US-türkisches Verhältnis Trump, Erdoğan und ein Pastor

Benützt Ankara ihn als politische Geisel? Dem protestantischen Geistliche Andrew Brunson könnte in der Türkei eine jahrzehntelange Haftstrafe drohen.

(Foto: AFP)
  • Die USA und die Türkei liegen seit Jahren im Clinch. Die Liste der Streitpunkte reicht von der Syrien-Politik bis zu einem protestantischen US-Pastor.
  • Der Fall des Geistlichen Andrew Brunson dürfte die Beziehungen nun weiter belasten.
  • Brunson sitzt in der Türkei in Haft - und für die meisten ausländischen Beobachter besteht kein Zweifel, dass er eine politische Geisel ist.
Von Luisa Seeling

Beim Nato-Gipfel in Brüssel vor gut zwei Wochen hatte US-Präsident Donald Trump den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan noch per "fist bump" begrüßt, zu Deutsch "Faustgruß" oder auch "Ghettofaust". Beobachter sahen schon eine neue Männerfreundschaft entstehen, zumal Trump Erdoğan ordentlich Honig um den Bart schmierte: "Ich mag den Kerl", soll er gesagt haben, und dass Erdoğan ein Mann sei, der die Dinge richtig anpacke. Der türkische Kolumnist Cengiz Çandar nannte es einen "strongman bro moment", Moment der Verbrüderung der starken Männer. Es wirkte, als hätten da zwei einen Draht zueinander gefunden - und als sei eine Wiederannäherung möglich.

Denn Ankara und Washington liegen seit Jahren im Clinch. Die Liste der Streitpunkte reicht von der Syrien-Politik bis zu einem protestantischen US-Pastor namens Andrew Brunson, der in der Türkei der Spionage und Terrorunterstützung angeklagt ist. Zuletzt gab es Signale der Entspannung: So hatte sich die Kurdenmiliz YPG aus dem nordsyrischen Manbidsch zurückgezogen, auf Betreiben der Amerikaner, die so Ankaras dringendem Wunsch nachkamen.

Auch im Fall Brunson gab es eine Art Deal, dachte, so schrieb die Washington Post , jedenfalls Trump. Demnach hatten sich seine Leute bei der israelischen Regierung dafür eingesetzt, dass eine türkische Staatsbürgerin freikommt, die dort in Haft saß, weil sie für die Hamas geschmuggelt haben soll. Die Frau kehrte am 15. Juli in die Türkei zurück. Am 18. Juli wurde die Verhandlung gegen Brunson fortgesetzt; entgegen den Erwartungen entschied die türkische Justiz, Brunson nicht auf freien Fuß zu setzen. Am Mittwoch wandelte das Gericht wegen des schlechten Gesundheitszustands des Pastors die Untersuchungshaft in Hausarrest um.

Das aber entsprach nach Lesart der Washington Post nicht dem, was die Amerikaner erhofft hatten; und so folgte auf den per Ghettofaust besiegelten "strongman bro moment" ein ziemlich unfreundlicher diplomatischer Schlagabtausch, der sich dank Trump vor allem auf Twitter abspielte. Berichten zufolge sollen Trump und Erdoğan am Donnerstag noch telefoniert haben. Offenbar erfolglos, denn kurz darauf drohte der US-Präsident der Türkei "weitreichende Sanktionen" im Fall Brunson an. Sofort müsse "dieser unschuldige Mann des Glaubens" freigelassen werden, Brunson sei "ein großartiger Christ, ein Familienmensch", und er leide fürchterlich.

Ankara würde den Pfarrer am liebsten austauschen gegen den angeblichen Putschführer Gülen

Die Reaktion kam prompt. Sein Land toleriere keine Drohungen, twitterte Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu. Rechtsstaatlichkeit gelte für alle. Erdoğans Sprecher Ibrahim Kalın ließ die USA wissen, sie müssten ihren Ansatz überdenken und eine konstruktive Haltung einnehmen, ehe sie eigenen Interessen und der Allianz mit der Türkei schadeten.

Der Fall Brunson dürfte die Beziehungen zwischen Türkei und USA weiter belasten. Brunson lebt seit mehr als 20 Jahren in Izmir als Pastor einer kleinen evangelikalen Missionsgemeinde. 20 Monate saß er in Haft. Die Vorwürfe muten fast bizarr an: Laut Anklage pflegte er Kontakte zur PKK, habe in der Türkei eine Art christliches Kurdistan errichten wollen (ein geheimer Zeuge behauptete gar, Brunson haben Bibeln mit PKK-Logo gedruckt). Zudem habe er im CIA-Auftrag an der Planung des Putschversuchs vor zwei Jahren mitgewirkt; er habe Verbindungen zur Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen gehabt, den Ankara für die treibende Kraft hält. All das ist schon daher unlogisch, weil PKK und Gülen-Bewegung einander immer spinnefeind waren - schwer vorstellbar, dass jemand mit beiden Gruppen kolludiert.

Für die meisten ausländischen Beobachter besteht kein Zweifel, dass Brunson eine politische Geisel ist. Tatsächlich gibt es viele Forderungen der Türkei an die USA: Zuvorderst Gülens Auslieferung, der seit den 90er-Jahren in Pennsylvania lebt. Erdoğan schlug einen Austausch vor, "gebt uns euren Geistlichen, wir geben euch unseren". Die türkische Regierung will auch verhindern, dass die USA wegen Umgehung von Iran-Sanktionen eine Milliardenstrafe gegen die türkische Halkbank verhängen. Gestritten wird auch um F-35-Kampfjets, deren Auslieferung an die Türkei der US-Senat vorläufig gestoppt hat, um Druck auf Ankara auszuüben. Brunson ist für Ankara ein politischer Hebel - der aber bisher nicht so recht wirkt.

Umgekehrt ist es den USA nicht gelungen, den Pastor heimzuholen. Die Türkei dementiert, dass es einen Deal gab - der Bericht der Washington Post über die Absprache mit Israel sei falsch, sagte ein türkischer Regierungsbeamter am Freitag der Hürriyet Daily News. Und überhaupt: Die Regierung habe keine Absicht, sich in den Fall einzumischen, die Justiz sei schließlich unabhängig.

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