ansieht, welche die Demokratische Partei bis Mittwoch veröffentlicht hatte. Nach diesen Daten bekam Sanders in beiden Abstimmungsrunden sowohl in absoluter als auch relativer Hinsicht mehr Wählerstimmen als Buttigieg. Nach der zweiten Runde lag der Senator aus Vermont mit 32 772 Stimmen (26,2 Prozent) zu 31 458 Stimmen (25,2 Prozent) vor dem früheren Bürgermeister aus Indiana.

Allerdings werden in Iowa diese Wählerstimmen in sogenannte Delegiertenanteile umgerechnet. Und das hat zur Folge, dass Buttigieg knapp die Führung übernimmt. Nach dieser Umrechnung nämlich, auf der das offizielle Endergebnis beruhen wird, liegt er mit 26,8 zu 25,2 Prozent vor Sanders. Kein Wunder, dass die Anhänger von Sanders sich betrogen fühlen.

Doch um das Ergebnis der Vorwahl, soweit es bekannt ist, politisch zu bewerten, muss man gar nicht so tief ins Detail gehen. Sicher scheint zu sein, dass sich das Bewerberfeld in drei Gruppen aufgeteilt hat: Auf die Plätze eins und zwei sind mit jeweils ähnlich großer Wählerunterstützung Sanders und Buttigieg gekommen. Beide erhielten je etwa ein Viertel der Stimmen. Auf Platz drei landete mit einem mittelguten Stimmenanteil von etwa 20 Prozent, also einem Fünftel, die Senatorin Elizabeth Warren. Und die Ränge vier und fünf teilten sich der frühere Vizepräsident Joe Biden sowie die Senatorin Amy Klobuchar - wiederum beide mit ähnlich hoher Wählerunterstützung. Ihr Stimmenanteil in den beiden Wahlrunden lag jeweils bei zwölf bis 14 Prozent, was einem Achtel und einem Siebtel entspricht.

Um im Rennen zu bleiben, muss Biden spätestens Ende des Monats in South Carolina punkten

Das war für Klobuchar ein sehr erfreulicher Erfolg. Ihr zweistelliges Ergebnis war deutlich höher, als viele Umfragen es hatten erwarten lassen. Entsprechend erleichtert reiste Klobuchar am Montagabend nach New Hampshire ab, wo in einigen Tagen die zweite Vorwahl stattfindet. Für Biden war das Ergebnis hingegen ein herber Schlag, da er die Erwartungen kräftig unterboten hat. Sein Stimmanteil war enttäuschend niedrig. Noch vor wenigen Wochen hatte er die Umfragen in Iowa angeführt. Um im Rennen zu bleiben, muss er spätestens bei der Vorwahl in South Carolina Ende des Monats einen klaren Sieg schaffen. Sonst könnte ihm die politische und finanzielle Unterstützung wegbröckeln, und das überstehen Kandidaten meist nicht. Auch Warren braucht in absehbarer Zeit einen Sieg, um durchhalten zu können.

Das Spitzenduo Sanders/Buttigieg ist insofern interessant, als die beiden Politiker die beiden Flügel der Demokraten repräsentieren, die heftig miteinander um den künftigen Kurs der Partei ringen. Anders gesagt: Im Wahlergebnis von Iowa spiegelt sich sehr deutlich die tiefe Spaltung der Demokraten wider.

Sanders und Buttigieg warben beide damit, Außenseiter zu sein. In Iowa kommt so etwas gut an

Sanders ist zwar kein Parteimitglied, sondern parteilos. Aber er ist eng mit dem linksliberalen, "progressiven" Flügel der Partei verbunden. Sanders strebt einen grundsätzlichen Um- und vor allem drastischen Ausbau des US-Sozialstaats an. Unter anderem will er eine staatliche Krankenversicherung für alle Bürger einführen. Was seine Rhetorik angeht, ist Sanders erheblich radikaler und klassenkämpferischer als etwa Warren.

Buttigieg vertritt dagegen den moderaten Flügel der Demokraten. Seine sozialpolitischen Reformpläne sind bescheidener, er redet versöhnlicher und betont, dass er auch Amerikaner erreichen wolle, die anderer Meinung als er seien. In den Augen vieler Sanders-Anhänger ist Buttigieg daher kaum besser als die Republikaner. Ursprünglich hatte Joe Biden darauf gesetzt, dass er diese Rolle des gemäßigten, vernünftigen, kompromiss- und kooperationsbereiten Mitte-Demokraten übernehmen werde, der sich von den linken Ideologen absetzt. Zumindest in Iowa aber hat der erst 38 Jahre alte Buttigieg dem 77-jährigen Biden diesen Part abgejagt. Das muss nicht auf Dauer sein. Aber Buttigiegs Erfolg ist ein Warnzeichen für Biden.

Dass ausgerechnet Sanders und Buttigieg in Iowa gewonnen haben, lässt sich aber auch mit Besonderheiten des Staates erklären. Die Wähler in Iowa mögen Populisten - ideologisch neutral definiert als Politiker, die es (tatsächlich oder vermeintlich) im Namen des Volkes mit der Regierung in Washington, großen Konzernen, kurz: dem System, aufnehmen. Das hat dazu geführt, dass aus dem Staat einige der härtesten rechten Parlamentarier, aber auch einige der liberalsten stammen.

Sowohl Sanders als auch Buttigieg haben im Vorwahlkampf damit geworben, dass sie in Washington Außenseiter seien und deswegen dort Dinge ändern könnten. Biden hingegen hat stets erzählt, wie viele Jahrzehnte Erfahrung er im politischen Geschäft hat und wie gut er mit anderen Politikern aller Parteien verbandelt ist. Genau das haben Buttigieg und Sanders als Problem angeprangert. Die Wähler sahen es wohl ähnlich.

© SZ vom 06.02.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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