US-Vorwahl:Trump stellt Nato in Frage: "Können uns das nicht mehr leisten"

  • Donald Trump möchte sich als US-Präsident mehr dem Aufbau des eigenen Landes widmen, als sich außenpolitisch stark zu engagieren.
  • Mit dem Argument "Wir können uns das nicht mehr leisten" stellt er neben der Nato auch das US-Engagement in Nahost und Asien in Frage - Staaten wie Deutschland oder Saudi-Arabien sollen künftig mehr zahlen.
  • Der Republikaner, der in allen Umfragen führt, hält "Unberechenbarkeit" in der Außenpolitik für etwas Positives, um Feinde in die Irre zu führen.

Von Matthias Kolb, Washington

Ein Redaktionsbesuch bei der Washington Post. Ein Treffen mit Senatoren und Abgeordneten. Eine Pressekonferenz und mehrere Interviews. Zum Abschluss eine wichtige außenpolitische Rede vor Tausenden Besuchern einer Veranstaltung der proisraelischen Lobbygruppe "American Israel Public Affairs Committee" (AIPAC).

Dies klingt nach einem typischen Tag für einen Kandidaten, der gute Chancen hat, ins Weiße Haus einzuziehen. Doch für Donald Trump, den Reality-TV-Milliardär ist dieses Programm - einen Tag vor den Vorwahlen in Arizona und Utah - außergewöhnlich. Denn sein Erfolg beruht vor allem darauf, jene Dinge zu vermeiden, die "typische Politiker" tun. Doch an diesem Montag übt sich der 69-Jährige darin, gemäßigter und ein wenig staatsmännisch aufzutreten.

Im Dezember hatte Trump vor der Republican Jewish Coalition noch mit antisemitischen Klischees gespielt ("Ihr unterstützt mich nicht, weil ich euer Geld nicht brauche") und erklärt, die US-Botschaft in Israel nicht nach Jerusalem verlegen zu wollen - entgegen der Linie der Republikaner. Nun will Trump offenbar ähnliche Provokationen verhindern und liest - eine Seltenheit! - vom Teleprompter ab. So hält er seinen Gedankenfluss in geordneten Bahnen, folgt dem republikanischen Mantra und verspricht unter großem Jubel den Umzug der Botschaft, sollte er ins Weiße Haus einziehen.

Trump schwört Israel die Treue

Er habe Israel "sein Leben lang unterstützt" und sei ein "echter Freund" der einzigen Demokratie in Nahost, sagt Trump. Er verweist darauf, dass er 2004 als Großmarschall bei der "Israel Day Parade" von New York mitmarschiert sei, und erinnert die Zuhörer daran, dass seine Tochter einen Juden geheiratet habe und selbst seit 2009 Jüdin sei: "Ivanka wird ein schönes jüdisches Baby gebären - es könnte jeden Moment passieren."

Ansonsten schimpft er auf den "schrecklichen Nuklear-Deal" mit Iran, dessen Terror-Netzwerk er zerstören werde. Hillary Clinton, die kurz zuvor das AIPAC-Publikum vor dem "unzuverlässigen Tyrannen" Trump gewarnt hatte, nennt er ein "komplettes Desaster" - noch schlimmer findet er die Vereinten Nationen ("die sind gegen Demokratie und gegen Freiheit"). Die UN dürften bei Verhandlungen mit den Palästinensern keine Rolle spielen.

Die Nato hält der Republikaner in dieser Form für "zu teuer"

Nach jener "neutralen Position", die er noch kürzlich in Nahost einnehmen wollte, klingt das nicht mehr. Dennoch verdeutlicht dieser Tag, dass Trumps außenpolitische Vorstellungen sich mitunter sehr von denen anderer konservativer Politiker unterscheiden (an Klimawandel glaubt er allerdings auch nicht). Bei seinen Auftritten tönt er zwar stets, "die IS-Kämpfer bis zur Hölle zu verfolgen", doch im Gespräch mit den Redakteuren der Meinungsseite der Washington Post ist er nicht sehr kriegstreiberisch. Stattdessen stellt der 69-Jährige das nordatlantische Verteidigungsbündnis in Frage: "Das Konzept der Nato ist gut, aber die USA müssen auch Hilfe bekommen."

Trump kann nicht verstehen, dass die USA "Hunderte Milliarden" ausgeben würden, um reiche Staaten wie Deutschland, Südkorea, Japan oder Saudi-Arabien zu unterstützen. Die Regierung in Berlin und andere Staaten "aus der Nachbarschaft" sollten sich stärker um den Ukraine-Konflikt kümmern. Auch wegen des teuren Irak-Kriegs müssten die USA das eigene Land aufbauen: "Unsere Flughäfen und Brücken, die sind in einem Zustand wie in der Dritten Welt." Auch in Asien, so deutet es Trump an, sollte sich Washington weniger stark engagieren. Ohnehin müsse die USA nicht überall auf der Welt Militärbasen unterhalten.

"Heute sind wir ein armes Land"

Dieses Argument wirkt: Wer täglich auf amerikanischen Straßen unterwegs ist, weiß, in welch miserablem Zustand die Infrastruktur ist. Zugleich sind die Wähler überzeugt, dass die Regierung zu viel Geld im Ausland ausgibt und ihnen zu wenig hilft - sie schätzen den Anteil von Entwicklungshilfe des Budgets auf 26 Prozent (in Wahrheit ist es weniger als ein Prozent).

Und Trump sagt einen Satz, den viele seiner Anhänger unterschreiben würden: "Ich denke, dass wir früher ein sehr mächtiges, sehr reiches Land waren. Heute sind wir ein armes Land. Wir sind eine verschuldete Nation."

Im Gespräch mit den Post-Redakteuren (hier nachzulesen) gibt Trump bekannt, dass er "Unberechenbarkeit" für etwas Positives hält und erzählt, wer ihn neben dem Hardliner-Senator Jeff Sessions noch berät. Dies sind etwa der Anti-Terror-Experte Walid Phares, Sean Schmitz (der bei dem umstrittenen militärischen Dienstleistungsunternehmen Blackwater anheuerte, nachdem er in der Bush-Ära im Pentagon Karriere gemacht hatte), ein Ölpreis-Analyst namens George Papadopoulos sowie Ex-General Keith Kellogg (mehr über die Berater-Riege hier).

Trump verteidigt die Größe seiner Hände

Gewiss: Dieser Tag ist mit Terminen vollgepackt, und doch gibt es die typischen Trump-Momente. Einerseits präsentiert der 69-Jährige stolz das alte Postamt, das der Immobilien-Mogul zu einem Hotel umbauen lässt. Im Herbst soll es eröffnet werden. Es befindet sich auf der Pennsylvania Avenue, also genau zwischen dem Weißen Haus und dem US-Kongress. Hier hält er eine wie üblich selbstbewusste Pressekonferenz ab.

Und die Redakteure der Washington Post fragen auch nach dem Tiefpunkt dieses Wahlkampfs: der Diskussion zwischen Trump und Marco Rubio über die Größe von Trumps Händen und mögliche Rückschlüsse auf andere Körperteile. Der Milliardär betont, er habe dem Publikum versichern müssen, dass es hier "keine Probleme" gebe. An diesem Montag beschreibt er seine Hände mit diesen Worten: "normal", "stark, "großartig", "eher groß, um ehrlich zu sein".

Zu solchen Debatten passt eine aktuelle Umfrage der New York Times: Sechs von zehn Republikanern geben an, sich in diesem Wahlkampf für die eigene Partei ziemlich zu schämen. Trumps Popularität tut das keinen Abbruch: Wenn nichts Außergewöhnliches geschieht, dann wird er für die Republikaner ins Rennen ums Weiße Haus gehen.

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