Früher galt einmal: Deutschland ist wirtschaftlich das stärkste Land Europas. Militärisch aber nicht – die Gründe dafür sind offenkundig. Diese Gewissheit verschiebt sich gerade, Deutschland rüstet auf. Dabei hatte Polen vor, die größte Armee des Kontinents aufzubauen, berichtet meine Kollegin Viktoria Großmann. Vor einem Jahr aber hielt Kanzler Friedrich Merz seine erste Regierungserklärung, er erklärte, die Bundeswehr solle die „konventionell stärkste Armee Europas“ werden. Insbesondere aus polnischer Sicht: ausgerechnet die Deutschen.
Der Grund für die Aufrüstung sitzt freilich in Moskau. Meine Kollegin Sina-Maria Schweikle hat ein Interview mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, und seinem britischen Amtskollegen, Sir Richard Knighton, geführt. Den Abzug von 5000 US-Soldaten sieht Breuer weniger kritisch als den Umstand, dass die „Tomahawks“ nun wohl doch nicht in Deutschland stationiert werden sollen. Sir Knighton spricht sich, um unabhängiger zu werden, für eine noch stärkere europäische Rüstungsindustrie aus.
Am Ende dieser Woche darf man – übrigens auch ohne ein Interview mit dem Chief of the Defence Staff der britischen Armee – einen Blick auf London werfen: Das politische Chaos ist groß, es wäre ein „Wunder“, schreibt unser Korrespondent Michael Neudecker, wenn Keir Starmer Premierminister bleiben würde. Der Politologe Tim Bale hat einen radikalen Vorschlag: Ein EU-Wiedereintritt könnte die Labour-Partei retten – nicht aber Starmer.
Und sonst? Verhandelt US-Präsident Donald Trump weiter mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping, der Taiwan brutal offen zur Verhandlungsmasse erklärt hat. In Deutschland wird Merz auf dem Katholikentag in Würzburg erwartet, kurz davor streiten deutsche Bischöfe mit dem Vatikan.
Was heute wichtig ist
US-Repräsentantenhaus: Knappe Entscheidung für Iran-Krieg. Das republikanisch kontrollierte US-Repräsentantenhaus hat denkbar knapp gegen ein Ende der US-Beteiligung am Iran-Krieg gestimmt. Die Abstimmung ging 212 zu 212 aus, nach den Regeln des Repräsentantenhauses scheiterte die Resolution damit. Für US-Präsident Donald Trump, der gerade auf Staatsbesuch in China ist, ist das eine gute Nachricht. Zum Liveblog zum Krieg in Nahost
Regierungskrise in Großbritannien: James Murray wird neuer Gesundheitsminister. Sein Vorgänger Wes Streeting war aus Protest gegen Regierungschef Starmer zurückgetreten. Starmer bedauerte den Schritt öffentlich. Am Abend ernannte der Premierminister James Murray zum neuen Gesundheitsminister. Zum Artikel
Karlspreis: Merz’ Botschaft an Trump und Putin. Einst rettete er den Euro, heute gelten seine Ideen als Plan für die Rettung der EU: Mario Draghi erhält den Aachener Karlspreis. Der Kanzler hält die Laudatio und hat eine Botschaft an Trump und Putin: Die Europäer würden selbst entscheiden, wer für sie spricht. Zum Artikel
USA wollen Kubas Ex-Staatschef Raúl Castro offenbar anklagen. Kuba leidet unter ständigen Stromausfällen, seit kein Öl mehr die Insel erreicht. Nun kam der US-Geheimdienstchef Ratcliffe zu Besuch – und Raúl Castro soll offenbar angeklagt werden. Zum Artikel
Katholische Kirche: „Beim Segen für Homosexuelle gibt es kein Zurück“. Kurz vor dem Katholikentag in Würzburg streiten der Vatikan und die deutschen Bischöfe über offizielle Segensfeiern für Schwule und Lesben. Dabei verlangen die Deutschen von Rom nicht zu viel, findet der Theologe Jochen Sautermeister. Zum Interview
ESC: Zweites Halbfinale ohne politische Kontroverse. Nach den Rufen zu Gaza im ersten Halbfinale kommt das zweite Halbfinale bemüht unpolitisch daher – und liefert eine glatt polierte Hochglanzshow. Zum Artikel
Weitere wichtige Themen
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Digitalwende: So wollen die Grünen den Staat modernisieren. In einem neuen Grundsatzpapier skizzieren führende Grüne eine Verwaltungsreform und fordern unter anderem einen Paradigmenwechsel beim Bürokratieabbau. Dabei zeigen sie sich offen für eine Staatsreform mit Grundgesetzänderung. Auch wichtig: Karsten Wildberger wehrt sich gegen Länderkritik bei digitalen Identitäten. Zum Briefing
Dossier Geoökonomie: Amerikas KI-Boom braucht Chinas Zulieferungen. Die USA und China stecken in einer eigentümlichen Symbiose fest – bei aller geostrategischen Rivalität. Beim KI-Boom in den USA hängt der Bau lokaler Rechenzentren von chinesischen Lieferketten ab, Chinas Industrie braucht wiederum den US-Markt. Ein US-Bann von chinesischen Routern zeigt: Abkoppelung ist einfacher gesagt als getan. Zum Briefing

