Süddeutsche Zeitung

US-Vorwahl in New Hampshire:Trump und Sanders feiern ihre ersten Siege über das Establishment

Die Partei-Rebellen siegen deutlich in New Hampshire. Auf die Verlierer Clinton und Rubio warten Tage voller Negativ-Schlagzeilen und Ohios Gouverneur Kasich jubelt über seinen zweiten Platz.

Analyse von Matthias Kolb, Manchester (New Hampshire)

Im zweiten Anlauf hat es Donald Trump geschafft: Der umstrittene Milliardär aus dem Reality-TV gewinnt bei der Vorwahl zur US-Präsidentschaft in New Hampshire mit 19 Punkten Vorsprung vor John Kasich und Ted Cruz. Bei den Demokraten fügt Bernie Sanders der Favoritin Hillary Clinton eine schmerzhafte Niederlage zu: Der "demokratische Sozialist" siegt mit 22 Prozent Vorsprung. Sanders ist Jude und damit der erste Nicht-Christ, der eine US-Vorwahl gewinnt.

Die nächsten Vorwahlen der Republikaner, die in South Carolina (20.2.) und Nevada (23.2.) stattfinden, werden besonders schwierig für Marco Rubio. Vor einer Woche galt er als Star des moderaten Lagers, nun sehen ihn die - stets aufgeregten - US-Experten in einem politischen Überlebenskampf. Was das Ergebnis für die verbliebenen Kandidaten bedeutet, lesen Sie hier:

Hillary Clinton (68, Ex-Außenministerin):

2008 retteten New Hampshires Wähler Clinton, als sie ihr einen knappen Sieg gegen Barack Obama bescherten. Nun stoßen sie die frühere Außenministerin in den Abgrund: Trotz eines All-Star-Ensembles von Unterstützern (Ehemann Bill, Tochter Chelsea, Ex-Außenministerin Madeleine Albright sowie New Hampshires Senatorin und Gouverneurin) ist die 68-Jährige chancenlos gegen Bernie Sanders. Nicht mal unter weiblichen Wählern gewinnt sie eine Mehrheit. Seit Tagen gibt es Gerüchte, dass prominente Mitarbeiter ihres Wahlkampfteams gefeuert werden sollen - kein Wunder, denn Clintons "nur ich bin wählbar"-Botschaft wirkt vor allem bei unabhängigen Wählern überheblich.

Bernie Sanders (74, Senator aus Vermont):

Die "politische Revolution" ist echt und wird über New Hampshire hinausgehen: Sanders erfüllt die Erwartungen und fährt einen klaren Sieg ein. "Wir senden gemeinsam eine Botschaft aus: Die Regierung gehört allen Bürgern und nicht nur den Ultrareichen und Super-Pacs", rief er seinen jubelnden Anhängern zu. Gewiss: In Nevada (20.2) und South Carolina (27.2.) sind die Wähler nicht mehr so weiß und liberal. Bei Latinos und Afroamerikanern ist Clinton viel beliebter - zumindest bisher. Denn nach dem 60-Prozent-Ergebnis werden sich viele Wähler über den Senator informieren. Sanders hat neben der Begeisterung seiner Fans einen weiteren Vorteil: Egal wie viel Geld die Clintons sammeln und ausgeben werden - Hunderttausende, die Sanders bisher im Durchschnitt 27 Dollar gespendet haben, werden mehr geben, damit ihr Idol weiter kämpfen kann.

Donald Trump (69, Immobilien-Milliardär)

Dieser Abend ist ganz nach Trumps Geschmack: Mit 35 Prozent erhielt er mehr als doppelt so viele Stimmen wie John Kasich auf Platz zwei. Mit seiner Familie steht er auf der Bühne und variiert sein Wahlversprechen. In verschiedenen Formen sagt er immer wieder das gleiche: Er wolle Amerika wieder groß machen. Der eindrucksvolle Sieg zeigt, dass viele Wähler keinen Wert auf Details legen - und dass selbst Obama-Anhänger für den 69-Jährigen stimmen. Egal ob jung oder alt, Mann oder Frau, Arbeiter oder Uni-Absolvent: Trump lag überall vorne. In South Carolina (20. Februar) und Nevada (23. Februar) führt Trump in den Umfragen ebenfalls - und seine Fans dort haben keinen Grund, ihm untreu zu werden, denn er hat ihnen gezeigt, dass er kein "Verlierer" ist.

John Kasich (63, Gouverneur von Ohio)

Als in Iowa abgestimmt wurde, war John Kasich schon in New Hampshire. Er hielt 106 Townhall-Treffen ab: Hier können Wähler jede Art von Fragen stellen - und Ohios Gouverneur überzeugt bei solchen Events. Vielen der Wähler, die ihm 16 Prozent bescherten, gefällt Kasichs Optimismus: Er wirbt dafür, mit Demokraten zu kooperieren und bleibt bei der Frage nach dem Schicksal illegaler Einwanderer moderat. Umfragen zeigen, dass Kasich von allen Kandidaten in den vergangenen Tagen am meisten an Zustimmung gewann - und er sollte nun auch finanzielle Unterstützung von Leuten erhalten, die Trump nicht im Weißen Haus sehen wollen.

Ted Cruz (45, Senator aus Texas)

Der ultrakonservative Texaner landet mit zwölf Prozent auf einem dritten Platz. In Iowa bescherten ihm die streng religiösen Wähler den Sieg - diese Gruppe ist in New Hampshire klein. Nachdem Rand Paul seine Kandidatur beendet hat, dürften die Libertären in Cruz' Lager gewechselt haben. Über das Ergebnis des Senators redete kaum jemand, denn mit Spannung wird erwartet, wie gut der 45-Jährige im konservativeren South Carolina und am Super Tuesday in den Südstaaten abschneiden wird. Immer noch gilt: Cruz' Organisation ist exzellent und seine Wahlkampfkasse gut gefüllt.

Wieso sich Jeb Bush freut, dass Marco Rubio abgestürzt ist

Jeb Bush (62, Ex-Gouverneur von Florida)

Die politischen Nachrufe auf "Jeb!" (das Ausrufezeichen soll dynamisch wirken) waren schon geschrieben, doch nun ist der Ex-Gouverneur zurück. Die elf Prozent werden ihm Auftrieb geben und viele überraschen. In New Hampshire hatte Bush sowohl Trump als auch Rubio mit guten Sprüchen und Argumenten attackiert (mehr in diesem SZ.de-Text) - und dass er vor seinem einstigen Protegé Rubio landete, wird ihn freuen. Geld spielt bei den Bushs keine Rolle und in South Carolina wird George W. Bush für seinen Bruder werben, was wiederum Medienaufmerksamkeit garantiert. In diesem Staat, in dem viele aktive und ehemalige Soldaten wohnen, ist der Ex-Präsident weiter populär.

Marco Rubio (44, Senator aus Florida)

Vor acht Tagen rief sich Marco Rubio als Dritter in Iowa zum eigentlichen Sieger aus - und viele Medien sahen dies ähnlich. Doch dann kam eine TV-Debatte, in der alle den jungen Senator als unerfahren attackierten. Rubio geriet mächtig ins Schwitzen und wiederholte immer wieder einen Satz. Das Image des "Marco Robot", der nur vorgeschriebene Sätze verbreitet, war geboren und so schwenkten viele Wähler auf Kasich um. Am Abend übernahm Rubio die Verantwortung: "Diese Niederlage geht auf mich. So etwas wird nicht wieder passieren.

Chris Christie (53, Gouverneur von New Jersey)

Für New Jerseys Gouverneur ging es in New Hampshire um alles. Zweieinhalb Monate verbrachte er hier und absolvierte ein halbes Dutzend Auftritte am Tag. Ständig betonte er seine Erfahrung als Gouverneur und Staatsanwalt nach 9/11 - vergebens. Sein Ergebnis von acht Prozent ist viel zu wenig: Er landet nicht nur hinter Kasich und Bush. Auch Rubio, den Christie als "Bubble Boy" verspottete und in der letzten TV-Debatte so brutal angegangen war, dass sich das Internet Tierkampf-Videos als Vergleiche suchte. Christie zieht sich am Mittwoch zu Beratungen mit seiner Familie zurück. Er hat eigentlich keine Argumente mehr, wieso ihm Spender oder Bürger Geld geben sollten - und wird ewig bereuen, 2012 nicht Obama herausgefordert zu haben.

Carly Fiorina (61, Ex-Managerin aus Kalifornien)

Die roten Poster, auf denen in weißen Lettern "CARLY" stand, sind überall in New Hampshire zu sehen. Doch die frühere Hewlett-Packard-Chefin hatte es sehr schwer, nachdem sie am Samstag nicht an der TV-Debatte teilnehmen durfte. Unter diesen Umständen sind die vier Prozent respektabel. Auch wenn Fiorina betont, dass sie über mehr Geld verfügt als Christie und Kasich zusammen, werden immer mehr Konservative die einzige Republikaner-Kandidatin zum Rückzug auffordern.

Ben Carson (64, Ex-Gehirnchirurg)

Kein Kandidat verbrachte so wenig Zeit (nur 17 Tage) in New Hampshire wie Carson. Der Außenseiter mit Doktor-Titel, der gern über Religion und den Verfall von Manieren redet, passt besser nach Iowa mit seinen vielen Evangelikalen als zu den rebellischen Konservativen New Hampshires: Aus neun Prozent wurden zwei Prozent. Schon vor dem Iowa-caucus gab es Gerüchte (die Ted Cruz schamlos ausnutzte), dass Carson bald ausscheiden werde - doch wann das geschieht, ist unklar. Geld hat er genug und seine Umfragewerte reichen, um sich für alle TV-Debatten zu qualifizieren.

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