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US-Soldat tötet Zivilisten in Afghanistan:Merkel stellt Zeitplan für Truppenabzug in Frage

Die Vorgehensweise galt als Schlüssel zum Erfolg am Hindukusch. Nur so könne erreicht werden, was damals bereits diskutiert wurde und heute beschlossen ist: Bis Ende 2014 sollen alle Kampfverbände der Schutztruppe Isaf aus Afghanistan abgezogen und die Verantwortung für die Sicherheit an die afghanischen Streitkräfte übergeben sein.

Jedoch wurde immer wieder Kritik am "Partnering" laut. Mehr Kontakt zur Bevölkerung bedeute mehr Gefahr und damit eine größere (psychische) Belastung für die Soldaten.

Wie zeitaufwändig und schwierig sich die Ausbildung der Isaf-Truppen für den verständnisvollen Umgang mit den Afghanen umsetzen lässt, zeigt sich bereits in der Arbeit mit afghanischen Soldaten und Polizisten. Tatsächlich wurden Isaf-Soldaten in der Vergangenheit mehrfach ausgerechnet von Mitgliedern afghanischer Polizei- oder Militäreinheiten angegriffen.

Das öffentlich zugängliche Lehrmaterial veranschaulicht diese Problematik. Das englischsprachige Magazin Coin - Common Sense, nach eigenen Angaben "geschrieben von Soldaten für Soldaten", soll den Isaf-Truppen die partnerschaftliche "Aufstandsbekämpfung" (Counterinsurgency/COIN) nahebringen. In der aktuellen Ausgabe von Coin, der neunten seit Februar 2010 (hier als PDF), heißt es bezüglich der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte selbstkritisch: "Die Lehrmaterialien waren sehr westlich formuliert und stießen bei den Afghanen auf wenig Resonanz."

Auch zivile Helfer betrachten die Anstrengungen des Militärs äußerst skeptisch. Der Gründer der Organisation "Kinderhilfe Afghanistan", Reinhard Erös, klagte jüngst im Interview mit dem Deutschlandfunk, US-Soldaten würden nicht nur unsensibel, sondern auch aggressiv gegenüber der afghanischen Kultur auftreten. Der einfache Soldat "versteht vom Islam nichts, der weiß von Afghanistan nichts, das interessiert den auch nicht groß", sagte Erös.

Was bedeutet der Vorfall für die Abzugspläne?

Bis Ende 2014 sollen alle Kampftruppen der Schutztruppe Isaf aus Afghanistan abgezogen sein. Es gibt unterschiedliche Einschätzungen, ob sich dieses Datum angesichts der Zwischenfälle und instabilen Sicherheitslage halten lässt. Als sicher gilt, dass ein überstürzter Abzug kontraproduktiv wäre. Experten halten diese Option für ausgeschlossen - wäre sie doch ein Eingeständnis der Isaf, in Afghanistan versagt zu haben.

Vorfälle wie jener bei Kandahar provozieren jedoch Racheaktionen und gefährden die Sicherheit der ausländischen Truppen. Als Reaktion auf die - zum Teil gewaltsamen - Proteste gegen Koranverbrennungen auf der US-Militärbasis Bagram zogen Deutschland, Frankreich, Großbritannien und teilweise auch die USA ihre Mitarbeiter aus afghanischen Ministerien ab. Die Bundeswehr räumte wegen der Ausschreitungen vorzeitig einen Außenposten.

Auch Angela Merkel äußerte Zweifel am Zeitplan. Bei einem überraschenden Besuch im nordafghanischen Masar-i-Scharif sagte die Kanzlerin, der Versöhnungsprozess mit Aufständischen wie den radikalislamischen Taliban habe zwar Fortschritte gemacht. Doch die CDU-Chefin könne noch nicht sagen, ob der Abzug bis zum Jahr 2014 zu schaffen sei: "Der Wille ist da, wir wollen das schaffen, und daran wird gearbeitet." Deutschland wolle aber am international vereinbarten Truppenabzug festhalten, hieß es aus Regierungskreisen in Berlin.

Mit Material von dpa, dapd, AFP und Reuters.