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US-Republikaner:Das Vertrauen in die "Mainstream-Medien" ist minimal

Das Misstrauen gegenüber Journalisten ist groß. Noch mehr bebt der Kinosaal aber, wenn ein Kandidat die - wirklich überforderten - Moderatoren attackiert. Ted Cruz bringt es auf den Punkt: "Die Fragen in dieser Debatte illustrieren, wieso das amerikanische Volk den Medien nicht vertraut. Warum redet wir nicht über wichtige Themen?" Und Marco Rubio wird gefeiert, als er die "Mainstream-Medien" als wichtigste Unterstützer der Demokraten bezeichnet.

Auch ausländische Reporter werden skeptisch gesehen. "Wer weiß, was der über dich schreibt", ruft der Nachbar von Carson-Anhänger Ben Dreyer und lacht. Dieser Witz offenbart das Misstrauen allen Journalisten gegenüber. Dementsprechend halten es viele für hinterhältige Attacken, wenn die Moderatoren Details wissen wollen oder Widersprüche ansprechen. Daher nimmt es niemand Carson übel, dass er bei fast allen inhaltlichen Fragen ausweicht und keine Details nennt.

Dass New York Times, CNN und Washington Post im Netz "Fact Checks" zu den Aussagen der Kandidaten anbieten, interessiert im Publikum kaum jemanden: Sie halten diese Medien für parteiisch, weshalb sie Dokumente oder die Einschätzungen von Professoren (auch sie gelten als unverbesserliche Liberale) nicht überzeugen.

Religion spielt eine große Rolle - zumindest in Iowa. Mehr als die Hälfte der republikanischen Wähler in Iowa gilt als sozial konservativ. Der Glaube der Politiker spielt also eine große Rolle - und ein Spruch wie Mike Huckabees "Hier geht es nicht um Mathe, sondern um Moral" trifft diesen Nerv. Wer wie Ben Carson an Gott glaubt, der wird als Präsident schon die richtigen Entscheidungen treffen, so die Überzeugung der Evangelikalen.

Auf viele Westeuropäer wirkt Carsons Vorschlag einer Einheitssteuer seltsam - sein Argument, dass ihm der Gedanke bei der Bibel-Lektüre kam, noch viel mehr. Patty findet den Plan gut: "Wenn wir alle Sonderregeln abschaffen, dann kommt sicher genug zusammen. Ungerechter kann unser Steuersystem doch gar nicht mehr werden", sagt die Mittfünfzigerin. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen. Ihr Mann sei Priester und daher wolle sie sich nicht als Carson-Fan outen.

Umfragen sind für Bürger nicht so entscheidend. Dass ihr Kandidat zuletzt sogar Donald Trump überholt hat, das wissen längst nicht alle Carson-Fans. Journalisten, Wahlkampf-Manager und die Kandidaten selbst mögen besessen sein von den Umfragedaten, in die sich viel hineininterpretieren lässt, doch die Wähler sehen es pragmatischer.

"Ich engagiere mich für Ben Carson, damit er hier gewinnt", erklärt Ben Dreyer. Er hoffe natürlich, dass sein Favorit weiterhin so populär bleibt, doch er weiß, dass in drei Monaten viel passieren kann. Christina Taylor, deren Mann für die Republikaner im Repräsentantenhaus von Iowa sitzt, ist optimistisch. Dabei komme es nicht nur auf eine gute Organisation an: "Je näher der Wahltag rückt, umso wichtiger werden die TV-Debatten."

Mit Carsons Leistung an diesem Abend ist Taylor ebenso zufrieden wie der schwarze Anwalt William Morris: Er sei genauso aufgetreten, wie sie es schätzen. "Er hat etwas Väterliches", findet Morris. Er ist überzeugt, dass Ben Carson genau der Präsident ist, den Amerika jetzt braucht.

Auch dies ist eine Meinung, die kaum ein Experte in Washington teilt.

© SZ.de/gal/rus

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